Fußball

Normalität ist nicht genug Leicester hat keine Geduld für neue Märchen

Claude Puel darf sich jetzt als Cheftrainer von Leicester City versuchen - mal sehen, wie viel Zeit er bekommt.

Claude Puel darf sich jetzt als Cheftrainer von Leicester City versuchen - mal sehen, wie viel Zeit er bekommt.

(Foto: imago/Focus Images)

Leicester City agiert seit dem Premier-League-Coup 2016 wie ein großer Klub. Es hagelt Trainer-Rauswürfe, kleine Siege reichen nicht mehr. Damit zerstört Leicester sein eigenes Fußball-Märchen, bedauert unser Kolumnist.

Als Leicester City vor zwei Wochen den zweiten Trainer innerhalb von nur acht Monaten freistellte, war sofort klar, welche Anforderungen sein Nachfolger erfüllen sollte. Er sollte einen großen Namen haben. Besser lässt sich vermutlich nicht illustrieren, wie der auf wundersame Weise errungene Meistertitel in der Saison 2015/2016 die Ansprüche bei dem Klub durcheinander gebracht hat.

Denn erstens hatte der aus dem Amt Beförderte ja einen ziemlich großen Namen. Größer geht es kaum in Großbritannien. Der Trainer, dem nur ein Sieg aus den ersten acht Spielen der aktuellen Saison zum Verhängnis wurden, heißt Shakespeare. Okay, nicht William, sondern Craig. Aber ein großer Name ist ein großer Name.

(Foto: Verena Knemeyer)

Und zweitens ist es schon eine seltsame Haltung, dass ein Verein, der noch vor drei Jahren in der zweiten Liga kickte, plötzlich glaubt, sich bei der Auswahl seiner Übungsleiter in der oberen Prestige-Klasse bedienen zu müssen. Leicester scheint sich seit dem Titelgewinn im vergangenen Jahr für einen großen Klub zu halten, mit großen Ansprüchen und großem Erfolgsdruck. Diese Haltung ist falsch, wie auch Leicesters Trainerlösung beweist. Statt eines Startrainers kam der Franzose Claude Puel, der nach nur einer Saison beim FC Southampton entlassen worden war - trotz Platz 8 und Einzug ins Ligapokalfinale.

Von der Form des Lebens profitiert

Dass der Leicesters Titel in aller Welt als Märchen gewürdigt wurde, hatte den einfachen Grund, dass er genau das war: ein Märchen, eine Sensation. Keine Leistung, die sich der Verein normalerweise zum Maßstab nehmen sollte. Das Team spielte über seinen Möglichkeiten, wurde getragen von einem besonderen Teamgeist, von Euphorie und dem Umstand, dass Spieler wie Jamie Vardy oder Riyad Mahrez zufälligerweise zur gleichen Zeit die Form ihres Lebens zeigten und zusammen 41 Tore schossen. Außerdem profitierte der Klub davon, dass die natürlichen Anwärter auf den Platz an der Spitze kollektiv schwächelten.

Mittlerweile haben sich die Zustände normalisiert. Der Verein ist wieder da angekommen, wo er hingehört. Er hatte in der vergangenen Saison schwer zu knabbern an der zusätzlichen Belastung durch die Champions League, kam dort aber sogar bis ins Viertelfinale - und landete in der Premier League auf dem zwölften Platz.

Zum Start dieser Saison rutschte er in die Abstiegszone. Zwar gelang es dem Klub, nach der Meister-Saison eine großflächige Plünderung des Kaders zu verhindern, aber zwei wichtige Profis gingen. N'Golo Kanté wechselte zur vergangenen Spielzeit zum FC Chelsea, verhalf dem Klub umgehend zum Titel und wurde zum Spieler des Jahres gewählt, was seine Klasse belegt. Diese Personalie genügte aber schon, um Leicester ins Wanken zu bringen. Dass es in diesem Sommer mit Danny Drinkwater einen weiteren Stammspieler zu Chelsea zog, war der Stabilität des Konstrukts nicht förderlich, das ohnehin nicht für höchste Ansprüche gemacht ist. Leicester in der Abstiegszone, zumal früh in der Saison, das ist kein Drama.

Premier League ist wieder geradegerückt

In der Premier League ist Alltag eingekehrt, und zwar auf die Weise, in der eben in der vom Geld dominierten Spielklasse der Alltag funktioniert. Die Topteams haben massiv investiert, um wieder top zu werden. Manchester City hat alleine vor dieser Saison rund 250 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben und führt die Tabelle nach dem zehnten Spieltag komfortabel an. An zweite Stelle liegt Manchester United, das angeblich 100 Millionen Euro alleine für Angreifer Romelu Lukaku bezahlt hat. Natürlich, auch im Fußball der Gegenwart gibt es noch Märchen. Doch sie wiederholen sich nicht so schnell.

Dass Meistertrainer Claudio Ranieri im Februar gehen musste, zeigte schon, wie schnell das kühle Geschäft wieder die Herrschaft übernommen hatte im Märchen-Schloss von Leicester. Die Entlassung von William, nein: Craig Shakespeare belegt, dass Leicester City zu schnell zu viel will, dass dem Verein durch den Erfolg Geduld und Demut abhandengekommen sind. Das ist schade. Neue Märchen entstehen so nicht.

Quelle: n-tv.de

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