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Blaschke kritisiert Widersprüche Der Fußball pflegt seine soziale Illusion

Soziale Projekte - und ein Sponsorenvertrag mit dem viel kritisierten Unternehmen Wiesenhof. Dennoch sei Werder Bremen noch ein Klub, der Engagement ernst nehme, sagt Ronny Blaschke.

Soziale Projekte - und ein Sponsorenvertrag mit dem viel kritisierten Unternehmen Wiesenhof. Dennoch sei Werder Bremen noch ein Klub, der Engagement ernst nehme, sagt Ronny Blaschke.

(Foto: imago/nph)

Fußball kann so viel mehr sein als nur ein Sport. Die Fans des BVB haben das unlängst mal wieder bewiesen. Aber auch im Alltag wollen Vereine und Spieler ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen. Seit der WM 2006 spannt sich ein dichtes Netz aus Stiftungen und Projekten um den Profifußball. Allerdings hat das oft mehr mit Pflichtbewusstsein zu tun als mit wohlüberlegten Konzepten, sagt Ronny Blaschke im Interview mit n-tv.de. Der Sportjournalist hat sich für sein Buch "Gesellschaftsspielchen" das gesellschaftliche Engagement im Profifußball angeschaut.

n-tv.de: "Die Leute im Verein dachten, wir haben den Verstand verloren." Das sagt in Ihrem Buch der Marketingchef von Mainz 05 über die Reaktion auf seine Initiative für einen klimaneutralen Verein. Gelten diese Leute als Exoten oder gar Spinner?
Ronny Blaschke: Beim Thema Klimaschutz auf jeden Fall. Der Marketingchef hat sich selbst für einen Exoten gehalten. Man denkt ja oft am Anfang, man schädigt seinen Ruf als Fußballklub, wenn man sich mit anderen Themen beschäftigt. Mainz 05 ist ein gutes Beispiel, wie durch einen Anstoß von außen was entstehen kann. Da kam ein potenzieller Sponsor, ein Energieversorger, mit dieser Idee auf den Verein zu.

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Ronny Blaschke arbeitet als freier Autor unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und den Deutschlandfunk. Er hat schon mehrere Bücher zu Fußball und Gesellschaftspolitik verfasst. Für "Angriff von Rechtsaußen – Wie Neonazis den Fußball missbrauchen" erhielt er 2013 den Ehrenpreis des Julius-Hirsch-Preises des DFB.

Warum muss der Anstoß von außen kommen? Warum hat der Fußball so etwas nicht selber auf dem Schirm?
Im Fußball herrscht ein Selbsterhaltungstrieb, den es in Wirtschaft und Politik so nicht gibt. Die Leute im Management waren oft früher selbst Spieler. Die haben Ahnung von Sport, aber meistens nicht den Blick darüber hinaus. Die guten Initiativen kommen fast immer von außen. Was ich gut finde, dadurch kommt Wissen in den Fußball. Auf der anderen Seite ist es bedenklich, wenn die Robert-Bosch-Stiftung den reichen Fußball mit Geld anschieben muss, damit er auf die Idee kommt, den Fußball nachhaltig mit Bildung zu verknüpfen. Es wäre ideal, wenn jeder Verein sich als gesellschaftliche Institution begreift.

Erwarten Sie da nicht zu viel vom Fußball?
Diese Frage stellen auch viele Funktionäre und Vereinsvertreter, wenn sie wieder mal kritisiert werden. Dann fühlen sie sich überfordert und reduziert auf die gesellschaftliche Reparaturwerkstatt. Auf der anderen Seite schüren sie selbst diese Erwartungen, da muss man sich nur mal die schönen bunten Broschüren anschauen. Ich will ganz nüchtern festhalten: Ein Fußballverein ist nicht nur ein Verein, sondern ein mittelständisches Unternehmen mit einer Außenwahrnehmung, die einem Weltkonzern gleichkommt. Und die kriegen so viel Geld, Aufmerksamkeit, Zuneigung, auch staatliche Unterstützung durch Stadionbauten, kommunale Sportstätten, Fanprojekte, die Sicherheitskosten. Das Gemeinwesen gibt dem Fußball so viel, dass man erwarten kann, systemisch etwas zurückzubekommen.

Ronny Blaschke

Ronny Blaschke

Ein moralisches Argument. Zieht das bei den Vereinen?
Es ist ganz wichtig, dass man an die Kommerzlogik des Fußballs appelliert. Mit Idealismus kommt man nicht weiter, den hab ich mir abtrainiert. Mainz 05 ist ein gutes Beispiel: Die haben einen neuen Hauptsponsor gefunden, weil sie so viel gesellschaftliches Engagement betreiben. Oder auch Werder Bremen, die viele neue Partner gewonnen haben. Es hat einen Grund, dass sich Fans, Belegschaft und Sponsoren trotz der sportlichen Misere mit dem Verein identifizieren. Das ist auch ein Wert, da sollte man breiter denken.

Der Profifußball macht ja schon sehr viel. Die Bundesligastiftung hat einen Etat von rund drei Millionen Euro jährlich. Warum ist das nicht genug?
Die Stiftung unterstützt Einzelprojekte, und das macht sie gut. Aber generell halte ich eine gemeinnützige Stiftung für die Bundesliga nicht für angebracht. Der Profifußball hat einen Gesamtumsatz von mehr als drei Milliarden Euro, warum also eine gemeinnützige Stiftung? Die sitzt übrigens auch in einem anderen Haus. Es wäre doch gut, wenn es eine Sozialabteilung gäbe mit zehn oder fünfzehn Angestellten und einem festen Budget. Bis jetzt kommt das Geld für die Stiftung vor allem aus Benefizspielen der DFB-Elf und Strafen, die Vereine zahlen müssen. Das muss nicht sein. Nicht nur, weil es schwierig zu durchschauen ist, sondern weil so eine Stiftung nicht dazu führt, dass der Ligachef Christian Seifert und seine Führungscrew das gesamte Profitstreben hinterfragt. Die zentrale These meines Buches lautet: Es geht nicht darum, nur Gelder an soziale Projekte weiterzureichen. Es geht darum, sich den gesamtes Apparat anzuschauen: Wie sind wir ausgerichtet, wie und wo wollen wir Geld verdienen? Auf welche Partner lassen wir uns ein?

Sie kritisieren im Buch oft die fehlende Stringenz des Engagements.
Da sind die Bayern ein gutes Beispiel. Die haben den FC Bayern Hilfe e.V., wo Ehrenamtliche Spenden sammeln und weiterreichen. Viele Infos gibt es darüber nicht. Uli Hoeneß erledigt vieles nach Bauchgefühl, hier mal ein Benefizspiel, da mal ein Projekt. Aber was bringt es, wenn man ein tolles Projekt über den jüdischen Ex-Präsidenten Kurt Landauer und gegen Antisemitismus finanziert, aber gleichzeitig nach Katar ins Trainingslager fliegt, wo Juden und Israelis nicht erwünscht sind? Der FC Bayern hat Büros in China und New York eröffnet. Dann kann er doch auch mit der gleichen Zielstrebigkeit hier Projekte entwickeln, begleiten, evaluieren. Dann wäre der Ansatz systemischer, und viel Geld kostet es auch nicht. Werder Bremen, die Engagement ernst nehmen, geben im Jahr eine Million Euro dafür aus. An Spielerberater haben sie im gleichen Zeitraum sechs Millionen gezahlt.

Die Widersprüche ziehen sich durch das Buch. Werder haben Sie als Leuchtturm bezeichnet - aber ausgerechnet der schließt einen Sponsorenvertrag mit dem umstrittenen Fleischfabrikanten Wiesenhof. Endet das gesellschaftliche Engagement da, wo die Interessen der Sponsoren anfangen, wo es ins Geld geht?
Das ist das Bittere: Ich glaube nicht, dass die Vereine bewusst eine Fassade aufbauen. Da wird einfach nicht drüber nachgedacht. In vielen Interviews hatte ich das Gefühl, dass sich die Leute zum ersten Mal darüber Gedanken machen. Wenn man den Ligachef Christian Seifert auf einer Konferenz zum Thema Flüchtlingshilfe hört, dann habe ich den Eindruck – der weiß darüber relativ wenig. Obwohl die Bundesligastiftung kluge Leute beschäftigt. Entweder interessiert er sich nicht dafür oder die Struktur lässt eine breite interne Wissensvermittlung nicht zu. Ich finde, der Chef der Bundesliga sollte wissen, welche Projekte es gibt.

Aber es gibt da keine einfachen Antworten. Nehmen wir Werder Bremen: Das ist ein Verein mit 150 Mitarbeitern, 10 davon für Soziales, und die Abteilungen haben unterschiedliche Interessen. Der Sponsorenvertrag mit Wiesenhof wurde von einem externen Vermarkter geschlossen. Das hätte auch schlimmer ausgehen können. Aber die haben dann den Deutschen Tierschutzbund dazugeholt, Journalisten zu Touren durch Wiesenhof-Anlagen eingeladen. Da kam noch was. Wenn ich mit Vereinsvertretern gesprochen habe, haben die das selbstkritisch eingeschätzt. Das ist doch schon mal ein Anfang.

Viele Kritiker bezeichnen soziales Engagement von Großkonzernen ja als Feigenblatt. Wenn ich Sie richtig verstehe, sagen Sie aber: Im Fußball läuft es nebeneinander. Die wissen oft nicht, was sie im eigenen Verein so tun.
Alle wollen was machen. Aus Pflichtgefühl. Und da hört es oft schon auf. Die Leute machen sich keine Gedanken, wohin es langfristig gehen soll mit den Projekten. Ich glaube nicht, dass die Bundesliga in 20 Jahren noch Rekorde feiert. Für Olympia wird es schon schwer, Gastgeber zu finden. Ich will nicht nur draufhauen, sondern aufzeigen: Die Erzählung eines sozial bewussten Fußballs kann die wirtschaftliche Seite ankurbeln, andere Zuschauergruppen ansprechen. Es ist nicht teuer, dafür drei oder vier Mitarbeiter anzustellen. Es gibt so viele Partner, und es würde Spaß machen, den Fußball zu verbinden. Es wundert mich, dass das noch nicht so viele erkannt haben.

Für das Buch haben Sie sich die Situation in Großbritannien angeschaut. Dort nehmen die Klubs ihre gesellschaftliche Verantwortung viel offensiver wahr. Wird es auch in Deutschland in diese Richtung gehen?
Noch herrscht da ein riesiges Niveaugefälle. Es muss mehr Druck kommen, das verpflichtend zu machen. Dietmar Hopp hat gefordert, drei Prozent des Umsatzes für soziale Projekte auszugeben. Das ist utopisch. Aber ich bin für Verpflichtungen, für Quoten, für Passagen in Spielerverträgen. Die Politik sollte sich nicht nur auf den Tribünen ablichten lassen. In Bremen hat der Senat gesagt: Wir wollen die Polizeikosten bei Risikospielen nicht übernehmen. Das trifft leider den falschen Verein. Aber so ähnlich könnte man Druck machen. Auch von den Partnern in der Wirtschaft könnte mehr kommen. Der FC Bayern hat Audi und Adidas, die sind in puncto CSR viel weiter. Aber da sehen wir im Fall Hoeneß, wie schwer die sich tun.

Mit Ronny Blaschke sprach Christian Bartlau

Das Buch von Ronny Blaschke: "Gesellschaftsspielchen: Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei" bei Amazon bestellen.

Quelle: n-tv.de

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