Fußball

Trainer-Ikone Schröder zur EM "Frauenfußball ist eine andere Sportart"

Das DFB-Team geht als Titelverteidiger ins EM-Turnier. Vor allem von Dzsenifer Marozsan erwartet Bernd Schröder viel.

Das DFB-Team geht als Titelverteidiger ins EM-Turnier. Vor allem von Dzsenifer Marozsan erwartet Bernd Schröder viel.

(Foto: imago/foto2press)

Tore, Emotionen und sympathische Mädels - das braucht der Frauenfußball, sagt Bernd Schröder. Der langjährige Trainer von Bundesligist Turbine Potsdam gilt als Urgestein des deutschen Frauenfußballs. Im Interview mit n-tv.de spricht der 74-Jährige über Deutschlands Favoritenrolle bei der heute beginnenden EM, die neue Bundestrainerin Steffi Jones, seine 45-jährige Karriere und ein Angebot aus China.

n-tv.de: Bernd Schröder, wer wird die Fußball-Europameisterschaft der Frauen gewinnen?
Bernd Schröder: Das ist natürlich die Frage. Es gibt mehrere Ansprüche verschiedener Nationen - Frankreich, Deutschland, England, eventuell vielleicht die Schweiz. Aber zwischen den ersten Dreien wird es sich abspielen. Und wenn wir (Deutschland, Anm.d.Red.) diese EM nicht gewinnen, müssen wir wirklich ernsthaft nachdenken. Denn wir haben eine sehr gute Mannschaft und die Klubs haben sehr gute Arbeit geleistet, obwohl wir zum ersten Mal seit Jahren nicht im Champions-League-Finale vertreten waren. Aber ich denke, dass die Bundesliga nach wie vor die stärkste Liga Europas ist. Und aus dieser Liga kommen ja die DFB-Spielerinnen. Mit denen zusammen, die im Ausland aktiv sind, haben wir eine gute Mischung. Allerdings habe ich auch damals vor der Heim-WM 2011 gesagt, wir sind Favorit, aber man muss diese Favoritenrolle erst mal leben. Und der Druck ist enorm, auch wenn Steffi (Jones, die Bundestrainerin, Anm.d.Red.) immer versucht, den Druck ein bisschen rauszunehmen. Ich sehe das anders: Man muss schon den Druck aufrechterhalten, sonst ist schnell die Richtung verloren. Also kann ich sagen, dass wir ein potentieller Favorit sind.

Bernd Schröder war 45 Jahre lang der Cheftrainer von Turbine Potsdam.

Bernd Schröder war 45 Jahre lang der Cheftrainer von Turbine Potsdam.

(Foto: dpa)

Wie bewerten Sie insgesamt die Arbeit, die in Deutschland im Frauenfußball geleistet wird?

Jogi Löw bedankt sich immer bei den Klubs. Das passt zur Grundsatzfrage, was zuerst da war: Die Henne oder das Ei? Und die Henne sind nun mal die Klubs. Wenn dort schlecht gearbeitet wird, hat auch die Nationalmannschaft keine Chance. Und ich denke, wir haben gute Klubs, die gute und erfahrene Spielerinnen haben. Das müssen die anderen Länder erstmal haben.

Steffi Jones ist noch neu im Amt der Bundestrainerin. Sie war früher ebenfalls ein Teil dieses wahnsinnig erfolgreichen Vereinsfußballs sowie der Nationalmannschaft. Ist sie die richtige Besetzung als Nachfolgerin von Silvia Neid, die als Bundestrainerin ja alles gewonnen hat?
Ja, denn Steffi hatte Zeit, sich mit der Position zu befassen. Sie hatte ja auch bei der WM 2011 der Frauen eine wichtige Funktion. Sie war immer an der Mannschaft dran, immer an den Klubs dran. Entscheidend ist: Steffi musste was Neues bringen, was das System betrifft, was den Umgang betrifft. Wenn man neu anfängt, ist man immer dazu veranlasst, denn es ist immer ein Problem, wenn man die Vorgängerin kopiert. Steffi hat die Taktik umgestellt und ich finde es richtig, dass sie sich männliche Hilfe geholt hat. Markus Högner, ein guter Freund von mir aus Essen, ist jetzt ihr Co-Trainer. Die Mischung im Trainerteam muss stimmen, auch wenn ich immer kritisiert wurde, ich sei ein Macho.

Die neue Bundestrainerin Steffi Jones ist die richtige Besetzung - sagt Schröder.

Die neue Bundestrainerin Steffi Jones ist die richtige Besetzung - sagt Schröder.

(Foto: imago/foto2press)

Der Anspruch stimmt also, das Trainerteam passt auch. Wie beurteilen Sie die derzeitige sportliche Situation mit Hinblick auf die EM?

In einigen Mannschaftsteilen sind wir überdimensioniert gut besetzt. Etwa im Mittelfeld, wo wir fünf, sechs Superleute haben - mit Dzsenifer Marozsan und Linda Dallmann. Ich sehe allerdings in der Abwehr Probleme. Im Angriff sind die Gegnerinnen - seien es die Französinnen oder die Engländerinnen - sehr aggressiv. Ich denke aber, dass das kompensiert werden kann. Es muss sogar kompensiert werden, denn es sind sieben Spielerinnen dabei, die entweder bei Turbine spielen oder gespielt haben. Und wenn die Nationalmannschaft verliert, verlieren wir auch als Verein mit ihr (lacht).

Alexandra Popp hat sich kurz vor der EM-Nominierung im Training den Außenmeniskus gerissen und das Außenband des linken Knies überdehnt. Ist ihr Ausfall zu kompensieren?
Nein, den kann man nicht kompensieren. Im Angriff haben wir gute Spielerinnen und die offensiven Mittelfeldspielerinnen können aushelfen, aber es fehlt ein Typ wie Poppi. Sie hatte kein gutes Jahr, warum auch immer, aber auf Poppi kannst du dich verlassen. Ich hätte sie gern in meiner Mannschaft gehabt, das habe ich ihr auch ein paar Mal gesagt. Sie ist eine Malocherin.  Auch in der Nationalmannschaft der Männer sind solche Spieler wie Sandro Wagner wieder gefragt, Typen wie früher Horst Hrubesch. Aber die wachsen natürlich nicht auf Bäumen. Die Mischung muss stimmen. Poppi ist für mich ein echter Verlust.

Alexandra Popp fehlt im Aufgebot des DFB - für Schröder ein herber Verlust.

Alexandra Popp fehlt im Aufgebot des DFB - für Schröder ein herber Verlust.

(Foto: imago/foto2press)

Mit Pauline Bremer wurde ein ehemaliger Schützling von Ihnen nicht nominiert. Dabei hat sie mit Olympique Lyonnais die Champions League gewonnen. Ist das ein Fehler?

Pauline Bremer ist ein Thema für sich. Sie ist als No Name zu uns gekommen und hat bei uns viel gewonnen. Aber der Weggang nach Lyon hat ihr aus meiner Sicht nicht viel gebracht. Sie spielt nun in einer Mannschaft, die überdimensional gut besetzt ist. Für mich ist sie Stürmerin oder eine Spielerin, die aus dem offensiven Mittelfeld kommt. In Lyon aber spielt sie in der Abwehr. Bremer ist eine Spielerin der Zukunft, aber wenn sie sich nicht weiterentwickelt, dann kann Steffi Jones sie nicht nominieren. So viele Spielerinnen kann man ja gar nicht mitnehmen. Pauline Bremer ist eine Spielerin mit Willen, sie hat ein Ziel, und von daher tut sie mir ein bisschen leid.

Die deutsche Mannschaft war in der Vergangenheit mehr als erfolgreich. Bei neun EM-Teilnahmen stehen acht Titel zu Buche. Man könnte also annehmen, dass der DFB alles richtig gemacht hat. In den vergangenen Jahren aber wurde es für das Team schwerer, Titel zu gewinnen. Wie sehen Sie die Entwicklung?
Wir hatten Weltklasse-Spielerinnen und sogar Weltfußballerinnen mit Birgit Prinz, Nadine Keßler und Nadine Angerer. Aber diese progressive Entwicklung ist in den letzten Jahren nicht weitergegangen. Viele Klubs dümpeln vor sich hin, nur vier, fünf Mannschaften bestimmen das Niveau der Liga. Aber das sind immer noch mehr als etwa in Frankreich - da sind es zwei. Ich glaube also, dass die anderen Mannschaften in Europa intensiver an die Sache Nationalmannschaft herangegangen sind. Sie haben vernünftige Trainer gesucht, haben vieles geändert und so ist der Vorsprung, den wir hatten, geschrumpft. Wenn ich sagen würde, wir sind schlechter geworden, wäre das zu negativ. Die anderen sind dichter gerückt.

Die Fußball-EM der Frauen

Die EM in den Niederlanden beginnt am Sonntag, 16. Juni, mit dem Spiel der Gastgeberinnen gegen Norwegen in Utrecht. Das Finale findet am Sonntag, 6. August, in Enschede statt. Insgesamt nehmen 16 Teams teil, die die Vorrunde in vier Vierergruppen ausspielen. Die beiden Erstplatzierten jeder Gruppe qualifizieren sich für das Viertelfinale. Die DFB-Elf trifft in der Gruppe B auf Schweden, Italien und Russland. Der Spielplan im Überblick:

Gruppe A

Sonntag, 16. Juli
Niederlande - Norwegen 1:0 (0:0)
Dänemark - Belgien 1:0 (0:0)

Donnerstag, 20. Juli
Norwegen - Belgien, 18.00 Uhr, Breda
Niederlande - Dänemark, 20.45 Uhr, Rotterdam

Montag, 24. Juli
Belgien - Niederlande, 20.45 Uhr, Tilburg
Norwegen - Dänemark, 20.45 Uhr, Deventer

Gruppe B

Montag, 17. Juli
Italien - Russland, 18.00 Uhr, Rotterdam
Deutschland - Schweden, 20.45 Uhr, Breda

Freitag, 21. Juli
Schweden - Russland, 18.00 Uhr, Deventer
Deutschland - Italien, 20.45 Uhr, Tilburg

Dienstag, 25. Juli
Russland - Deutschland, 20.45 Uhr, Utrecht
Schweden - Italien, 20.45 Uhr, Doetinchem

Gruppe C

Dienstag, 18. Juli
Österreich - Schweiz, 18.00 Uhr, Deventer
Frankreich - Island, 20.45 Uhr, Tilburg

Samstag, 22. Juli
Island - Schweiz, 18.00 Uhr, Doetinchem
Frankreich - Österreich, 20.45 Uhr, Utrecht

Mittwoch, 26. Juli
Island  - Österreich, 20.45 Uhr, Rotterdam
Schweiz - Frankreich, 20.45 Uhr, Breda

Gruppe D

Mittwoch, 19. Juli
Spanien - Portugal, 18.00 Uhr, Doetinchem
England - Schottland, 20.45 Uhr, Utrecht

Sonntag, 23. Juli
Schottland - Portugal, 18.00 Uhr, Rotterdam
England - Spanien, 20.45 Uhr, Breda

Donnerstag, 27. Juli
Portugal - England, 20.45 Uhr, Tilburg
Schottland - Spanien, 20.45 Uhr, Deventer

Viertelfinale

Samstag, 29. Juli
Sieger Gruppe A - Zweiter Gruppe B, Doetinchem
Sieger Gruppe B - Zweiter Gruppe A, Rotterdam

Sonntag, 30. Juli
Sieger Gruppe C - Zweiter Gruppe D, Tilburg
Sieger Gruppe D - Zweiter Gruppe C, Dev.

Halbfinale

Donnerstag, 3. August
Sieger VF 1 - Sieger VF 4, Enschede
Sieger VF 2 - Sieger VF 3, Breda

Finale

Sonntag, 6. August, 17 Uhr in Enschede

Das heißt für das anstehende Turnier?

Für mich ist bei dieser EM wichtig, dass wir unser Gesicht nicht verlieren. Der deutsche Frauenfußball muss mit guter Leistung überzeugen. Das kann auch mit einem zweiten Platz so sein, obwohl uns der natürlich von der Platzierung her zurückwerfen würde. Aber eine vernünftige Vorstellung muss sein, denn es geht auch um die Bewahrung des Images. Von daher ist die Europameisterschaft auch richtungsweisend für die kommenden Jahre, wo es mit dem deutschen Frauenfußball hingeht. 

Ärgert es Sie, dass der Männerfußball alles dominiert und der Frauenfußball nur eine untergeordnete Rolle in Deutschland spielt?

Daran haben wir auch selber Schuld. Wir haben bei der Weltmeisterschaft 2011 im eigenen Land zu hoch gepokert. Da sollte es einen künstlich erzeugten Hype geben, aber der Druck war viel zu groß. Es ärgert mich, dass viele denken, wenn wir guten Fußball spielen und ein, zwei Turniere gewinnen, dann müssen alle auf uns gucken. Dafür müssen wir eine eigene Philosophie entwickeln, eine eigene Authentizität haben. Warum sollten die Zuschauer zu den Frauen kommen, wenn wir genauso spielen wie die Männer? Wir müssen mehr Tore schießen, mit offenem Visier spielen, die Leute müssen begeistert sein. 0:0-Spiele beachtet doch keiner, das ist ja schon bei den Männern schwierig. Die Zuschauer wollen bei uns was anderes sehen: Tore, Leidenschaft, Emotionen und sympathische Mädels. Wie eine Sportart betrachtet wird, hängt eben davon ab, wie sie sich selbst in der Öffentlichkeit produziert. Und wir sollten niemals einen Männer-Vergleich heranziehen. Für mich ist Frauenfußball eine andere Sportart.

Sie waren kurzzeitig Trainer der DDR-Mannschaft, aber ansonsten immer nur bei einem Verein - Turbine Potsdam. Hat Sie eine andere Aufgabe oder etwas Abwechslung nie gereizt?

Ich bin Diplom-Ingenieur, ich habe immer gesagt, dass ich Sport und Beruf im dualen System verbinden möchte. Ich war in leitender Position und konnte mir die Zeit einteilen. Aber ich habe immer versucht, eine Symbiose aus Sport und Beruf zu finden. Ich habe nicht acht Jahre studiert, hochwissenschaftliche Arbeit gemacht, um im Sport alle zwei Jahre den Verein zu wechseln. Das war nicht mein Ziel, ein so langes Studium wollte ich nicht wegwerfen. Nach der Frühverrentung wurde das einfacher, ich hatte mehr Zeit und dann kamen auch sportlich die ganz großen Erfolge. Dann habe ich Angebote von anderen Vereinen und sogar aus dem Männerfußball bekommen, aber ich habe immer abgelehnt.

Vor Kurzem hat mich eine Anfrage aus China erreicht, die über den DFB an mich übermittelt wurde. Deren großes Ziel sind die Olympischen Spiele in drei Jahren. In China sollte ich Sportdirektor der Frauen-Nationalmannschaft werden. Aber ich mache es nicht. Weil sie mich fast bekniet haben, würde ich zur Verfügung stehen, wenn es um eine beratende Tätigkeit geht. Genauso wie bei der U20 sollen auch die Frauen aus China in Baden-Württemberg zusammengezogen werden.

Sie werden also nicht der neue Sportdirektor in China, seit einem Jahr sind sie aber auch nicht mehr der Cheftrainer bei Turbine Potsdam - nach 45 Jahren im Amt. Genießen Sie jetzt - mit fast 75 Jahren - etwa Ihren Ruhestand?

Nein. Ich bin Ehrenpräsident und Vorstand bei Turbine Potsdam. Vielleicht habe ich sogar mehr zu sagen als vorher, aber das wissen die nicht (lacht). Aber sportlich halte ich mich jetzt raus. Sollen die ihr eigenes Ding machen, da haben sie freies Spiel. Ich war auch das ganze Jahr nicht im Stadion. Wenn ich doch mal da bin, wird ein Jubel gemacht, das muss ich nicht haben. Und das wäre auch nicht fair den anderen gegenüber.

Werden Sie denn die Frauen-EM schauen?

Ja, ich werde sie mir angucken. Es sind ja viele Spielerinnen dabei, die ich kenne, die auch hier in Potsdam gespielt haben. Und es kann ja sein, dass mich mal jemand fragt, wie die EM ausgegangen ist (lacht).

Mit Bernd Schröder sprach Anja Rau

"Urgestein" Bernd Schröder hat gerade ein Buch über sein Leben veröffentlicht. Darin kommen auch viele Weggefährten und Spielerinnen zu Wort: "Bernd Schröder - Ein Leben für den Frauenfußball" bei Amazon kaufen.

Quelle: n-tv.de

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