Reise

Berliner Hauptbahnhof wird zehn Hinter den Kulissen des Glaskolosses

Von Sonja Gurris

Der Berliner Hauptbahnhof ist ein großes Drehkreuz für den deutschen und internationalen Fernverkehr.

Der Berliner Hauptbahnhof ist ein großes Drehkreuz für den deutschen und internationalen Fernverkehr.

(Foto: Sonja Gurris)

Er ist das Empfangstor für Millionen Berlin-Touristen: In Sichtweite zum Kanzleramt, zum Bundestag, direkt an der Spree liegt er direkt im Zentrum. 300.000 Menschen bewegen jeden Tag dort. Was sich hinter den Kulissen abspielt, weiß aber kaum jemand.

Mit scannendem Kontrollblick beobachtet Thomas Hesse, ob ihm auf Ebene 3 des Hauptbahnhofes etwas missfällt. Liegt Müll herum? Ist irgendetwas nicht in Ordnung? Der Bahnhofsmanager vom Berliner Hauptbahnhof geht zweimal täglich auf seinen Routine-Kontrollgang: "Ich mache morgens und abends meine Rundgänge auf verschiedenen Wegen. Man sollte als Chef schon wissen, was im Bahnhof los ist". Er präsentiert seinen Schrittzähler in der Hand – der Manager ist immer unterwegs, zu tun gibt es immer was auf diesem Riesen-Bahnhof mit den 1300 Zügen, die hier täglich ankommen und abfahren.

Links und rechts des Weges grüßt er die Mitarbeiter, denen er begegnet. Hesse managt den größten Kreuzungsbahnhof Europas. 300.000 Reisende müssen täglich zufriedengestellt werden. Für Hesse ist vor allem das gute Erscheinungsbild wichtig: "Ich möchte, dass das hier immer schön sauber ist, schließlich ist das hier auch eine Aushängeschild für die Stadt - deshalb ist morgens immer der erste Blick: Ist es sauber? Wir haben hier jetzt auf jeder Etage auch sogenannte 'Präsenzreiniger', die ständig unterwegs sind."

Thomas Hesse leitet das Bahnhofsmanagement.

Thomas Hesse leitet das Bahnhofsmanagement.

Gebäude der Superlative

Der Berliner Hauptbahnhof ist für die Mitarbeiter eine ganz besondere Großbaustelle, denn es ist eine Gebäude der Superlative: Die Glashalle ist 321 Meter lang, der Bahnhof hat 54 Rolltreppen, 38 Aufzüge, die Geschossfläche beträgt 78.000 Quadratmeter, auf dem Dach gibt es 780 Solarmodule. All diese Technik muss instand gehalten werden – täglich, reibungslos und geräuschlos. Und geräuschlos ist ein gutes Stichwort. Kaum geht Thomas Hesse ein paar Meter auf der Shopping-Ebene, zückt er den Schlüssel und Sekunden später … hört man nichts mehr vom Bahnhofsgewusel, von hektischen Reisenden, von Ansagen oder Verkehrslärm. Stille, als wäre man weit, weit weg vom Bahnhof.

Der Hauptbahnhof ist eine riesige Organisationseinheit - was der Reisende sieht, ist nur ein kleiner Bruchteil.

Der Hauptbahnhof ist eine riesige Organisationseinheit - was der Reisende sieht, ist nur ein kleiner Bruchteil.

(Foto: Sonja Gurris)
Technik muss immer funktionieren

Hinter der Wand ist eine andere Welt versteckt – die Welt der Techniker und Anlieferer. In einer Art Tunnelsystem hinter den publikums-offenen Ebenen erstrecken sich Wartungs- und Service-Räume. Der Müll der Geschäfte wird dort eingesammelt, ohne dass es der Reisende zu sehen bekommt. Tief unten im Bahnhofsinneren liegen die 186 Technikräume. Es sind 186 Räume, die nur für die technischen Abläufe da sind. "Die Gebäudeleittechnik wird über einen einzige Computer gesteuert", erklärt Hesse. Diese Computer sind immer besetzt, schließlich ist der Bahnhof rund um die Uhr geöffnet. Auch einen Stromausfall kann der Bahnhof aushalten. Aber wie läuft das ab? "Nach spätestens sieben Sekunden schaltet das System auf das andere, unabhängige zweite Stromnetz um", so der Bahnhofsmanager. Im Dunkeln sitzen die Reisenden also nicht.

Weiter geht es zur Heizungsanlage. Es ist ordentlich warm in diesem trostlosen Raum. Unerwartet zeigt Thomas Hesse plötzlich, wo die Berliner den Roten Teppich für Bahnhofs-Staatsgäste lagern: im Kämmerchen hinter dem Heizungskeller. Nicht gerade ein mondäner Ort für eine solch stilvolle Requisite – aber er kommt ja auch eher selten zum Einsatz. Er liegt im "Technikarchiv" – etwa zehn Mal im Jahr wird er in Szene gesetzt. Dann schüttelt Hesse den Prominenten auch persönlich die Hände: "Da waren schon ein paar interessante Personen dabei: der Staatspräsident von Malaysia oder von Brasilen."

Die Heizungsanlage in den Katakomben muss einiges leisten.

Die Heizungsanlage in den Katakomben muss einiges leisten.

(Foto: Sonja Gurris)

Der rote Teppich fristet ein recht unglamouröses Dasein.

Der rote Teppich fristet ein recht unglamouröses Dasein.

(Foto: Sonja Gurris)
Für die Zukunft ist schon vorgesorgt

Natürlich hat ein so großes Bauwerk auch seine Kuriositäten: Die Ansagen, die auf dem Berliner Hauptbahnhof ertönen, werden im Stadtteil Spandau eingesprochen. Das wissen wohl nur die wenigsten Menschen auf dem riesigen Hauptbahnhof.

Apropos riesig: Es wurde schon in der Vergangenheit groß gedacht, auch wenn es zu Beginn einige bauliche Probleme gab, zum Beispiel mit dem Dach. So gab es aber schon in der Historie große Planungen für die Zukunft und den weiteren Ausbau des Streckennetzes. Ein paar Türen weiter, den Schlüssel noch einmal gezückt, zeigt Bahnhofsmanager Hesse einen Ort, den kein Reisender bislang kennt: das künftige Bahngleis der S21. "Hier kommen dann die Fahrtreppen rein, dort ist der Schacht schon eingelassen. Hinter der Wand ist die Spree und dort können Sie schon die Bahnsteigkannte erkennen, das sind schon vorsorgliche Maßnahmen, die 2005 gebaut worden sind."

Das sagt der Dresdner nicht ohne einen gewissen Stolz. Er ist Eisenbahner aus Leidenschaft, der Job als Berliner Bahnhofsmanager ist sein 16. bei der Bahn. Er hat schon vieles gemacht: Fahrdienstleiter, Aufsicht, Fahrplanbearbeiter und nun managt er den Hauptstadtbahnhof – ab und zu schaut er sich dann einfach mal um, rastet einen Moment mitten im Getümmel und saugt die Atmosphäre auf: "Manchmal setze ich mich auf eine Bank und beobachte die Leute: Dann überlegt ich: Ist es ein Reisender, ein Einkäufer, wo geht er hin, ist er unsicher? Man sieht auch, wie er sich mit dem Wegeleitsystem orientieren kann."

Und wenn er sich wieder in sein Büro im Bahnhof setzt, hat er alles im Blick: den Trubel, den 300.000 Reisende jeden Tag veranstalten. Ein passionierte Eisenbahner hält am Berliner Hauptbahnhof die Stellung – und er ist selbst das Bahnfahren noch nicht leid. Beste Voraussetzung für die nächsten zehn Jahre.

Quelle: n-tv.de

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