Fußball

Ajax triumphiert, Schalke fair Leon Goretzka opfert sich als Eurofighter

Von Anja Rau, Gelsenkirchen

Gesund ist das nicht: Leon Goretzka.

Gesund ist das nicht: Leon Goretzka.

(Foto: AP)

Leon Goretzka prallt mit Amsterdams Torhüter zusammen, renkt sich den Kiefer aus, kotzt - und schießt ein Tor für Schalke. Es ist die Geburt eines neuen Eurofighters an einem denkwürdigen Abend. Fürsorge allerdings sieht anders aus.

Zwei Geburten an einem Tag - da können die Schalker doch zumindest ein wenig lachen. Und sich freuen. Zunächst mit Andreas Schneider: "Meld' dich mal Zuhause. Ich glaube, du bist Vater geworden", schallte es am Donnerstagabend beim Stand von 0:0 durch die Lautsprecher in der mit 53.701 Zuschauern ausverkauften Arena in Gelsenkirchen. Da war wohl jemandem sein Verein wichtiger als die Familie. So könnte man auch die zweite Geburt des Spiels deuten - die des neuen Eurofighters. Leon Goretzka hat sich im Rückspiel des Europaliga-Viertelfinales gegen Ajax Amsterdam für diese Adelung mehr als nur empfohlen - obwohl seine Mannschaft nach einem dramatischen Spiel und einer unseligen Verlängerung trotz des 3:2-Sieges ausgeschieden ist. Das 0:2 im Hinspiel haben sie damit nicht wettgemacht.

Und doch war es Goretzka, der für eine der Geschichten dieses Spiels sorgte. Welche Geburt schmerzhafter war, kann an dieser Stelle nicht bewertet werden. Sekunden vor dem Ende der ersten Halbzeit prallt der 22 Jahre alte Mittelfeldspieler nach einer Flanke mit Amsterdams Torhüter André Onana zusammen, der Kameruner trifft Goretzka mit der Schulter mitten ins Gesicht. Beide müssen behandelt werden. Goretzka sogar noch, als seine Mitspieler längst verschwunden sind. "Er war weniger bei uns in der Kabine, er war mehr bei den Therapeuten", berichtete Schalkes Kapitän Benedikt Höwedes nach dem Spiel.

Warum zog niemand die Notbremse?

Warum zog niemand die Notbremse?

(Foto: imago/DeFodi)

Doch sowohl Onana als auch Goretzka kehren zur zweiten Hälfte auf den Rasen zurück. Und der Schalker knüpft nahtlos an seine sehr gute Leistung an. Er veredelt sie in der 53. Minute mit seinem Tor zum 1:0. Er spielt weiter und weiter, bis er in der 81. Minute zusammenbricht, seine Mitspieler heftig nach einem Arzt winken und er zwei Minuten später völlig entkräftet ausgewechselt wird. Betreuer müssen ihn dabei stützen. Hinterher stellt sich heraus: Er hat sich den Kiefer zweimal ausgerenkt und mutmaßlich eine Gehirnerschütterung erlitten.

Ob das so schlau war, ist eine andere Frage

Goretzka hat sich für sein Team geopfert. Ob das so schlau war, ist eine andere Frage. "Er wollte unbedingt weiterspielen", versuchte Trainer Markus Weinzierl zu erklären, warum niemand früher die Notbremse bei dem jungen Nationalspieler gezogen hatte. Fürsorge jedenfalls sieht anders aus. Bereits in der Halbzeit muss Goretzka sich übergeben, auch auf dem Rasen würgt er mehrmals, bestätigte sein Kollege Sascha Riether. "Sein Kiefer war verschoben und er hat die ganze Zeit gebrochen, auch auf dem Platz. Hut ab, wie er sich da reinhaut." Von der Verlängerung bekommt Goretzka selbst nichts mit, er ist auf dem Weg ins Krankenhaus, nachdem ihn vorher ein Notarzt noch in der Kabine behandelt. Immerhin: Der neue Eurofighter kann nach dem Spiel zur Mannschaft ins Stadion zurückkehren. "Ich kann vor dem Einsatz von Leon Goretzka nur den Hut ziehen und hoffe, dass er schnell wieder auf die Beine kommt", sagte Höwedes.

Goretzka hat bis zur Erschöpfung gekämpft - und noch darüber hinaus. So jemanden mögen die Schalker Fans. Er erinnert sie an den Mythos der Eurofighter, die in der Saison 1996/1997 das erste und bislang einzige Mal den Uefa-Pokal nach Gelsenkirchen holten. Das ist nun auch schon 20 Jahre her - weswegen das Jubiläum im Mai groß gefeiert wird. Und nun kommt Goretzka daher und rüttelt auch die letzten Erinnerungen wach. Sie danken es ihm an diesem denkwürdigen Abend mit Gesängen. Sein Name schallt durch das Stadion. Mehr können sie nicht tun. Es wird ihn freuen - und seinen dröhnenden Kopf vielleicht etwas lindern.

Und die Schalker? Das Viertelfinale haben sie verloren, aber ihre Würde trotz des Ausscheidens bewahrt. Zwar singen die Fans während des Spiels immer wieder etwas von "Scheiß Amsterdam", doch die Schalker erweisen sich nach der bitteren Niederlage als faire Verlierer. Für die Auswärtsfans, die noch in ihrem Block ausharren müssen, wird "Three little birds" von Bob Marley eingespielt. Man könnte jetzt sagen, na, das machen andere Klubs doch immer für Ajax. Mag sein, aber es war eben kein Abend wie immer.

Wer unglücklich in der zweiten Hälfte der Verlängerung aus dem Europapokal ausscheidet, der kann auch anders reagieren. Nicht so die Gelsenkirchener. Sie suchten die Schuld nicht bei anderen - außer beim Fußballgott. Dem attestierte Höwedes, nicht immer gerecht zu sein. Aber sie haben  es selbst verbockt. Zum großen Teil in Amsterdam, zu einem kleinen auch dieses Mal. "Wenn man 3:0 führt, muss man einfach besser spielen und dem Gegner nicht ins Halbfinale verhelfen", sagte Weinzierl. Der Mann hat Recht.

Quelle: n-tv.de

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