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Erdogan-Boykott und Terrorangst So hart trifft die Tourismuskrise Istanbul

Händler in Istanbul spüren deutliche Einbußen.

Händler in Istanbul spüren deutliche Einbußen.

(Foto: Sonja Gurris)

Vor zwei Jahren war Istanbul noch voller deutscher Touristen - doch nach mehreren Terroranschlägen und politischen Unruhen meiden sie die Metropole. Basarhändler und Hoteliers spüren die Krise heftig. Und auch sie symbolisieren ein gespaltenes Land.

Zwei Polizisten in rot-weißen Westen stehen gelangweilt am Eingang zum Großen Basar, um die Sicherheitslage im Auge zu behalten. Am Freitagmorgen ist nur wenig los im altehrwürdigen Basar mit fast 7000 kleinen Läden, der bei Touristen aus aller Welt eigentlich beliebt ist. Doch gerade jetzt spüren die Händler hier die Auswirkungen von Terroranschlägen in Istanbul und politischen Unruhen wie dem Putschversuch. Die Männer stehen vor ihren Geschäften, unterhalten sich, trinken Chai und tauschen sich über die neusten Nachrichten aus. Zu tun gibt es fast nichts. So wie bei Musap, der Keramik-Produkte im Laden seines Vaters verkauft. Seit 40 Jahren existiert der kleine Shop. Die Folgen von Anschlägen und Unruhen bekommt der Basarhändler zu spüren: "Die letzten beiden Jahre läuft es generell richtig schlecht - fast keine Geschäfte, es gibt kaum Kunden". 

Die wenigen Touristen, die vorbeikommen, schauen sich die Waren an, aber kaufen nur wenig. "Vor zwei Tagen haben hier um die Ecke etwa fünf Basar-Geschäfte geschlossen", erklärt der junge Mann und schaut dabei etwas traurig. 10.000 Dollar pro Monat zahlt die Familie Ladenmiete - für 15 Quadratmeter auf der zweitwichtigsten Straße des überdachten Basars. Die Händler sind derzeit kaum in der Lage, die horrenden Summen zu bezahlen. Mehr als 500 Geschäfte mussten bereits aufgeben und es werden jeden Tag mehr. "Die Stimmung hier ist mies", erklärt der 27-jährige Musap. "Inshallah wird es wieder besser".

Musap ist Basarhändler und beobachtet die großen wirtschaftlichen Probleme.

Musap ist Basarhändler und beobachtet die großen wirtschaftlichen Probleme.

(Foto: Sonja Gurris)

Er selbst macht bei dem Familienunternehmen schon seit 10 Jahren mit. "Wir folgen Erdogan. Europa mag ihn halt nicht. Deshalb kommen auch die Deutschen nicht mehr. Amerikaner, Europäer kommen weniger, das Geld von ihnen fehlt hier, stattdessen kommen die Araber, vor allem aus Katar". Aber auch die Kunden aus anderen Ländern wie Katar und Südkorea können die Lücke durch die fehlenden Touristen nicht füllen. Die Deutschen sind in der Türkei zahlenmäßig die wichtigste Gästegruppe. Sind deren Besucherzahlen rückläufig, hat das deshalb besonders schwere Folgen.

Arbeitslose Touristen-Volunteers

Nur wenige Bahnstationen vom Basar entfernt steht die Hagia Sophia; die ehemalige byzantinische Kirche wurde zur Moschee umgebaut und ist heute als Museum ein Besuchermagnet Istanbuls. Eigentlich. Im Januar 2016 sprengte sich davor ein Terrorist in die Luft, der dabei acht deutsche Touristen tötete, die mit ihrer Reisegruppe vor Ort waren. Zuletzt gab es Silvester ein Terroranschlag auf den beliebten Club "Reina" in Istanbul, bei dem 39 Menschen starben.

Vor der Hagia Sophia ist vergleichsweise wenig los.

Vor der Hagia Sophia ist vergleichsweise wenig los.

(Foto: Sonja Gurris)

Die Angst vor dem Terror hat Folgen. Die Besucherschlange vor der Hagia Sophia ist kurz. Vor allem Einheimische unterhalten sich auf dem beliebten Platz davor, dem Sultan Ahmet Mahallesi. Deutsch hört man hier so gut wie gar nicht mehr. "Vor zwei Jahren waren hier überall Deutsche, heute sehen Sie es - hier ist kaum noch ein Deutscher unterwegs", erklärt Emre, der ein blaues T-Shirt mit der Aufschrift "Ask me" trägt und Touristen Fragen beantwortet. Viele seiner Kollegen unterhalten sich miteinander, weil es gar nicht so viele ausländische Besucher gibt, die ihnen Fragen stellen könnten.

Ähnlich sieht es Zeki. Er ist Tourguide und wartet vor der Hagia Sophia auf Kundschaft: "Die letzte deutsche Gruppe, die ich geführt habe, war vor drei Monaten hier". Doch mit viel Mühe findet man dann doch Deutsche. Ein Ehepaar mit Kind schlendert gerade von der Blauen Moschee in Richtung Gartenanlage. Sie sehen einen Türkei-Urlaub derzeit kritisch: "Wir sind hier gerade auf einem Zwei-Tage-Ausflug und sind eigentlich in Bulgarien im Urlaub. Wir haben uns gegen die Türkei als Urlaubsort entschieden", erklärt der Mann. "Wir haben uns schon so unsere Gedanken gemacht, ob wir in diesen Zeiten überhaupt kurz mit Kind nach Istanbul kommen", ergänzt seine Frau. Doch sie fügen hinzu, dass es ihnen super gefällt und die Menschen sehr nett zu ihn seien.   

Für alle Menschen, die in der Türkei vom Tourismus leben, reicht das aber nicht aus. Nicht nur der Terror, sondern auch der Putschversuch und die diplomatische Krise mit Deutschland belastet den Tourismus. Für einige Händler in der Nähe der Istiklal Caddesi, einer beliebten Straße im Stadtteil Beyoglu, ist klar, was dahintersteckt.

"Erdogan ist nicht gut für unser Land - warum nennt er die Deutschen Nazis? Deshalb kommen auch viele Deutsche nicht mehr", meint Straßenhändlerin Rahime, die hier schon seit 17 Jahren ihre Lederbänder verkauft. "Unser Land ist tief gespalten, viele haben Angst vor einer Islamisierung unter Erdogan", erzählt sie weiter. Es sei auch kein Wunder, dass viele Menschen Istanbul nicht mehr besuchen würden, schließlich gab es schon seit den Demonstrationen auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park in der Vergangenheit massive Auseinandersetzungen, erklärt sie. Sie verweist damit auf die große Protestwelle, die 2013 ganz in der Nähe stattfand.

"Erdogan muss seinen Mund halten"

Auch in einem Hostel in Beyoglu ist ein Mitarbeiter davon überzeugt, dass die Regierungsrhetorik dazu beiträgt, die Deutschen von Istanbul-Reisen abzuhalten: "Erdogan muss seinen Mund halten. Wenn dann die nächsten zwei Jahre nichts passiert, kein Terror oder eine politische Aktion, dann könnten auch wieder mehr Touristen kommen", meint Ahmet.

In seinem Hostel können Urlauber für 8 Euro pro Nacht im Mehrbettzimmer inklusive Frühstück übernachten. Die Preise fallen, weil die Nachfrage gering ist. Istanbul leidet unter dem Besucherschwund. Aber die Bewohner geben die Hoffnung auf eine baldige Besserung der Lage nicht auf.

Quelle: n-tv.de

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