Reise

Paradies fast am Ende der Welt Buchstaben-Wandern in Patagonien

Verkohlter Baum vor den Hörnern.

Verkohlter Baum vor den Hörnern.

(Foto: Viktor Coco)

In Südpatagonien ragt zwischen den Anden und der unendlichen Steppe ein faszinierendes Bergmassiv in die Höhe, das sich längst zum Tourismusmagneten entwickelt hat. Wer hierhin reist, erlebt eine außergewöhnliche Natur.

Schon auf den ersten Kilometern kleben die Touristen an den Scheiben der Reisebusse. Am Horizont erkennt man zwei Andengletscher. Winde zerfransen die Wolken am Himmel. Und segelt da etwa schon ein Kondor durch die Luft?

Wenn wir eine Weltkarte auffalten, dann findet man links unten Patagonien. Diese riesige und teilweise noch immer unerschlossene Landschaft im Süden von Chile und Argentinien ist Lieblingsziel für Naturliebhaber und Abenteurer. Fast am Ende der chilenischen Kontinentalmasse liegt das Städtchen Puerto Natales. Eigentlich 250 Kilometer ins vermeintliche Landesinnere von der Magellanstraße entfernt, aber dennoch am Pazifischen Ozean. Der Meerbusen "Letzte Hoffnung" schlängelt sich bis hier an die ins Wasser abfallende Andenkette heran.

Ausgangspunkt Puerto Natales

Mittlerweile fliegt man während der warmen Jahreshälfte zwischen Oktober und März aus der chilenischen Hauptstadt Santiago direkt hier her. Ansonsten reist man über Patagoniens historische Hauptstadt Punta Arenas an. Oder auf dem Landweg von Osten über die argentinische Grenze. Puerto Natales entstand Anfang des 20. Jahrhunderts als schmuckloses Zentrum der Schaffarmen. Heute bekommt man in den sympathischen bunten Blechhäusern nicht nur gegrilltes Lamm und exquisiten Fisch serviert, sondern kann sich mit jeglicher Logistik und Ausrüstung für den Ausflug in den Nationalpark "Torres del Paine" vorbereiten.

Seltenheit - windstill und wolkenfrei.

Seltenheit - windstill und wolkenfrei.

(Foto: Viktor Coco)

Und der hat es in sich. Nicht umsonst setzte sich der Park bei einer Wahl zum achten Weltwunder gegen prominente Mitstreiter wie Yellowstone oder Galapagos durch und lockt jährlich über 200.000 Besucher an. Ins Staunen geraten sie erstmals nach etwa einer knappen Stunde Fahrt gen Norden von Puerto Natales, wenn man in der Ferne das Paine-Massiv erkennt, das quasi rechtwinklig zu den Anden steht und geologisch von diesen völlig unabhängig ist.

Viele Besucher begnügen sich mit Tagestouren und der fesselnden Panoramaperspektive auf die durch Magma-Blasen entstandenen zerklüfteten Berge und die vorgelagerten Seen und Flüsse. Die Gewässer werden fast ausnahmslos durch Gletscher des südlichen patagonischen Eisfelds gespeist und begeistern so durch ihr Farbspektrum zwischen milchigem Türkis und tiefem Blau.

Türme und Hörner

Namensgebend für den Gebirgszug sind drei Granittürme im Osten des Massivs. Diese sandfarbenen "Torres" färben sich feuerrot, wenn sie am Morgen durch die aufgehende Sonne in Szene gesetzt werden. Bei klarem Himmel ein Grund für eine Nachtwanderung zum Aussichtspunkt. Heimliche Stars sind aber die sogenannten Hörner, die mächtig in der Mitte des Massivs über verschiedene Gesteinsschichten in den Himmel stoßen.

Sonnenaufgang an den Türmen.

Sonnenaufgang an den Türmen.

(Foto: Viktor Coco)

Wer näher heran will, wandert Buchstaben. Entweder innerhalb von zehn Tagen den anspruchsvollen, aber dafür einsamen O-Trail um das gesamte Bergmassiv. Oder den beliebten W-Trail auf der Südseite. Vom Aussichtspunkt auf die "Torres" im Osten bis zum linken Balken des Ws geht es innerhalb von vier Tagen über leichte bis mittelschwere Anstiege, durch Täler und verschiedene Vegetationszonen. Aufgrund der feuchten Wolken, die vom Pazifik hinüberziehen, ist es weiter im Westen grüner und waldiger. Eigentlich. Denn ein verheerender Brand hat vor einigen Jahren den Waldbestand stark dezimiert - und an vielen Stellen des Nationalparks bis heute bizarr anmutende, verkohlte, knochige Südbuchen-Stämme hinterlassen.

Extremer Wind in den Sommermonaten

Das grundsätzlich Problem waren damals nicht einmal die Flammen, sondern der unbändige patagonische Wind, der wochenlang den Brand nicht stoppen ließ. Böig, tückisch und plötzlich platzt er um so stärker in den Sommermonaten den Touristen willkürlich um die Ohren. Über 120 km/h erreicht er und kann sogar parkende Reisebusse umwerfen.

Guanako mit Chulengo.

Guanako mit Chulengo.

(Foto: Viktor Coco)

Wenn er aufkommt, sitzt man besser bei einem chilenischen Rotwein in einer der Berghütten. Hier geht es allerdings manchmal drunter und drüber. Die private Verwaltung der Unterkünfte hat hin und wieder nicht alle Zügel in der Hand und Reservierungen erscheinen vom Winde verweht. Dazu sind die Hüttenpreise für Kost und Logis durchaus gesalzen.

Aber das ist vergessen, wenn man im Flachland des Nationalparks mal wieder ein Nandu durch die Steppe flitzen sieht. Dieser Straußen-ähnliche Laufvogel gehört neben den Guanakos zu den leicht zu beobachten Prominenten der hiesigen Fauna. Guanakos gehören zur Familie der Kamele, sind nicht domestizierbar und herrschen über die baumlose Unendlichkeit Patagoniens. Die "Chulengos", ihre Jungtiere, leben allerdings gefährlich: In der Dämmerung schleichen Pumas aus den Wäldern und reißen einen gehörigen Anteil des Nachwuchses.

Und der Kondor? Der Aasfresser profitiert massenhaft vom Fleiß der Raubkatze. Nirgendwo in den Anden gibt eine so große Population auf so niedriger Höhe wie in dieser Region. Elegant segelt er in den patagonischen Winden, unter sich ein Zipfel links unten auf der Weltkarte, der zu Recht bei Fernreisenden ganz oben auf der Liste steht.

Quelle: n-tv.de

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