Fußball

Die Lehren des 3. Spieltags FC Bayern erschafft "Mr. Unbesiegbar"

Bayern-Schreck: Julian Nagelsmann.

Bayern-Schreck: Julian Nagelsmann.

(Foto: REUTERS)

Der FC Bayern versorgt die Thomas-Müller-Wunde und sehnt sich nach Ruhe. Doch Robert Lewandowski hat andere Pläne. In Wolfsburg gibt's den ersten Saisonskandal und der HSV blickt neidisch auf seinen Jahrhundert-Flop.

1. Thomas Müller spielt - aber kaum einen interessiert's

Zwei Wochen lang hat die Thomas-Müller-Lobbygruppe herausragend gut gearbeitet. Zwei Wochen haben die Interessenvertreter des mittlerweile umstrittenen Mia-san-mia-Monsters Coach Carlo Ancelotti mit einem Verbalgewitter vollgedonnert, so dass dieser nun einknickt und am dritten Spieltag der Bundesliga den herumlungernden Raumdeuter in Sinsheim von Beginn an spielen lässt. Auf der rechten Seite, wo sonst Monothematik-Fußballer Arjen Robben das Spiel des FC Bayern auf ein anderes Level hebt. Und hat es sich gelohnt? Nun: Eher nicht. In Halbzeit eins gewann Müller keinen Zweikampf. In Halbzeit zwei verlor er das wichtige Duell vor dem 0:2 (übrigens der Endstand). Naja, die anderen waren ja auch nicht viel besser. Gut für die Lobbygruppe. Die übrigens gar nicht so viel reden musste, um das drohende nächste große Gerede über ihren Klienten nach der Niederlage bei den Hoffenheimern kleinzuhalten.

Erfolgreiche Schützenhilfe kam nämlich vom "Spiegel". Der veröffentlichte just ein vermutlich vom Klub nicht autorisiertes Interview mit Robert Lewandowski, in dem der Pole seinen Arbeitgeber warnt (eine Lesart) oder attackiert (eine andere Lesart). Je nach Anfälligkeit für Populismus werden die Aussagen als "erfrischend ehrlich" ("Welt"-Reporter Julien Wolff bei Sky) oder als "Hammer" und "Angriff auf Philosophie des Vereins und Kollegen" (Stefan Effenberg) zerpflückt.

Umfrage Umfrage Hat Bayern-Stürmer Robert Lewandowski mit seinem Interview eine Grenze überschritten?

Damit Sie mitreden und sich selbst eine Meinung - Effenberg rät den Bayern übrigens zur Trennung vom Schimpf-Stürmer - bilden können: Lewandowski hat angesichts der internationalen Aufrüstung und der eskalierten Transfersummen gesagt: "Bayern muss sich etwas einfallen lassen und kreativ sein, wenn der Verein weiter Weltklassespieler nach München lotsen will. Wenn man ganz vorn mitspielen will, braucht man die Qualität dieser Spieler." Hannovers Manager Horst Heldt glaubt im Sky-Talk mit Jörg Wontorra übrigens, "dass alle beim FC Bayern mit dem Interview leben können. Es ist einfach die Realität." Nun, wir erinnern uns kurz: Im Herbst 2009 gab der noch junge und muksige Philipp Lahm ebenfalls ein (nicht autorisiertes) Interview. Radikal verkürzt sagte er Folgendes: Erstens: Der FC Bayern hat keine Spielphilosophie. Zweitens: Hinter den Spieler-Verpflichtungen ist kein System zu erkennen. Drittens: Die häufigen Trainer-Wechsel verunsichern die Mannschaft. Populismus? Forcierter Abgang? Nein, ganz einfach nur die Wahrheit. Sie kam indes gar nicht gut beim Klub. Lahm wurde bestraft. Seither wurden die Bayern sieben Mal Meister, gewannen vier Mal den Pokal und holten einmal die Champions League. Nur mal so.

2. Der FC Bayern macht Nagelsmann groß

Der FC Bayern kann gegen Julian Nagelsmann nicht gewinnen. Eine richtig schön reißerische Überschrift. Und sie stimmt. Bei einer seriösen Einordnung verliert sie allerdings deutlich an Wucht. Denn Nagelsmann hat - zumindest in der Bundesliga - erst dreimal gegen die Münchener gespielt, dabei zweimal gewonnen. Diese Serie möchte der FC Bayern beenden - und wenn es sein muss, dann eben mit Verpflichtung des "Mr. Fantastic". Das klingt jetzt eher wie ein "Muss"-Szenario, ist aber in Wahrheit ein "Will"-Szenario. Denn Uli Hoeneß lobte noch im Frühjahr: "Es ist eine große Sensation, dass er in dem Alter ohne jegliche Erfahrung den Sprung aus der Jugend in den bezahlten Fußball geschafft hat. Er ist sicherlich einer der Trainer, die irgendwann einmal für Bayern infrage kommen." Wann genau? Nun, diese Frage gewinnt aktuell gewaltig an Dringlichkeit. Denn Nagelsmanns Vorgänger, Carlo Ancelotti (keine Sorge, er ist noch im Amt, sie haben nichts verpasst), muss sich reichlich Kritik anhören. Keine Struktur, kein Plan, nicht nachvollziehbare Wechsel und dann ließ sich seine Mannschaft im Kraichgau auch noch von einem pfiffigen Balljungen übertölpeln – beinahe jeder Experte in den sonntäglichen Fußball-Talks lästerte über Coach Carlo. Es klang fast so, als würden die Bayern einen Blinden als Augenarzt beschäftigen. Dem sich verbal andeutenden Gau nimmt Dietmar Hamann bei Sky die Schärfe, bleibt dem allgemeinen Abgesang-Tenor auf den Maestro aber treu: "Carlo kann alle Themen moderieren und hat sicher den Respekt aller Spieler. Aber er muss die Spieler besser machen (Einschätzung der Redaktion: Das kann Nagelsmann ganz fantastisch, die Bayern profitieren in Niklas Süle und Sebastian Rudy ja bereits davon). Ancelotti hat immer mit erfahrenen Mannschaften gearbeitet. Ich weiß nicht, ob er für den Umbruch der richtige Trainer ist." Und den Umbruch, den haben die Bayern im Sommer ja eingeleitet.

Von den Medien angezählt: Carlo Ancelotti.

Von den Medien angezählt: Carlo Ancelotti.

(Foto: imago/Sportnah)

3. Die HSV-Lusche metamorphosiert sich

Die schlechteste Nachricht für den Hamburger SV kommt an diesem Wochenende aus Leeds. Denn dort metamorphosierte sich die vom hanseatischen Sugardaddy Klaus-Michael Kühne als "Jahrhundert-Flop" verspottete Klub-Lusche Pierre-Michel Lasogga zum Knipser-Liebling. Die beeindruckenden Werte bei seinem Debüt gegen Burton Albion (5:0): 62 Minuten gespielt, zwei Tore erzielt, einen Treffer aufgelegt, einen Elfmeter herausgeholt und den ganzen Klub verzaubert. Bei Twitter verliebte sich der zuständige Social-Media-Redakteur unmittelbar nach dem Führungstreffer des Sturmbullen: "Du Schönheit". Original-hanseatisch hätte es heißen müssen: "Du Perle". Die kickende Perle, also der HSV, vergeigte ihr zweites Liga-Heimspiel der Saison indes gegen gereifte und bärenstarke Leipziger mit deren Wettbewerbsverzerrung Timo Werner mit 0:2 – und haderte mit der Chancenverwertung. " Coach Markus Gisdol orakelte: "Wenn wir eine Chance nutzen, läuft das Spiel vielleicht anders." HSV-Stürmer? Alles Luschen.

4. #Hosengate ist nicht das Hauptproblem des VfL

Ganz so peinlich wie im Juli 2016 war's nicht. Damals hatte der FSV Frankfurt vor seinem Testspiel gegen den SV Darmstadt den kompletten Satz Buchsen vergessen. In Wolfsburg nun, beim 1:1 gegen die frech-erfolgreichen und nicht ausflippen wollenden Hannoveraner, war's nur ein Spieler. Und dessen Buchse war auch gar nicht so weit weg, sie lag bloß in der Kabine. Dennoch bekam Landry Dimata ordentlich Lack für sein Unten-Ohne-Missgeschick. "Ein Spieler ist verantwortlich für seine Hose", sagte VfL-Sportdirektor Olaf Rebbe. Und auch Coach Andries Jonker hätte sich "gewünscht, dass es schneller geht".

Denn lange vier Minuten vergingen nach der Knöchelverletzung von Kapitän Mario Gomez, ehe Dimata einlief - der deutsche Nationalstürmer saß längst auf der Bank. Der Fauxpas kurz vor der Pause blieb die auffälligste Szene des jungen Belgiers – ob die vertanen vier Minuten daran was geändert hätten? Wohl nicht, denn an dem Problem der entgifteten Niedersachsen ändert #Hosengate freilich nichts: "Wir brauchen zu viele Situationen, um ein Tor zu machen", schimpfte Mittelfeldmann Josuha Guilavogui. Wie schon in der vergangenen Saison, als ohne Sturmbulle und Neu-Kapitän Mario Gomez vor dem Tor nur sehr, sehr selten etwas ging. Dass der nun ausfällt, auf unbestimmte Zeit, DAS, gepaart mit chronisch mangelnder Kreativität und chronischen lahmen Flügeln, sind die wahren Probleme für den VfL, sch... auf #Hosengate! Immerhin: Das Team, so beschwichtigt Guilavogui wenig später, sei aber besser als in der Vorsaison, als der Klub in die Relegation musste. Nun, bislang müssen wir leider widersprechen.

5. Zorniges Stimmungstief über'm Rheinland

Der Rheinländer ist ein fröhlicher Mensch. Es muss schon einiges passieren, dass die Laune böse kippt. Fußball zum Beispiel. Schlechter oder unerfolgreicher. Und den bieten sie im Westen gerade in Serie – zumindest beim Kölner "Effzeh" und bei Bayer Leverkusen (Gladbach nehmen wir trotz Pleite raus und Zweitliga-Spitzenreiter Düsseldorf sowieso). Während sich die Werkself auch gegen Mainz (1:3) mutig stümpernd zum historisch schlechtesten Saisonstart hurraisiert, kehrt in Köln nach dem 0:3 gegen den FC Finnbogason pünktlich vor dem Europapokal-Comeback beim FC Arsenal das traditionelle So-'ne-Scheiße-Denken inklusive maximaler Dünnhäutigkeit zurück. So pfeift Sportdirektor Jörg Schmadtke ein zorniges Wutlied. Der Text im Wortlaut: "Willst Du jetzt von mir eine Bewertung der Saison haben, am 3. Spieltag? Die Saison ist scheiße! Man tut ja so, als hätten wir nur Einbeinige verpflichtet." Weltpremiere hatte der Song übrigens beim Sport1-Doppelpass.

Dort war ja auch Rudi Völler, Schmadtkes Pendant aus Leverkusen, schon einmal zu Gast. Seinem Ärger - der wurde auch nach sechs Kaffee nicht weniger (Bericht aus Leverkusen) - musste er an diesem Spieltag aber über andere Organe verbreiten lassen. Nach dem schlechtesten Start in 38 Jahren Bundesliga lästerte der Weltmeister: "Wir haben eine schöne Spielweise, es sieht alles total gut aus, wir sind total dominant. Aber nur mit Zauberern geht es halt nicht. Ein Punkt aus drei Spielen ist zu wenig." Auch für Coach Heiko Herrlich. Der sollte die Mannschaft eigentlich aus der Roger-Schmidt-Tayfun-Korkut-Ergebniskrise befreien. Geklappt hat's bislang nicht: Heiko Herrlich feierte seinen letzten Bundesliga-Sieg im Februar 2010 beim 2:1 mit dem VfL Bochum gegen Hoffenheim. Er wartet damit seit 13 Bundesliga-Spielen auf einen Erfolg. Und nun? "Jetzt stehen wir unter Druck." Stimmt.

6. Bibiana Steinhaus schreibt Geschichte

Wir nehmen uns eine kleine Ideen-Anleihe bei der "taz". Die hatte nämlich am 11. Oktober 2005 auf ihrer Titelseite geschrieben: "Es ist ein Mädchen". Was passiert war? Angela Merkel war erste Kanzlerin der Bundesrepublik. Und nun wiederholt sich Geschichte - ein wenig. Am 10. September 2017 hat Bibiana Steinhaus als erste Frau ein Spiel in der Bundesliga angepfiffen und natürlich auch geleitet. Um 15.30 Uhr gab sie im Berliner Olympiastadion die Begegnung zwischen Hertha BSC und Werder Bremen frei. Nach zehn Jahren in der zweiten Liga war Steinhaus im Mai in die Riege der 24 Bundesliga-Schiedsrichter aufgestiegen. Schon 2003 hatte die Schiedsrichterin im Olympiastadion als 24-Jährige das DFB-Pokal-Finale der Frauen geleitet, Jahre später pfiff Steinhaus bereits in Liga zwei Heimspiele von Hertha BSC. Wie das Debüt gelaufen ist? Das beantworten Collinas Erben in ihrer Kolumne bei n-tv.de.

Quelle: n-tv.de

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