Reise

Ein Hauch von Gefahr? Medellín - von Drogenstadt zum Insidertipp

Von Viktor Coco, Medellín

Medellín ist mittlerweile eine Szenestadt mit viel Charme.

Medellín ist mittlerweile eine Szenestadt mit viel Charme.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Bis heute haftet der Ruf der Drogenkriminalität an Kolumbiens zweitgrößter Stadt. Aber die Realität ist eine andere. Junge Reisende verlieben sich in die Metropole, die ansprechende Gastronomie und ein aufregendes Nachtleben verspricht.

Vielen Serienfans dürfte Medellín ein Begriff sein, weil sie die populäre Netflix-Produktion "Narcos" um den ehemaligen Drogenboss Pablo Escobar schauen. Aber auch wenn die Kultserie hier spielt, muss man Gangster-Romantiker enttäuschen: Die Stadt mit drei Millionen Einwohnern hat anderes zu bieten als Kokain und den kriminellen Ruf der Vergangenheit. Natürlich, wer es drauf anlegt, wird bei den "Kaugummi"-Verkäufern im hippen Stadtteil El Poblado fündig. Man kann es aber auch sein lassen.

Ein Rausch mit dem hiesigen "Aguardiente Antioqueño", ein relativ milder Zuckerrohrschnaps mit Anisgeschmack, ist sowieso viel typischer für die "Paisas", so nennt man die Bewohner von Medellín. Hier in diesem Viertel mischen sich die Rucksacktouristen unter die jungen "Paisas", wenn sie abends die Plätze unter den vielen Bäumen des Viertels bevölkern. Auf dem "Parque del Poblado" diskutieren Studenten beim Bier, ein paar Straßen weiter den Hang hinauf stolzieren Frauen geschminkt und mit Stöckelschuhen um den "Parque Lleras". Eine Bar reiht sich hier an die andere, in überlauten Musikanlagen konkurrieren Reggaetón, Salsa oder Vallenato um das Publikum. Wer es rockig mag, geht ins "Berlin", Elektronisches läuft im Club "Calle 9+1", wo das Dach über der Tanzfläche geöffnet wird und für Erfrischung sorgt. 

Bauernplatte und Lulo-Saft

Tagsüber ist es in El Poblado ruhiger, aber längst nicht langweilig. Für ein deftiges Mittagessen geht man ins "Mondongo's" und bestellt den gleichnamigen Eintopf mit Innereien oder die klassische, eigentlich für schwer arbeitende Bauern gedachte, "Paisa"-Platte: Hackfleisch, frittierter Bauchspeck, Bratwurst und dazu Spiegelei, Bohnen, Avocado und gebratene Kochbanane. Genügend Bars mit Bio-Kaffee und den für Kolumbien so typischen Obstsäften gibt es aber auch. Schon mal was von Lulo gehört? Das ist eine etwa tomatengroße, orangefarbene Frucht mit leicht saurem, gelb-grünen Fruchtfleisch, aus der ein erfrischender Saft gemacht wird. Gesund ernährt man sich auch bei "Verdeo" oder im Edelkiez Provenza, wo sich vegetarische Restaurants mit feinen Boutiquen abwechseln. Auch "Zorbas" serviert nur fleischfreie Pizzen. Das verwinkelte, mehrstöckige Lokal ist abends bei Live-Musik einer der coolsten Spots der Gegend und liegt an einer kleinen Grünanlage, die mitten in El Poblado einen reißenden Bergbach hinunter ins Tal begleitet.

Buntes Treiben in Medellín, Antioquia.

Buntes Treiben in Medellín, Antioquia.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Aber auch woanders in Medellín spürt man die neue Lebensfreude dieser Stadt mit dem zu Unrecht so schlechten Image. In den Kneipen auf der Carrera 70 unweit des Stadions feiern an Spieltagen die Anhänger von Atlético Nacional, einem der derzeit erfolgreichsten Fußballvereinen Südamerikas. Ein paar Meter weiter in einem Keller versteckt sich der kultige Tanzschuppen Tíribí. Hier ist es eng und dunkel, es stinkt nach Schweiß und Aguardiente, aber auf dem Parkett tanzen die besten Salsa-Tänzer der Stadt.

Szenige Restaurants und Cafés

Unaufgeregter, aber nicht minder attraktiv ist das traditionelle Wohnviertel Laureles. Kleine Parks und grüne Alleen durchziehen diese im flachen Tal gelegene Nachbarschaft. Hier hat sich in den letzten zehn Jahren eine neue Szene mit Designerläden, Pop-up-Stores, gemütlichen Cafés und raffinierten Restaurants angesiedelt. Leckere Torten, Tapas und Tee bietet zum Beispiel das Café "Zeppelin", das vor ein paar Jahren von einem Deutschen eröffnet wurde.

"Zeppelin", "Zorbas" und viele andere Bars, Hostels oder Reiseagenturen werden von jungen Ausländern geführt. Dass Reisende aus aller Welt länger als geplant in Medellín bleiben oder mit einer cleveren Geschäftsidee wiederkommen, passiert häufiger als anderswo. Wer sich in der Ziegelstein-Wüste im engen Aburrá-Tal erst einmal zurechtgefunden hat, schätzt die ganzjährigen Temperaturen um 20 Grad, das für südamerikanische Verhältnisse gute Nahverkehrssystem und natürlich die Herzlichkeit der "Paisas". Auch das unternehmerfreundliche Umfeld lockt an, denn man spürt: Diese Stadt erlebt einen positiven Umbruch und hat mit den alten Haudegen wie Pablo Escobar längst nichts mehr zu tun.

Quelle: n-tv.de

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