Fußball

Klassikerchen im Schnellcheck DFB-Team spektakelt sich zur Langeweile

Der Ball landete kein einziges Mal im Netz.

Der Ball landete kein einziges Mal im Netz.

(Foto: imago/DeFodi)

Ein Auftakt mit Schmackes, ein Ende mit Papierfliegern. Beim Fußballklassiker zwischen England und Deutschland hätte es ganz anders kommen können - wenn die Gastgeber eine gut gepflegte Tradition nicht eindrucksvoll beendet hätten.

Um was ging's?

Um einen knallharten Test im knallhärtesten Fußballercasting ever. Zumindest für den mit absoluten Spitzenkräften üppig besetzten Kandidatenpool von Bundestrainer Joachim Löw. Für die Engländer wurde die Situation dagegen mit jeder Stunde näher zum Anpfiff und mit jeder Verletzung eines Starspielers einfacher – mit Anstoß ließ sie sich dann auf folgenden Minimalismus reduzieren: Am besten nicht untergehen. Die gesamte Startelf der Gastgeber hatte gerade einmal 101 Länderspiele absolviert – Deutschlands Ranking-Leader (an diesem Abend) Mesut Özil dagegen alleine schon 86.

Hat's geklappt?

Nö, wobei das ja immer eine Frage der Perspektive ist. Und wir betrachten hier die deutsche. Fassen wir also zusammen: Das Fußball-Testspiel zwischen den personell verzwergten Engländern und den ebenfalls gerupften Deutschen endete 0:0. Der Klassiker hätte indes reichlich Potenzial für mehr gehabt, wenn, ja, wenn ...

… lesen Sie entweder hier weiter, oder im Spielbericht.

England - Deutschland 0:0

Tore: keine
Deutschland: ter Stegen - Ginter, Hummels, Rüdiger - Kimmich, Özil, Gündogan (ab 86. Rudy), Halstenberg - Draxler (ab 67. Can), Werner (ab 74. Wagner), Sané (ab 86. Brandt) - Trainer: Löw
England: Pickford - Stones, Jones (ab 25. Gomez), Maguire – Trippier (ab 72. Bertrand), Rose (ab 71.  Walker) - Dier,  Livermore (ab 86. Cork), Loftus-Cheek - Vardy, Abraham (ab 59. Rashford) - Trainer: Southgate
Schiedsrichter: Pawel Raczkowski (Polen)
Zuschauer: 81.382 in London

Die Highlights im Spielfilm

21. Minute: Gerade als das munter begonnene Klassikerchen dabei war, den Sandmännchen-Auftrag zu übernehmen, gibt Leroy Sané den Weckrüpel und schlenzt den Ball von der Strafraumkante an die Unterlatte.

23. Minute: Schläfrigkeit oder Sané'sche Schockstarre? Nun, die Diagnose ist eigentlich egal, denn die Symptome der Engländer sind die gleichen, nämlich akute Passivität: Ilkay Gündogan schickt Timo Werner, der scheitert knapp an Keeper Jordan Pickford, den Abpraller schlenzt Deja-vu-Sané an den Kopf von John Stones, der auf der Linie steht und wiederum für Julian Draxler auflegt, aber auch der verweigert mit einem zünftigen Hochschuss.

39. Minute: Özil passt scharf, Stones stolpert blöd, Werner schuldert-hadert, Pickford pariert gut.

42. Minute: Nun ist neben Keeper Pickford ein zweiter Engländer aufgewacht, Youngster Tammy Abraham. Annahme aus dem vollem Lauf am Elfmeterpunkt, Drehung nach rechts, Drehung nach links - im Synchron-Ballett mit Antonio Rüdiger, der den Schuss dank seiner flinken Zehenspitze Zentimeter neben den Pfosten drückt.

49. Minute: Die deutsch-katalanische Pranke meldet sich im Spiel an, und das spektakulär. Einen wuchtigen Kopfballaufsetzer vom ziemlich ignorierten Jamie Vardy neuert Marc-André ter Stegen von der Linie.

90. Minute: Das wäre jetzt aber auch unfair gewesen! Eine Sekunde vor dem Schlusspfiff haut Jesse Lingard eine Freistoßflanke per Direktabnahme aus fünf Metern über den Kasten. Warum unfair? Weil's kaum jemand gesehen hätte, so leer war das Stadion da schon.

Video

Das war gut

Jordan Pickford. Und das soll was heißen. Denn er ist Torhüter. Englischer Torhüter. Okay, Sie können den Evergreen vom schnappenden Insel-Idioten nicht mehr hören? Dann nun die gute Nachricht für Sie: Es sieht so aus, als könnten wir uns den englischen Torwart-Slapstick abgewöhnen. Gegen Löws mutige Casting-Crew konnte sich der 23-Jährige gleich mehrfach auszeichnen. Die war nämlich phasenweise auch richtig stark. Und zwar immer dann, wenn sie ihr Wahnsinnstempo, also die Herren Sané und Werner, über die beiden Tempochefs Gündogan und Özil auf den Rasen brachte. Was die allerdings trotz toller Dribblings und cleverer Laufwege daraus machten, war ziemlich dürftig; irgendwie unentschlossen, mutlos, ein wenig zu zart. Ganz anders wiederum als Mats Hummels, der in Wembley verdammt titelverteidigungsreif spielte. Der bayrische Abwehrboss packte unter anderem gleich zweimal seine copyrightgeschützte Heldengrätsche aus, erst gegen den heransprintenden Abraham (57.) und nur Sekunden später gegen eine brandgefährliche Hereingabe von Eric Dier im Fünfmeterraum.

Das war nicht so gut

Die zweite Halbzeit. Die fand zwar statt, leistete aber inhaltlich keinen Beitrag, über den man ab 22.53 Uhr deutscher Zeit noch reden müsste. Um die gezeigte Langeweile mit Fakten zu unterfüttern: Von 100 (geschätzt) auf den Rängen gebastelten und abgefeuerten Papierfliegern landeten 13 (gezählt) auf dem Rasen - inklusive kurzer, aber heftiger Euphorieanfälle aus den jeweiligen Blöcken.

Der Comebacker des Spiels ...

… war nicht Mario Götze, der trotz sechs Wechselmöglichkeiten des Bundestrainers nicht eingesetzt wurde, sondern Gündogan. Der 27-Jährige durfte sogar beginnen und bis zur 86. Minute durchspielen, auf einer ziemlich ungewohnt bestückten Doppelsechs mit eben ihm und Özil. Diese Idee des Bundestrainers wäre durchaus eine mit Perspektive, gäbe es Toni Kroos nicht (es gibt ihn aber), denn die beiden Premier-League-Profi symbiosierten sich zu einer dominant-souveränen Kombination aus Spielgestalter und Spielzerstörer.

Der Tweet zum Spiel

 

Quelle: n-tv.de

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