Collinas Erben

"Collinas Erben" grübeln Handspiel im Revierduell: Absicht oder nicht?

Von Alex Feuerherdt

Tja: Marc Bartra und Pierre-Emerick Aubameyang.

Tja: Marc Bartra und Pierre-Emerick Aubameyang.

(Foto: imago/VI Images)

Lange hat der Schiedsrichter in der Partie zwischen Schalke und dem BVB keine Probleme, dann wird's hektisch, strittig und gallig. Ein Handspiel erregt die Gemüter. In Hamburg löst der Referee die spielentscheidende Situation derweil tadellos.

In Schiedsrichterkreisen, das ist kein Geheimnis, mögen sie die Nachspielzeit nicht sonderlich. Sie wird zwar pflichtgemäß gewährt, angezeigt und ausgespielt, doch haben viele Unparteiische dabei ein mulmiges Gefühl. Denn in diesen zusätzlichen Minuten geht es auf dem Platz - jedenfalls bei einem knappen Spielstand - häufig ganz besonders zur Sache. Die Spieler versuchen noch einmal mit aller Macht und allen Mitteln das, was ihnen in den anderthalb Stunden zuvor nicht gelang. Dabei kommt es oft zu strittigen Szenen und schwerwiegenden Entscheidungen - die den Referee, dem bis dahin niemand etwas Böses wollte, urplötzlich in den Mittelpunkt der Diskussion rücken.

So wie Felix Zwayer am Samstag im traditionell immer ein bisschen zu aufgeregten Lokalduell zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund (1:1) an diesem 26. Spieltag der Fußball-Bundesliga. 90 Minuten lang hatte der Berliner Fifa-Schiedsrichter vergleichsweise wenige kritische Situationen zu meistern, und wenn er doch einmal gefordert wurde, lag er richtig und wirkte dabei souverän. So wie in der 53. Minute, als der Schalker Guido Burgstaller beim Torschuss von Sokratis ein kleines bisschen gehalten wurde.

Zwayer jedoch befand, dass dieser Körpereinsatz noch nicht strafbar war. Dass Shinji Kagawa knapp nicht im Abseits stand, als er im Gegenzug die Führung für den BVB vorbereitete, erkannte das Team der Referees ebenfalls gut. Vollkommen korrekt war es auch, dem Torschützen Pierre-Emerick Aubameyang für seinen albernen Maskenjubel die Gelbe Karte zu zeigen, genau das sehen die Regeln in einem solchen Fall explizit vor. Bis zur 90. Minute blieb das die einzige Verwarnung. Dann aber - Schalke hatte ausgeglichen - wurde es in der Nachspielzeit schlagartig wild und hektisch. Sokratis sah Gelb für ein taktisches Foul an Leon Goretzka, Nabil Bentaleb dafür, dass er Sokratis in dieser Situation zu heftig anging. Als noch wenige Sekunden zu spielen waren, schlug der Schalker Torschütze Thilo Kehrer eine Flanke in den Strafraum der Gäste.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Pro und contra Absicht von Bartra

Marc Bartra, Innenverteidiger des BVB, unternahm einen Klärungsversuch. Mit einem Ausfallschritt ging er zum Ball, der ihm daraufhin vom Fuß an den weit ausgestreckten Arm sprang. Zwayer ließ jedoch weiterspielen, was Schalkes Trainer Markus Weinzierl derart echauffierte, dass ihn der Schiedsrichter auf die Tribüne schickte. Nach dem Abpfiff übergab das Schalker Maskottchen Erwin dem Unparteiischen schließlich eine Rote Karte, die auf dem Rasen lag - offenbar in der Annahme, dass er sie dort verloren hatte. Er tat das allerdings so demonstrativ und provokativ, dass Zwayer, den auch noch die protestierenden Schalker belagerten, sich verhöhnt fühlte. Nun ermittelt der DFB-Kontrollausschuss in dieser Sache. Unerfreulicher hätte sich die Partie in der Nachspielzeit für den Referee also kaum entwickeln können.

Aber war das Handspiel von Bartra wirklich so unzweifelhaft strafbar, wie viele Beobachter glaubten? Felix Zwayer selbst sagte nach dem Spiel, ihm fehle "nach wie vor die komplette Überzeugung, dass es Absicht war". Tatsächlich lassen sich sowohl für als auch gegen einen Elfmeterpfiff gute Gründe anführen. Das auf den ersten Blick stärkste Argument für ein ahndungswürdiges Handspiel ist dabei, dass Bartra die Arme sehr weit hochgerissen, also seine Körperfläche vergrößert hatte - das gilt fast immer als Indiz für Absicht im regeltechnischen Sinn. Der gewichtigste Einwand gegen einen Pfiff ist, dass dem Dortmunder der Ball von einem anderen Körperteil unkontrolliert an den Arm sprang - in solchen Fällen sollen die Unparteiischen normalerweise weiterspielen lassen.

Absicht? Der Ball jedenfalls springt an Marc Bartras Hand.

Absicht? Der Ball jedenfalls springt an Marc Bartras Hand.

(Foto: AP)

Was aber, wenn es Anhaltspunkte für und gegen Absicht bei einem Handspiel gibt, die einander widersprechen? Dann muss man sie gewichten, und das ist alles andere als einfach - zumal in Sekundenbruchteilen auf dem Platz. Hinzu kommt, dass man populäre Weisheiten wie "Dort oben hat der Arm nichts zu suchen" durchaus hinterfragen kann, wie beispielsweise Ralph Gunesch es tut. Der 33-jährige Ex-Profi - der früher beim FC St. Pauli und dem FC Ingolstadt spielte, seit dem vergangenen Sommer Spiele beim Streamingdienst DAZN kommentiert und in den sozialen Netzwerken sehr aktiv ist - argumentierte auf Twitter, Marc Bartra habe mit seinen Armen eine Bewegung unternommen, die bei einem Ausfallschritt in Richtung Ball sehr wohl fußballtypisch sei.

In der Tat müssen die Spieler bei solchen Tacklings und Grätschen die Arme hochnehmen, um die Balance zu halten. Man kann daher, wie der frühere Abwehrspieler Gunesch, gute Argumente für die Ansicht geltend machen, dass die übliche Regelpraxis zu streng ist. Felix Zwayer hätte dann – auch wenn die Schalker das anders sehen - abweichend von dieser Praxis eine nachvollziehbare Entscheidung getroffen. Doch auch ein Pfiff wäre vertretbar gewesen - was wiederum die Dortmunder auf die Palme gebracht hätte. Der Schiedsrichter steckte also in einem Dilemma, das er weder verschuldet hatte noch hätte verhindern können.

Vor Hamburger Siegtor: Abseits oder nicht?

Derweil blieb nahezu unbemerkt, dass die spielentscheidende Situation in der Partie zwischen dem Hamburger SV und dem 1. FC Köln (2:1) regeltechnisch höchst anspruchsvoll war - und vom Schiedsrichterteam korrekt gelöst wurde. In der Nachspielzeit flankte der Hamburger Dennis Diekmeier in den Strafraum, dort erreichte der Kölner Torhüter Timo Horn den Ball vor Michael Gregoritsch, der vom Schwung getragen hinter die Torauslinie geriet. Filip Kostic schlug den abgewehrten Ball aufs Tor, Horn parierte erneut, musste aber nachsetzen, um die Kugel wegzubekommen. Dazwischen war Gregoritsch zurück aufs Feld gekommen und köpfte den von Horn nicht weit genug gefausteten Ball zu Lewis Holtby, der den Siegtreffer für den HSV erzielte.

Zu klären war hier, ob sich Gregoritsch im strafbaren Abseits befand – und das war gar nicht so leicht zu beurteilen. Grundsätzlich darf ein Spieler der angreifenden Mannschaft den Platz kurzzeitig verlassen oder außerhalb des Feldes bleiben, um sich einer Abseitssituation zu entziehen. Betritt er den Platz jedoch vor der nächsten Spielunterbrechung wieder und beteiligt er sich am Spiel, wird er in Bezug auf die Abseitsregel behandelt wie ein Spieler, der auf der Torlinie steht. Wenn er das Feld zudem absichtlich verlassen hat - was bei Gregoritsch aber nicht der Fall war - und ohne Erlaubnis des Unparteiischen wieder betritt, bekommt er sogar die Gelbe Karte, sofern er sich einen Vorteil verschafft und nicht wegen Abseits zurückgepfiffen wird.

Als Kostic den Ball aufs Tor schoss, befand sich Gregoritsch noch hinter der Torauslinie und damit nicht im Abseits. Nach Horns Parade Sekundenbruchteile später lief er auf den Platz, was ihm prinzipiell gestattet war. Hätte er jetzt den Ball gespielt oder die Möglichkeit eines Gegners beeinträchtigt, die Kugel zu erreichen, wäre allerdings ein Abseitspfiff fällig gewesen. Timo Horn konnte jedoch gänzlich ungestört noch einmal zum Ball gehen und ihn wegfausten - das Thema Abseits hatte sich dadurch in diesem Moment erledigt. Erst danach griff Gregoritsch ins Spiel ein, als er den Kopfball bekam. Das heißt: Das Hamburger Tor zum 2:1 war regulär, Schiedsrichter Daniel Siebert und sein Assistent hatten diese Szene – die bereits in der Theorie ausgesprochen komplex ist - korrekt beurteilt. In Echtzeit und ohne jeden Videobeweis.

Quelle: n-tv.de

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