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Bundesliga-Check: Werder Bremen Nouri grätscht ins Gruppenkuscheln

Feierabend mit Kuschelkurs: Alexander Nouri greift bei Werder Bremen härter durch.

Feierabend mit Kuschelkurs: Alexander Nouri greift bei Werder Bremen härter durch.

(Foto: picture alliance / Carmen Jasper)

Der SV Werder Bremen galt lange als eine Art Waldorfschule der Liga. Doch der Chef zeigt plötzlich Muskeln, die selbst Tim Wiese erblassen lassen. Auf dem Transfermarkt geben die Norddeutschen allerdings den Schmalhans.

In Zeiten des Wandels ist es schön, dass es noch Konstanten gibt. Selbst wenn die Nato bröckelt, der Dieselmotor auf dem Schrotthaufen der Geschichte landet, die CDU-Regierungschefin die Ehe für Homosexuelle ermöglicht - eines bleibt sicher: Werder Bremen kriegt seine Abwehrprobleme nicht in den Griff. In der vergangenen Saison feierten sie an der Weser die fünfte Ü60-Party hintereinander, einsame Ligaspitze, selbst der HSV hat in dem Zeitraum nur zweimal über 60 Gegentore kassiert. Als die Serie im Mai in Gefahr geriet, rafften sich die Bremer auf und verloren die letzten drei Spiele mit einem Torverhältnis von 9:13. Seit 2009 haben sie keinen Titel mehr geholt, jetzt sind sie Meister der Traditionspflege: Beim "Tach der Fans" zogen sogar die Europapokalsieger von 1992 noch einmal durch Bremen, begleitet von hunderten Fans.

Werder, ein Verein zum Anschmiegen, eine grün-weiße Kuscheldecke, gehäkelt aus Tradition, Hingabe und Harmonie. Diese Mischung rettete wohl im Februar Alexander Nouri den Job, als das Team nach der vierten Niederlage in Folge wieder auf den Relegationsplatz rutschte. Sportgeschäftsführer Frank Baumann scheute sich, nach Viktor Skripnik den zweiten Mann mit Rauten-Vergangenheit zu feuern, die Fans bekannten sich über die sozialen Medien zu #NouriLiebeZählt. Doch nun grätscht ausgerechnet dieser Nouri mittenrein ins grün-weiße Gruppenkuscheln.

Was gibt's Neues?

Den seltsamen Fall des Dr. Nouri und Mr. Magath. Vor einigen Monaten galt der Trainer-Novize noch als Kumpeltyp, als begnadeter Kommunikator, der auf Augenhöhe mit seinen Spielern redete, sie in die Entscheidungen einbezog und damit zu einer verschworenen Einheit formte. Er gehört zur seltenen Sorte Christian Streich, die über mehr als nur Sport reden kann und will. Gegen Donald Trumps Einreiseverbote für Muslime richtete er sich in einem Facebook-Post, das Saisonziel formulierte er im Frühling so: "Ich habe nichts gegen Europa, ich bin ja nicht die AfD." Vor allem aber überzeugte er fachlich mit frischen Ansätzen. Unternehmensberaterin Jutta Binias-Hildesheim lobte, seine Umstellungen seien "Transformationsmanagement wie aus dem Lehrbuch". Das beste Beispiel für sie: Keeper Felix Wiedwald, der nach wackligen Leistungen in der Hinrunde plötzlich zum Stabilisator avancierte. Nun ist genau dieser Wiedwald gegangen, oder eher: geflüchtet. Nouri hat ihm mit Jiri Pavlenka von Slavia Prag eine neue Nummer Eins vor die Nase gesetzt. Nationalspieler Serge Gnabry entschied sich dem Vernehmen nach zum Wechsel nach Hoffenheim, weil der Trainer sich nicht genug um ihn kümmerte. Und für Claudio Pizarro, 38 Jahre alt und erfolgreichster Torschütze der Vereinsgeschichte, hatte er keine Verwendung mehr. #NouriLeistungZählt.

"Es hat nicht wehgetan", sagte Nouri im "Kicker" über seine Personalentscheidungen. Dass der Erfolg ihm über grün-weiße Sentimentalitäten geht, bestreitet er zumindest nicht. Gut möglich aber, dass er im "Kicker" zu schlecht wegkommt – der lässt noch ein paar Wegbegleiter auftauchen, die Nouri geschasst hat, darunter "der treue Assistenzcoach" Florian Bruns und ein Arzt, der im Verein als unverzichtbar galt. Wer den Text über das "Projekt ohne Pardon" liest, bekommt den Eindruck, dass sich Nouri jeden Morgen Trump-like durch die Geschäftsstelle drängelt und wahllos brüllt: "You’re fired!" Welche Sichtweise auf den Trainer sich in dieser Saison durchsetzen wird? #NouriPlatzierungEntscheidet

Das Ende der Legende: Claudio Pizarro bekam bei Bremen keinen neuen Vertrag mehr.

Das Ende der Legende: Claudio Pizarro bekam bei Bremen keinen neuen Vertrag mehr.

(Foto: dpa)

Auf wen kommt es an?

Wahre Geschichte: Ein Windows-Update bedeutete im Sommer 2015 fast den Abstieg der Paderborner Basketballer. Die traditionell stundenzehrende Prozedur legte ausgerechnet den Laptop lahm, der die Anzeigetafel steuerte. Der Anpfiff verzögerte sich um 25 Minuten, die Niederlage am Grünen Tisch und der Abstieg konnten erst in der Nachverhandlung verhindert werden. Das nur als Hinweis an die IT-Abteilung der Bremer – denn auch wenn das Faxgerät, Quell dutzender erheiternder Transferpannen, ausgedient hat, könnte auch mit dem neuen System TOR noch einiges schiefgehen. Und es wäre ja geradezu HSV-esk, wenn Sportdirektor Baumann am 31. August um 17.46 Uhr endlich den ersehnten Innenverteidiger gefunden hat, nur um dann wegen Updates oder einer Wannacry-Attacke die Dokumente nicht hochladen zu können.

Was fehlt?

Tim Wiese. Glaubt Tim Wiese. Der Teilzeit-Torwart der SSV Dillingen und verhinderter Hulk-Hogan-Wiedergänger mischt sich gern via Boulevard in die ewige Torwart-Diskussion in Bremen ein. Felix Wiedwald riet er zum Abgang, dem Neuen Jiri Pavlenka (für 3 Millionen von Sparta Prag) attestierte er nach dem 1:2 im Test gegen Valencia einen Patzer beim ersten Gegentor: "Das war sein Fehler." Kann man so sagen, die folgenden Sätze sich aber ruhig klemmen: "Der ganze Bewegungsablauf gefällt mir bei ihm nicht. Er fällt ja wie ein Sack. Da wartet noch viel Arbeit auf ihn." Eine Bewerbung um den Posten als Torwarttrainer? Nach ein paar Wochen mit Wieses Personal Trainer Murat Demir fällt Pavlenka ziemlich sicher immer noch wie ein Sack – wenn auch wie ein Sack aus Stahl.

Wo wir über verhaltensauffällige Ex-Werderaner reden: Marko Arnautovic gab sich mit seinem neuen Verein West Ham United die Ehre und gleich mal eine ur leiwande Pressekonferenz, wie man in seiner österreichischen Heimat sagen würde. "Ist eigentlich Pizza noch da?", fragte er. Ist er nicht. "Ich würde Pizza immer einen Vertrag geben, für mich eine der größten Legenden, die ich in meinem Leben kennengelernt hab." Und gab dann noch einen Hinweis, was man mit 38-Jährigen noch so anfangen kann: in die Verteidigung stellen. Ein guter Hinweis für Frank Baumann, der den Ausfall von Abwehrchef Niklas Moisander zum Saisonstart gerne mit einem Innenverteidiger auffangen wollte. Noch aber sind Baumann laut eigener Aussage die Preise zu hoch. Auch deswegen hat Werder noch keinen Stürmer als Alternative zu Max Kruse verpflichtet. "Aber wenn in England Bewegung in den Markt kommt, entsteht ein Domino-Effekt", sagt Baumann. Bis der bei den ganz kleinen Steinchen im Werder-Sparschwein ankommt, könnte es aber tatsächlich bis zum 31. August, 17:46 Uhr dauern.

Wie lautet das Saisonziel?

Der Spielplan meint es nicht gerade gut mit den Bremern: Zum Auftakt geht es nach Hoffenheim, dann kommen die Bayern, ehe Werder in Berlin zu Gast ist. "Wir starten gegen Gegner mit hohen Ambitionen", sagte Frank Baumann beim "Tach der Fans". "Aber die haben wir auch." Die Meisterschaft wird er kaum meinen, also wähnen sich die Bremer offenbar in Berliner und Hoffenheimer Sphären: im Geschäft ums internationale Geschäft. Einen Disclaimer hat sich Alexander Nouri eingebaut, der auch von Ambitionen sprach: "Doch ich möchte das Saisonziel nicht an Tabellenplätzen festmachen." Passt so gar nicht zu dem schnörkellosen Erfolgskurs, den der 37-Jährige sich und dem Klub verordnet hat. Schön und gut, das letzte Wort aber hat immer noch die Vereinsführung. Für die machte Chef Klaus Filbry eine klare Ansage: Die Fernsehgelder sollten tunlichst nicht sinken. Bedeutet wieder Platz acht – oder besser.

Die Prognose von n-tv.de

Jetzt über die Saison von Werder zu spekulieren ist wie über Trumps Kabinett zu sprechen –wer weiß schon, wie das Team in drei Wochen aussieht? Stand jetzt hat Bremen die Qualität der Vorsaison, bedeutet: Hinten wackelt’s, vorne knipst Max Kruse. Selbst wenn es Nouri wie angekündigt schafft, die Defensive zu stabilisieren, wird es schwer für Werder, vorne anzuklopfen – dafür drängen sich zu viele Enttäuschte (Leverkusen, Schalke, Gladbach) vor der Tür nach Europa. Mehr als Platz 10 ist so nicht drin, der knifflige Saisonstart birgt sogar die Gefahr einer Blitzkrise. Und dann wird Nouri vielleicht nicht mehr auf die Liebe von Fans und Verein hoffen können.

Quelle: n-tv.de

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