Reise

Unterwegs in der Megametropole Moskau, du Moloch!

Jeder, der das riesige Moskau besucht, erlebt zwei Seiten: schicke Boutiquen, prachtvolle Paläste und Metrostationen - aber auch Betonklötze und Armut. Die Stadt ist faszinierend - und manchmal etwas erschreckend. Ein Erfahrungsbericht.

Angekommen an der Metrostation, beginnt der Kampf. Gefühlt alle 12 Millionen Einwohner dieser Stadt wollen gerade in die U-Bahn steigen, um zur Rush Hour um 17 Uhr nach Hause zu fahren. Es ist eine schlechte Idee, genau zu dieser Uhrzeit anzureisen, sich zu orientieren und das Hotel zu suchen. Aber als beherzter Reisender sollten auch widrige Umstände einen nicht aufhalten.

Mit wenigen Kyrillisch-Kenntnissen gleicht die Orientierung in einer der großen Metrostationen eher einem kleinem Rätselraten. Doch nach ein paar Fehlversuchen mit der U-Bahn und vielen halb erfolgreichen Konversationen mit den Moskauer Bürgern ist es geschafft, die richtige Station erreicht.

Untergrund mit besonderem Ambiente

Wer beispielsweise an der Metrostation Komsomolskaja aussteigt, wird staunen. Dem Besucher bietet sich ein fantastischer Anblick - und das nicht etwa oben, sondern in der Unterwelt. Moskaus Metrostationen sind zwar oft voller Menschen, aber auch voller Prunk - so viel Detailliebe in der Untergrundbahn gibt es wohl nur selten. Sie ist sogar so schön, dass extra Metro-Sightseeing-Touren angeboten werden, damit Touristen den gesamten Pomp anschauen können - und nicht nur daran vorbeihetzen. Und wer nach ein paar Tagen den Überblick über die Stadt bekommt, der bemerkt, dass an manchen Stellen der Untergrund deutlich hübscher anzusehen ist als die Architektur auf Straßenebene.

Moskau kann in Teilen wirklich bezaubern. Das Aushängeschild dafür ist der Rote Platz. Wohl kaum ein anderer Ort des Landes wird weltweit so sehr mit Russland verknüpft. Die Basiliuskathedrale, das alte und zugleich glamouröse Kaufhaus Gum, der rote Bau des Staatlichen Historischen Museums, das Lenin-Mausoleum sowie der Kreml bilden ein beeindruckendes Gesamtbild. Ob Chinesen, Russen oder Deutsche - hier knipsen Touristen aus vielen Nationen ihre Selfies. Es ist ja auch kein Wunder, denn wer den Roten Platz das erste Mal sieht, weiß gar nicht, wo er zuerst hinschauen soll.

Statuen in der Moskauer Metro.

Statuen in der Moskauer Metro.

(Foto: Sonja Gurris)

Ein kurzer Lenin-Moment

Am Boden des Roten Platzes erkennt man deutlich die weißen Markierungen, die dazu dienen, beispielsweise bei Paraden die Panzer in Reih und Glied aufzustellen. Etwas befremdlich wirkt es schon. Befremdlich ist auch das, was mit Wladimir Iljitsch Lenin gemacht wird. Etliche Touristen laufen durch eine Sicherheitsschleuse am Rande des Roten Platzes - es gehört einfach zum Sightseeing-Programm dazu, Lenin in seinem Mausoleum zu besuchen. Doch wer erwartet, dass im Inneren des Marmor-Gebäudes noch eine Art Ausstellung zu sehen ist, der irrt. Ein paar Treppen hinunter, vorbei an ein, zwei grimmig dreinschauenden Soldaten, liegt einzig in der Mitte des Raumes der gläserne Sarg mit dem toten Revolutionsführer. Er ist einbalsamiert - und das schon sehr lange.

Die zahlreichen Markierungen auf dem Roten Platz dienen übrigengs auch für die richtige Positionierung der Panzer, die bei feierlichen Paraden hier an den Ehrengästen entlangfahren.

Die zahlreichen Markierungen auf dem Roten Platz dienen übrigengs auch für die richtige Positionierung der Panzer, die bei feierlichen Paraden hier an den Ehrengästen entlangfahren.

Er starb 1924. Seitdem liegt Lenin in einem Mausoleum - das erste wurde einige Jahre später durch ein neues ersetzt. Angeblich soll die Temperatur im Sarginneren immer bei 7 Grad liegen. Wissen tun das wohl nur die Wissenschaftler, die den einbalsamierten Leichnam regelmäßig inspizieren und kontrollieren. Von außen sieht er eher wie eine Wachspuppe aus, so lange wie er schon konserviert wird. Besucher dürfen nicht stehen bleiben, vielen fällt auch das Fotografier-Verbot schwer. Soldaten ermahnen einen sofort, wenn man zwei Sekunden verharrt. Nach wenigen Augenblicken ist der Lenin-Besuch auch schon wieder vorbei.

Abseits der Touristenpfade - in der Betonhölle

Wer auch einmal abseits der touristischen Orte links und rechts schaut, der erkennt in Moskau aber nicht nur Prunk und Luxus. Auch Armut ist an vielen Ecken sichtbar - hochschwangere Frauen betteln am Wegesrand, alte Mütterchen verkaufen Pilze und Gemüse, um ein paar Rubel einzunehmen. Sie sitzen direkt auf der Straße neben den Metrostationen. Nur wenige Kilometer vom Prachtzentrum scheint die Zeit im Kommunismus stehen geblieben zu sein, zumindest im manchen Teilen der Region Moskau. Verarmte Gegenden, Betonklötze, die man nur als ziemlich hässlich beschreiben kann. Sie stehen im krassen Gegensatz zur Schönheit, die Moskau an vielen Stellen bietet.

Gerade etwas außerhalb der Stadt manifestiert sich diese Erkenntnis immer mehr. So zum Beispiel im Regionalzug in Richtung Sergijew Possad, etwa 70 Kilometer außerhalb der Stadt. Vom Jaroslawler Bahnhof fährt die Bahn nordöstlich durch Moskau. Im Zug selbst merkt man schnell, wie groß die Metropole ist, der ganze Waggon mit seinen Sechser-Abteilen ist voll. Und hier sieht man die Mischung der Gesellschaft ganz genau - das arme Mütterchen sitzt neben der mondänen Frau, die gerade mit ihrem Smartphone mit ihrer Familie chattet. Beim Blick aus dem Fenster zieht die immer kargere und ärmere Landschaft vorbei, schon wenige Fahrminuten hinter Moskau geht das Gefühl verloren, ganz nah an einer Megametropole zu sein.

In einem Vorort von Moskau wird es schon deutlich leerer.

In einem Vorort von Moskau wird es schon deutlich leerer.

(Foto: Sonja Gurris)

Die Spiritualität der orthodoxen Kirchen erleben

Angekommen in Sergijew Possad gibt es nur wenige ausländische Touristen, aber viele Russen. Orthodoxe Gläubige kommen von weither, um das Kloster der Dreifaltigkeit zu sehen. Sie kaufen sich im Kloster-Laden Plastikfläschchen, in denen sie "holy spring water" - also heiliges Quellwasser - abfüllen. Natürlich kommen sie auch, um die zahlreichen Ikonen zu sehen und zu beten. Jeder Moskaubesucher sollte diesen Ort der Spiritualität sehen - er symbolisiert den tiefen Glauben vieler Russen und gibt spannende Einblicke in die russische Seele.

Gläubige füllen das heilige Quellwasser im Kloster von Sergijew Possad ab.

Gläubige füllen das heilige Quellwasser im Kloster von Sergijew Possad ab.

(Foto: Sonja Gurris)

Moskau und das Umland sind ziemlich abwechslungsreich - und wer mit offenen Augen durch Stadt und Land reist, der kann spüren, wie die Region tickt. Wer nicht organisiert anreist, sollte in jedem Fall ein bisschen Abenteurer-Gen in sich haben, denn eine 12-Millionen-Stadt ist nichts für schwache Nerven. Zumindest nicht zur Rush Hour. 

Diese Erlebnisse sollten Moskau-Besucher nicht verpassen:

  • Ausgiebige Tour über den Roten Platz mit Kremlbesichtigung, danach Kaffee trinken im Kaufhaus Gum
  • An der Moscow Free Walking Tour teilnehmen, um einen guten Überblick zu bekommen (Spendenbasierte Tour)
  • Zur vollen Stunde die Wachablösung am Grab für den unbekannten Soldaten anschauen
  • Im Gorki-Park entschleunigen
  • Das Neujungfrauenkloster besuchen
  • Im Kosmonautenmuseum auf Juri Gagarins Spuren wandeln
  • Bei einer Flussfahrt auf der Moskwa das Panorama genießen (nur in warmen Monaten)
  • Die Kunstmuseen besichtigen und am Abend im Bolschoi-Theater Ballett ansehen
  • Einen Ausflug nach Sergijev Possad zur großen Klosteranlage machen (Regional-Bahn/ab dem Jaroslawler Bahnhof fährt die Bahn durch)
  • Immer wieder U-Bahn fahren und dabei die prachtvollen Stationen bestaunen

Praktische Tipps für eine Reise nach Russland:

Deutsche brauchen für Russland ein Visum. Dieses Dokument sollte frühzeitig vor der Reise beantragt werden. Auch die Hotels registrieren die Urlauber, die bei ihnen wohnen.

Wer zur Fußball-Weltmeisterschaft anreisen wird, sollte sich darauf einstellen, dass nicht überall in der Stadt Englisch gesprochen wird. Ein paar Grundkenntnisse Russisch und vor allem ein paar Lektionen im kyrillischen Alphabet sind von Vorteil - denn bislang sind nahezu alle Metrostationen der Stadt nur auf Kyrillisch angeschlagen, mit Englisch kommen Touristen nur bedingt weiter.

Weitere Einblicke gibt es im Video.

Quelle: n-tv.de

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