55 Jahre Bundesliga

Redelings über die Saison 66/67 Konietzka rastet aus, Chaos beim TSV 1860

Gingen dann bald getrennte Wege: Timo Konietzka und Trainer Max Merkel.

Gingen dann bald getrennte Wege: Timo Konietzka und Trainer Max Merkel.

(Foto: imago sportfotodienst)

Schalker und Dortmunder irren im dichten Nebel herum, der TSV 1860 München tritt um sich und Eintracht Braunschweig sorgt für die Sensation der Saison. Die Bundesliga-Spielzeit 1966/1967 ist eine Wundertüte mit einem spektakulären Ausraster.

Das kurioseste Spiel der Saison findet am 12. November 1966 in der Kampfbahn Rote Erde statt. Bei der Partie zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 wird der Nebel von Minute zu Minute immer dichter. BVB-Profi Theo Redder kann an diesem Tag nur zuschauen: "Ich hatte einen Bekannten aus Wickede dabei, und wir haben uns kaputtgelacht, denn man sah überhaupt gar nichts mehr. Da war nur noch Nebel." Andere Besucher gucken nicht so geduldig auf das nicht mehr zu erkennende Spielfeld, wie die "Rundschau" berichtet: "Verschiedene Leute gingen Bier trinken, andere bedauerten, dass sie kein Kartenspiel eingepackt hatten, und die Klügsten machten sich auf den Heimweg." Nebel hin oder her, die Begegnung endet wieder einmal klar und deutlich mit 6:2 für Borussia Dortmund.

Deutscher Meister wird der Braunschweiger Turn- und Sportverein Eintracht. Nach dem Titelgewinn des SV Werder Bremen ist es die zweite richtig große Überraschung in der nunmehr vier Jahre jungen Geschichte der Fußball-Bundesliga. Die Eintracht hatte vor der Saison niemand auf dem Zettel. Fritz Walter, der Kaiserslauterer Weltmeister von 1954, prophezeite gar einen Abstieg des niedersächsischen Klubs und musste anschließend ebenso Abbitte leisten wie der Trainer der Eintracht. Maximal einen sechsten Tabellenplatz hatte Helmut Johannsen vorhergesehen. Dabei waren die Voraussetzungen, aus der Rückschau betrachtet, gar nicht einmal so schlecht.

Maximal Platz sechs: Braunschweigs Meistertrainer Helmut Johannsen.

Maximal Platz sechs: Braunschweigs Meistertrainer Helmut Johannsen.

(Foto: imago sportfotodienst)

Seit 1963 hatte Helmut Johannsen seine Mannschaft kontinuierlich nach seinen Vorstellungen aufgebaut. Im Meisterschaftsjahr ist er der einzige Trainer in der Fußball-Bundesliga, der seit Beginn der neuen Eliteliga noch bei seinem Verein angestellt ist. Das zahlt sich nun aus. Fast das komplette Team spielt durch. Zehn Akteure haben mehr als 30 Einsätze. Nach dem Gewinn des Titels sagt Johannsen deshalb auch einen Satz nicht ohne Grund, für den er in Deutschland viel belächelt wird: "Ein Wunder war das nicht. Das war harte Arbeit!"

"Gegner hat gespielt wie Weltmeister!"

Allgemein gilt die Meisterschaft der Eintracht unter Experten eher als unverdiente Sensation. Der ehemalige Herausgeber des "Kicker", Dr. Friedebert Becker, spricht gar davon, dass der Titel "vom Falschen gewonnen" wurde. Nur wenige können wie Bayern-Trainer Tschik Cajkovski nach der 2:5-Niederlage seiner Münchner in Braunschweig die Klasse der Eintracht anerkennen: "Gegner hat gespielt wie Weltmeister!" Hart gearbeitet wird in Braunschweig, konsequent aber nur an vier Tagen in der Woche und niemals in einem Trainingslager - von denen hält der Eintracht-Coach nämlich überhaupt nichts: "Von Montag bis Freitag lernt keiner Fußball. Er wird höchstens ein guter Skatspieler."

In einem Punkt muss man den Kritikern jedoch Recht geben: Braunschweig spielt eine unaufgeregte, wenig spektakuläre, dafür aber sehr beständige Saison. Bis zum 28. Spieltag kassiert man zu Hause nur drei Gegentore. Insgesamt müssen die Torhüter Horst Wolter und Hans Jäcker nur 27-mal hinter sich greifen, zum Vergleich: Die nächstbeste Hintermannschaft kommt aus Dortmund und lässt 41 Tore gegen sich zu. Allerdings trifft die Eintracht auch nur ganze 49 Mal.

55 Jahre Bundesliga - das Jubiläumsalbum: Unvergessliche Bilder, Fakten, Anekdoten
EUR 19,90

Helmut Johannsen umschreibt die Kritik an seiner taktischen Ausrichtung so: "Der Gewinn der Meisterschaft ist auch abhängig von der Summe der schwachen Spiele. Und in dieser Beziehung hält unsere Bilanz doch wirklich jeden Vergleich aus." Beim amtierenden Deutschen Meister 1860 München regiert in dieser Saison anfangs das Chaos. Am 11. Spieltag ist man sogar Tabellen-Vorletzter. Der schillernde Erfolgstrainer Max Merkel verlässt am 10. Dezember 1966 München, um nur wenige Tage später, am 1. Januar 1967, in Nürnberg anzuheuern. Ein Wechsel mit Folgen, wie sich noch zeigen soll.

Und noch eine Personalie sorgt für Wirbel beim TSV. Schon Timo Konietzkas Mutter Emma kannte kein Erbarmen. Wenn ein Mitspieler auf dem Bolzplatz einem der drei Konietzka-Brüder zu nahe kam, rannte sie auf das Feld und verprügelte die ungehorsamen Gegner ihrer Söhne mit dem Regenschirm. Dieses Verhalten muss der Bundesligaspieler Konietzka wohl in den Genen haben. Der Stürmer des TSV 1860 München ist wahrlich "kein Kind von Traurigkeit". Das zeigt sich leider auch, als am 8. Oktober 1966, dem achten Spieltag der Saison, seine Sechziger zu Hause gegen seine ehemaligen Dortmunder antreten.

Raus! Schiedsrichter Max Spinnler verweist Timo Konietzka des Platzes.

Raus! Schiedsrichter Max Spinnler verweist Timo Konietzka des Platzes.

(Foto: imago sportfotodienst)

Als Konietzka mit einer Entscheidung des Schiedsrichters Max Spinnler nicht einverstanden ist, stößt er den Schiri vor die Brust, reißt ihm wütend die Pfeife aus dem Mund, trampelt auf dieser rum und tritt Spinnler schließlich auch noch vors Schienenbein. Später sagt Konietzka - immer noch wenig einsichtig und rasend vor Wut -, er habe den Mann in Schwarz doch nur ein "klein bisschen" mit seinen Stollenschuhen getreten. Wie dem auch sei. Der DFB kennt keine Gnade. Konietzka erhält die für viele Jahre längste Strafe eines Bundesligaprofis. Sechs Monate muss der Angreifer aussetzen.

Alle Artikel unserer wöchentlichen Serie "55 Jahre Bundesliga“ finden Sie hier. Unser Kolumnist Ben Redelings ist mit seinen Bühnen-Programmen unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema