Fußball

Das DFB-Team in der Einzelkritik Hummels fährt zur WM, Gündogan auch

Bundestrainer Joachim Löw, hier mit Emre Can, fand's klasse.

Bundestrainer Joachim Löw, hier mit Emre Can, fand's klasse.

(Foto: imago/ActionPictures)

So richtig gut war's nicht, richtig schlecht auch nicht: Die deutschen Fußballer remisieren in England - mit einem neuer'esken Torwart, einem Abwehrtitan, einem frustrierten Offensiv-Juwel und einem Pass-Genie.

Tja, was hat gefehlt? Der unbedingte Wille, das Spiel zu gewinnen? Der letzte Pass auf dem Weg zum Tor? Die nötige Konsequenz im Abschluss? Ach ja, es war wohl von allem etwas. Schließlich war es dann doch nur ein Test. Ernst wird es erst, wenn in knapp sieben Monaten die Weltmeisterschaft in Russland beginnt. Und so hat es für die deutschen Fußballer an diesem Freitagabend in London gegen England halt nur zu einem torlosen Unentschieden gereicht. Was nicht heißt, dass es eine schlechte Partie war. Aber es hat halt was gefehlt.

Der Bundestrainer wirkte hinterher aber gar nicht so unzufrieden: "Es war ein klasse Testspiel für uns auf einem sehr hohen Niveau. Das ist für mich das Allerwichtigste." Und sonst so? "In der zweiten Halbzeit ist das Spiel dann so dahin geplätschert." Stimmt. Aber immerhin ist seine Mannschaft nun seit 20 Spielen ungeschlagen. Am Dienstag geht es dann zum Abschluss des Länderspieljahres schon weiter. In Köln steht (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) gegen die noch höher einzuschätzende Mannschaft aus Frankreich die nächste Partie in aller Freundschaft an. Vorher aber noch die deutschen Spieler in der Einzelkritik:

Marc-André ter Stegen: Im letzten WM-Qualifikationsspiel beim 5:1 gegen Aserbaidschan stand zwar der Leverkusener Bernd Leno im Tor, doch ter Stegen darf für sich reklamieren, sich als vorübergehende Nummer eins der DFB-Elf etabliert zu haben - weil Manuel Neuer verletzt ist. Und da der Kapitän immer noch auf Krücken geht und frühestens zu Beginn des kommenden Jahres wieder für den FC Bayern spielen kann, tat der Bundestrainer in diesem Jahr gut daran, für den Fall der Fälle eine klare Hierarchie zu schaffen. Will meinen: Dieser ter Stegen könnte es auch bei der WM. Seine stärkste Parade in seinem 18. Länderspiel zeigte der 25 Jahre alte Mönchengladbacher in Diensten des FC Barcelona vier Minuten nach der Pause. Einen aufgesetzten Kopfball von Jamie Vardy wehrte er prächtig ab. Auch sonst war er da, wenn er gebraucht wurde - viel mehr kann man nicht verlangen.

Marc-André ter Stegen

Marc-André ter Stegen

(Foto: REUTERS)

Matthias Ginter: Er wolle ein wenig experimentieren, hatte Löw angekündigt - und setzte auf Ginter statt auf den Münchner Niklas Süle. Aber der 23 Jahre alte Mönchengladbacher ist ja auch kein Schlechter und immerhin Weltmeister. In seinem 17. Länderspiel verrichtete der Innenverteidiger am rechten Ende der Dreierkette seine Arbeit zweikampfstark und solide. Nur vier Minuten nach der Pause ließ er eben erwähnten Vardy den Ball auf das Tor köpfen. Aber das stand ja ter Stegen. Eigentlich fiel Ginter nur auf, wenn ihm etwas nicht gelang - also wenn es darum ging, das Spiel seiner Mannschaft konstruktiv in Richtung des gegnerischen Tores zu lenken. Das ist nicht unbedingt seine Kernkompetenz.

Matthias Ginter

Matthias Ginter

(Foto: dpa)

Mats Hummels: Keine Überraschung hingegen war, dass der 28 Jahre alte Münchner zentral in der Dreierkette verteidigte, zumal Vereinskollege Jérôme Boateng sich und seine Muskeln schonen durfte. Als Kapitän und Abwehrchef war Hummels in seinem 61. Länderspiel mit Comebacker Ilkay Gündogan der beste Spieler seiner Mannschaft. Und das nicht nur, weil er nach einer knappen Stunde den Ball im letzten Moment vor dem eigenen Tor spektakulär ins Aus grätschte. Sondern vor allem, weil er mit seiner Souveränität, seiner Ruhe, seiner Abgeklärtheit einer ist, der seinem Team den Rückhalt gibt, den es braucht. Er ist einer, der stets schon dort steht, wo der Ball erst noch hinkommt. Er ist einer von denen, die der Bundestrainer gemeint hatte, als er in dieser Woche davon sprach, dass einige Spieler für die WM gesetzt sind.

Mats Hummels

Mats Hummels

(Foto: imago/Jan Huebner)

Antonio Rüdiger: Beim immer noch amtierenden englischen Meister FC Chelsea hat er sich nach seinem Wechsel von der AS Roma gut eingefunden, nun absolvierte der 24 Jahre alte Innenverteidiger sein 21. Länderspiel. Er tat das mit dem ihm eigenen furiosen Eifer, der seine Zweikampfaktionen oft etwas ungestüm wirken lässt. Und bisweilen foult er dann den Gegner, was eher kontraproduktiv ist. Vom Kollegen Hummels jedenfalls kann er noch einiges in Sachen Stellungsspiel lernen. Und bei all seiner Robustheit und Schnelligkeit hapert es dann doch bisweilen im Spielaufbau. Dennoch wetten wir: Er fährt mit zur WM.

Antonio Rüdiger

Antonio Rüdiger

(Foto: imago/PA Images)

Joshua Kimmich: Er hat als einziger alle zehn Qualifikationsspiele über die volle Distanz absolviert, und auch in Wembley war der 22 Jahre alte Münchner auf der rechten Seite im Einsatz. In seinem 25. Länderspiel agierte er im Defensivfall als Teil der Fünferabwehrkette, war ansonsten eher auf Angriff eingestellt, auch wenn er etwas unauffälliger agierte als sonst. Aber was heißt das schon? Der Mann hat sich in jungen Jahren in beeindruckender Manier einen Stammplatz in der Mannschaft des Weltmeisters erkämpft. Und als rechter Verteidiger wird er ganz bestimmt auch in Russland dabei sein.

Joshua Kimmich (l.)

Joshua Kimmich (l.)

(Foto: REUTERS)

Ilkay Gündogan: Nach 360 Tagen verletzungsbedingter Absenz meldete sich der mittlerweile 27 Jahre alte Mittelfeldspieler von Manchester City bei der DFB-Elf zurück. Wieviel Pech der ehemalige Dortmunder in seiner Karriere schon hatte, zeigt alleine die Tatsache, dass er nun in London erst sein 21. Länderspiel absolvierte. Da er ein so großartiger Fußballspieler ist, kann der geneigte Zuschauer das nur bedauern. Wie er mit einem Pass die Abwehr des Gegners filetieren kann, ist schlichtweg eine Augenweide. Und man stelle sich nur vor, er und der an diesem Abend nach seinem Magen- und Darmproblemen geschonte Toni Kroos stünden gemeinsam auf dem Platz - zwei Passmaschinen im Akkord. Gündogan ist einer, der jede Mannschaft besser machen kann. Und er könnte derjenige sein, der bei der WM den Unterschied ausmacht bei dem Ansinnen, den 2014 in Brasilien ohne ihn gewonnenen Titel erfolgreich zu verteidigen. Aber langsam, die Saison ist noch lang. Sein Kommentar zum Spiel: "Ich bin glücklich, dass ich spielen durfte. Es hat gut getan, aber mir fehlt noch etwas der Rhythmus. Ich habe versucht, über die leichten Dinge ins Spiel zu kommen. Insgesamt haben beide Teams so gespielt, dass sie möglichst wenig Fehler machen." Vier Minuten vor dem Abpfiff war Schluss, für ihn kam der 27 Jahre alte Sebastian Rudy vom FC Bayern in die Partie und somit zu seinem 23. Länderspiel. Damit hat er zwei mehr als Gündogan.

Ilkay Gündogan

Ilkay Gündogan

(Foto: REUTERS)

Mesut Özil: Neben dem Kollegen Gündogan als offensiverer Part der Doppelsechs vor der Abwehr kam der 28 Jahre alte Mittelfeldspieler vom FC Arsenal in seinem 87. Länderspiel etwas weiter hinten als gewohnt zum Einsatz. Dort ließ er sich dann doch häufiger als gewohnt den Ball abluchsen oder spielte ihn zum Gegner. Was nicht heißt, dass er nicht einige sehr schöne Pässe gespielt hätte. Aber neben Gündogan fiel er dann schon arg ab.

Mesut Özil (r.)

Mesut Özil (r.)

(Foto: imago/MIS)

Marcel Halstenberg: Debüt vor 81.382 Zuschauern in Wembley, da gibt es doch schlechtere Orte für ein erstes Länderspiel. Den 26 Jahre alten Leipziger zeichnet zuerst einmal aus, dass er beruflich auf der linken Seite verteidigt und einen deutschen Pass besitzt. Der Bundestrainer hatte ja vor der Partie gesagt, am liebsten würde er jede Position doppelt und dann am besten auch noch gleich gut besetzen. Aber welcher Trainer würde das nicht gerne? Jedenfalls hat normalerweise Jonas Hector das Abo auf den Job hinten links, doch der Kölner ist verletzt. Und da der Berliner Marvin Plattenhardt wohl nicht die von Löw geforderte Weltklasse besitzt, versuchte er es halt mal mit Halstenberg - und war zufrieden: "Marcel habe ich gut gesehen, absolut. Vor fast 90.000 Zuschauern in Wembley - das ist auch schon was ganz Besonderes. Er hat das ohne Nervosität gemacht." In der Tat zeigte der Debütant wenig Respekt vor Gegner - über seine Seite liefen mehr Angriffe als über die des Kollegen Kimmich - und Kulisse, wobei die nicht gerade einschüchternd war. In der zweiten, plätschernden Halbzeit war den Zuschauern so langweilig, dass sie sich einen Spaß daraus machten, Papierflieger auf den Rasen zu werfen - und das einigermaßen laut zu bejubeln. Nun ja, dafür kann Halstenbergs Marcel ja nichts: "Ich fand das für den Einstand gar nicht schlecht. Es hat viel Spaß gemacht. Mit dem Unentschieden können wir zufrieden sein."

Marcel Halstenberg

Marcel Halstenberg

(Foto: REUTERS)

Julian Draxler: Dass der König der (bisweilen sinnlosen) Übersteigerchen ein sehr guter Fußballer ist, wissen sie auch bei Paris Saint-Germain. Dort stand er zuletzt meist in der Startelf. Und auch Löw setzt auf den Mann, der die DFB-Elf im Sommer in Russland als Chef der Confed-Cup-Combo zum Titelchen führte. In seinem 39. Länderspiel besetzte der 24 Jahre alte Ex-Schalker und Ex-Wolfsburger die rechte Angriffsseite und zog den Unmut des englischen Publikums auf sich, als er es Mitte der ersten Halbzeit mit einer Schwalbe im Strafraum der Gastgeber versuchte. Nach 67 Minuten war Schluss, für ihn kam mit dem 23 Jahre alten Emre Can vom FC Liverpool der fünfte Premier-League-Spieler in der deutschen Mannschaft zum Einsatz. In seinem 19. Länderspiel brachte er mit seiner Dynamik prompt etwas mehr Schwung in die Partie - ohne zählbaren Erfolg allerdings.

Julian Draxler (r.) und Emre Can

Julian Draxler (r.) und Emre Can

(Foto: REUTERS)

Timo Werner: Klar, das kann passierten. Zwei große Chancen vergab der 21 Jahre alte Rasenballsportler aus Leipzig in seinem neunten Länderspiel. Chancen, die er - so ist man geneigt zu sagen - eigentlich eiskalt nutzt. Aber nach seiner, so die offizielle Diagnose, Blockade der Halswirbelsäulenmuskulatur und des Kiefergelenks, geht ihm die Leichtigkeit des Spiels etwas ab. Er ist, so wirkt es, immer noch nicht ganz auf dem Damm - zumal er nach vier Minuten und einem Zusammenprall behandelt werden musste. Dennoch machte er ein ordentliches Spiel, sprintstark ist er ja, und auch das Zusammenspiel mit den Kollegen funktionierte gut. Eine gute Viertelstunde vor dem Ende der Partie nahm Löw ihn raus und schickte den acht Jahre älteren Sandro Wagner von der TSG Hoffenheim auf den Rasen, der so zu seinem sechsten Länderspiel kam. Da aber auch er kein Tor schoss, hat er sich seine schöne Quote versaut: Bisher hatte er genauso viele Treffer erzielt wie Einsätze im Dress des DFB. Ob's am neuen Trikot lag, mit dem der Weltmeister auch im Sommer nächsten Jahres in Russland seinen Titel erfolgreich verteidigen will?

Timo Werner (r.)

Timo Werner (r.)

(Foto: AP)

Leroy Sané: Es war erst das neunte Länderspiel des 21 Jahre alten Flügelspielers von Manchester City - ein starker Auftritt auf der linken Seite. Gerade zu Beginn war er einer der auffälligsten Akteure auf dem Platz, wirbelte, dribbelte und schoss, dass es eine Freude war. Nur ein Treffer gelang ihm halt nicht: "Es ärgert mich sehr, dass ich immer noch kein Tor für die Nationalmannschaft geschossen habe. Ich hoffe, dass ich mehr Einsatzzeit bekomme, um endlich ein Tor zu machen." Nach 86 Minuten kam der gleichaltrige Leverkusener Julian Brandt für ihn zum Zug und darf nun von sich behaupten, 14 Mal für die die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gespielt zu haben.

Leroy Sané

Leroy Sané

(Foto: REUTERS)

Quelle: n-tv.de