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Bundesliga-Check: SC Freiburg Ohne Toto & Harry gegen den Abstieg

"Es schmerzt nicht, es ist normal, das ist Freiburg": Christian Streich.

"Es schmerzt nicht, es ist normal, das ist Freiburg": Christian Streich.

(Foto: imago/Heuberger)

Die Belohnung für die grandiose Vorsaison haben sie schon verdaddelt, den Aderlass noch nicht kompensiert - der SC Freiburg geht angeschlagen an den Bundesliga-Start. Mit dem wohl hässlichsten Trikot seit Bochum 1997.

Arbeit zieht Arbeit nach sich, das wusste schon Philosoph und Gas-Wasser-Scheiße-Lehrling Werner. Weil sie in Freiburg mal wieder richtig gute Arbeit geleistet haben vergangene Saison, haben sie sich im Sommer umso mehr Baustellen eingebrockt. Mit Maximilian Philipp und Vincenzo Grifo verließen zwei der vier besten Scorer Freiburg, der schmerzhafteste Abgang eines treffsicheren Duos, seit Toto & Harry aus dem Fernsehen verschwunden sind. Dem so gefeierten Einzug in die Europaliga folgte der schnellstmögliche Frexit in der Qualifikation gegen Domzale, der Lohn für 34 Spieltage Arbeit: futsch. "Es tut weh, dass die ganze letzte Saison verkorkst ist", sagte Stürmer Nils Petersen danach geknickt. "Das müssen wir erst einmal aus den Köpfen rauskriegen."

Trainer Christian Streich sprach von einer "Ohrfeige", und es passt zu seinem Heiland-Image, dass er sie demütig als "verdient" hinnahm. Wenn es um den Abgang von Philipp und Grifo geht, hält er gleich die andere Wange hin: "Es schmerzt nicht, es ist normal, das ist Freiburg." Der da so gelassen spricht, hat bekanntermaßen allerdings noch eine andere, überschießend emotionale Seite ("Ich bin völlig ungeeignet als Vorbild", Streich im Jahr 2015, nachdem er Hoffenheimer Offizielle als "Schweine" beschimpfte), und vielleicht betont Streichs innerer Hulk den letzten Halbsatz auch wie "Das.Ist.Sparta!" Das würde die Ausgangslage seiner Freiburger vor der Saison gut beschreiben: Mit einem eingespielten Team, aber dem niedrigsten Spieleretat der Liga gegen den Ansturm der Millionen-Power.

Was gibt's Neues?

Wobei: Ein paar frische Euro sind ja auch auf dem Freiburger Konto gelandet. Satte 20 Millionen überweist der BVB für Maximilian Philipp, sechs Millionen kommen aus Gladbach für Vincenzo Grifo. Nur: Was tun mit dem Geld in Zeiten von Negativzinsen und Hyperinflation auf dem Spielermarkt? Die zwei überragenden Offensivakteure waren an 23 der 42 Saisontore entweder als Schütze oder Vorlagengeber beteiligt.

Die mauen Auftritte gegen Domzale haben gezeigt, wie schwer die beiden zu ersetzen sind: "Wir haben gesehen, dass wir qualitativ dem hinterherhinken, was wir letzte Saison gezeigt haben, wir brauchen wieder mehr Kreativität", forderte Edeljoker Nils Petersen deswegen. Weil sich der Verein für das Geld momentan "CR7 für ein Vierteljahr ausleihen" könnte, wie Präsident Fritz Keller süffisant anmerkte, wird es auf Last-Minute-Verstärkungen hinauslaufen, die Sportvorstand Jochen Saier auch schon angekündigt hat. Gekommen ist mit dem 20-Jährigen Bartosz Kapustka (zur Leihe von Leicester City) immerhin schon ein 14-facher polnischer Nationalspieler, der als großes Offensivtalent gilt und Grifos Rolle übernehmen könnte. Nicht neu übrigens: Christian Streichs Zweifel an der Qualität des Kaders. Sein Co-Trainer Lars Voßler plauderte in der "11Freunde" jüngst aus, dass sein Chef noch vor jeder Saison damit hadere, dass sie scheitern würden.

An dieser Stelle einen aufrichtigen Dank an unseren Autor für das fast vergessene und nur in der Welt des Fußballs existierende Wort EDELJOKER.

An dieser Stelle einen aufrichtigen Dank an unseren Autor für das fast vergessene und nur in der Welt des Fußballs existierende Wort EDELJOKER.

(Foto: imago/Eibner)

Auf wen kommt es an?

Teamgeist! Sagt zumindest Christian Streich, und der weiß und kann bekanntermaßen alles außer Hochdeutsch. Auch sonst wissen die Freiburger recht gut, was sie können und was nicht - was schon in der Vorsaison das große Plus war. Streich lässt sein Team keinen typischen Underdog-Fußball spielen, auch wenn es in vorderster Linie um Ordnung und Spielkontrolle geht, weniger um Ballbesitz. Die Qualität, die Linie des Trainers zu befolgen, haben sie noch immer im Kader, an Talent mangelt es ohnehin nicht. Mit Marc-Oliver Kempf und Janik Haberer kamen zwei der Jungen zwar später aus dem Urlaub, dafür als U-21-Europameister. Und bei Abwehrjuwel Caglar Söyüncü, der in der Vorsaison bei einigen denkwürdigen Aussetzern mehr Lehrgeld bezahlt hat als Studenten der Trump Academy, sollte eine ordentliche Bildungsdividende herausspringen.

Was fehlt?

Uns die Worte. Deswegen hier die Beschreibung des Fanshops zum nicht nur farblich originellen Ausweichtrikot der Freiburger: "Die typischen Merkmale unserer Schwarzwald-Heimat sind in diesem Camouflage-Look nicht zu übersehen - der Fuchs, die Tanne, der Wolf, sogar ein Wanderer findet seinen Platz. Das Trikot wird durch kleine lilafarbene Akzente aufgepeppt, die gut zu den schwarz-grauen Camouflage-Farben passen. Der schwarze Polokragen mit V-Ausschnitt sorgt für das gewisse Extra." Wie immer hat Christian Streich das passendes Urteil parat: "Hauptsache den Kindern gefällt's."

Wie lautet das Saisonziel?

Die Antwort lautet seit Menschengedenken gleich: Über alles andere als den Klassenerhalt reden sie beim Sportclub frühestens im Frühjahr, wenn überhaupt. Weil noch so viel Platz ist, hier eine unvollständige Liste mit weiteren Fragen, die man sich in dieser Saison in Freiburg wohl sparen kann:

"Darf Nils Petersen nach seinem fünften Doppelpack in Folge mit einem Platz in der Startformation rechnen?"

"Müssen Sie als Tabellenführer am 29. Spieltag nicht langsam ihr Saisonziel überdenken?"

"Herr Streich, wie beurteilen Sie die Leistung des Videoschiedsrichters?"

"0 Punkte nach 5 Spieltagen. Können Sie sich in Freiburg noch länger den Mechanismen des Geschäfts widersetzen?"

"Ist Christian Streich noch der richtige Mann in dieser Situation?"

Die Prognose von n-tv.de

Philipp und Grifo weg, die Europaliga-Qualifikation arg verpatzt, und zum Auftakt warten Frankfurt, Leipzig, Dortmund und Leverkusen. Ein Frühstart in den Abstiegskampf ist also nicht ausgeschlossen. "Wir würden gern noch drei Wochen trainieren", sagte Streich unlängst, vielleicht passt ihm das Aus gegen Domzale insgeheim. Wenigstens keine Dreifachbelastung. Und weil im Umfeld ohnehin traditionell eine Ruhe herrscht wie im Schweigekloster - also einem Schweigekloster, in dem der Abt in unregelmäßigen Abständen einen Tobsuchtsanfall bekommt - werden am Ende der Saison mindestens drei Teams hinter dem Sportclub stehen.

Quelle: n-tv.de

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