Fußball

"Wir sorgen uns um ihn" Warum Timo Werners Körper streikt

Den Schwindel versuchte Timo Werner mit Ohrstöpseln zu bekämpfen. Doch nichts half - jetzt muss er pausieren.

Den Schwindel versuchte Timo Werner mit Ohrstöpseln zu bekämpfen. Doch nichts half - jetzt muss er pausieren.

(Foto: imago/Seskim Photo)

Arztbesuche statt Nationalmannschaft: Schwindel, Atemnot und Blockaden in Halswirbel und Kiefer bremsen Stürmer Timo Werner jäh aus. Bei RB Leipzig und beim DFB sind sie in Sorge - und auf der Suche nach den Ursachen.

Bei RB Leipzig machen sie sich in dieser Saison viele Gedanken über Regeneration und Belastungssteuerung. Trainer Ralph Hasenhüttl rotierte in den drei englischen Wochen mit den ersten Champions-League-Partien des Fußball-Bundesligisten munter durch; 23 Spieler erhielten bereits Einsatzzeiten - gemeinsam mit Hoffenheim Ligaspitze vor dem Hamburger SV (24). Selbst Stammtorhüter Peter Gulacsi musste ein Spiel aussetzen. Doch ausgerechnet derjenige, der seit Monaten nahezu ohne Pause unter Hochdruck steht - physisch und psychisch - spielte stets von Beginn an durch: Timo Werner.

Weil die Fitnesswerte des Sprintstürmers ebenso hervorragend waren wie dessen Form und Torquote (fünf Bundesligatreffer), hatte sich Hasenhüttl nicht dazu durchringen können, den Torgaranten mal ein Spiel aussetzen zu lassen. "Wir versuchen ja, den Jungs Pausen zu geben", hatte der Chefcoach gesagt. "Aber durch den enormen Erfolgsdruck ist es auch notwendig, dass man mit der besten Elf aufläuft. Das ist die Schwierigkeit in der Situation."

Macht sich große Sorgen um seinen Schützling: Ralph Hasenhüttl.

Macht sich große Sorgen um seinen Schützling: Ralph Hasenhüttl.

(Foto: imago/DeFodi)

Nun hat sich Werners Körper die Pause offensichtlich selbst genommen. In der tosenden Atmosphäre beim Champions-League-Auswärtsspiel bei Besiktas Istanbul vor einer Woche hatte der 21-Jährige nach einer halben Stunde wegen Schwindel und Atemproblemen um seine Auswechslung bitten müssen. Ohrstöpsel halfen gegen die gellenden Pfiffe der Besiktas-Fans ebenso wenig wie der ständige Griff an die Ohren. Genau die gleichen Symptome waren am vergangenen Freitag beim Training erneut aufgetreten. Dass der Nationalstürmer daraufhin bei Leipzigs Bundesligaspiel in Köln (2:1) ebenso fehlte wie nun dem DFB-Team in den beiden letzten WM-Qualifikationsspielen in Belfast gegen Nordirland am Donnerstag (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) und am Sonnstag in Kaiserslautern (gleiche Zeit, gleicher Ticker) gegen Aserbaidschan, begründet RB offiziell mit einer Blockade der Halswirbelsäulen-Muskulatur sowie des Kiefers.

"Ursache kann häufig Stress sein"

"Momentan ist an Spiele nicht zu denken", sagte Hasenhüttl nach der Partie. Doch dass damit bereits die wirklichen Ursachen für Werners Probleme gefunden sind, glauben auch die Leipziger Verantwortlichen nicht. Sportdirektor Ralf Rangnick sagte: "Wir sorgen uns um ihn - im wörtlichen Sinne." Und weiter: "Es war schon in Istanbul eine ungewöhnliche Situation. Da er am Freitag noch einmal die gleichen Symptome hatte, muss man davon ausgehen, dass es sich um eine Sache handelt, um die wir uns kümmern müssen."

Auf Nachfrage, ob es sich bei der "Sache" um stressbedingte Überlastungserscheinungen handele, sagte Rangnick: "Ich kann nur sagen, wie es sich jetzt gerade bei ihm darstellt. Die genauen Ursachen herauszufinden, darum geht es ja. Wir müssen dem gemeinsam auf den Grund gehen und hoffentlich die richtigen Gegenmaßnahmen finden."

"Wir müssen dem gemeinsam auf den Grund gehen": Ralf Rangnick.

"Wir müssen dem gemeinsam auf den Grund gehen": Ralf Rangnick.

(Foto: dpa)

Der Kölner Sportmediziner Ingo Froböse hatte der "Mitteldeutschen Zeitung" nach Werners Schwindel-Attacke in Istanbul gesagt: "Wenn das in Kombination mit einem hohen Stresspegel des Spielers durch das Spiel und den Lärm auftritt, kann es durch die drastische stressbedingte Verengung der Blutgefäße durchaus zu Gleichgewichtsstörungen kommen." Blockaden der Halswirbelsäule und des Kiefergelenks seien laut dem Medizinprofessor nur bedingt anatomischen Ursprungs, sondern hätten "in der Regel eine funktionale Ursache. Diese kann häufig Stress sein, denn gerade Blockaden sind hervorgerufen durch muskuläre Ursachen oder eben auch durch Überbeanspruchungen, zum Beispiel des Kiefergelenkes durch Beißen und Knirschen im Schlaf", so Froböse. Muskuläre Verspannungen, die Blockaden im Halswirbelsäulen-Bereich verursachen, seien "sehr oft stressbedingt. Und das wiederum ergibt dann auch Zusammenhänge zu den Kreislaufproblemen und Schwindel".

"Lasst den Jungen einfach mal in Ruhe!"

So wird Werner von RB Leipzig aktuell komplett durchgecheckt und darf fürs Erste nicht trainieren - so lange, bis die Ursachen gefunden und behoben sind, stellte Rangnick klar. Den Shootingstar ein drittes Mal zu belasten und zu hoffen, dass die Symptome nicht mehr auftreten, mache laut dem RB-Chefstrategen wenig Sinn. "Beim nächsten Versuch müssen alle Beteiligten relativ sicher sein, dass er danach nicht die gleichen Probleme hat", betonte der 59-Jährige.

Am Samstagabend hatte Hasenhüttl das auch Bundestrainer Joachim Löw erklärt, der daraufhin veranlasste, dass die Nationalmannschaft die WM-Qualifikationsspiele ohne Werner absolviert. Warum der Stuttgarter überhaupt erst eingeladen worden war, erklärte Rangnick so: "Die Nominierung stand schon vor dem Istanbul-Spiel fest. Dass man beim DFB erstmal gewartet hat, ob er am Sonntag spielen kann, ist normal. Zwischen uns und dem DFB ist alles so gelaufen, wie es laufen muss."

Und Werner selbst? Es wäre nur allzu menschlich und verständlich, dass er nicht nur wegen des Höllenlärms im Besiktas-Park, sondern generell nach dem nicht zu unterschätzenden Druck der vergangenen Monate mit den Anfeindungen wegen seiner Schwalbe, dem Höhenflug im Confed-Cup und im Nationalteam, den ersten Champions-League-Spielen sowie der kürzesten Urlaubspause aller RB-Spieler eine Ruhepause benötigt. Die Pfiffe von Istanbul, die deutlich lauter waren, als alle Anfeindungen in der Bundesliga, förderten das zutage.

"Jeder will, dass Timo für ihn spielt. Wer dabei auf der Strecke bleibt, ist der Spieler", hatte Hasenhüttl gesagt und auf die "mentale Extrembelastung" verwiesen. Und am Sonntagabend in Köln ergänzte der RB-Trainer: "Wir müssen alles dafür tun, dass Timo wieder gesund wird." Das gilt für all jene, die Verantwortung für den jungen Stürmer tragen, auf den seit einem Jahr ungeheuer viel einprasselt: die Verantwortlichen von RB Leipzig und dem DFB-Team sowie sein Berater Karlheinz Förster, der sich auf n-tv.de-Anfrage nicht äußern mochte. Und auch für Fans und Medien: "Jetzt lasst den Jungen doch einfach mal in Ruhe!", forderte Werners Teamkollege Marcel Sabitzer am Sonntagabend in Köln.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema