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Verrückt oder berechnend? Trump kennt nur eine Strategie: Lügen

Ein Kommentar von Hubertus Volmer

Die Realität spielt für Donald Trump keine Rolle. Wichtig ist der Jubel seiner Fans.

Die Realität spielt für Donald Trump keine Rolle. Wichtig ist der Jubel seiner Fans.

(Foto: AP)

In seiner Pressekonferenz verbreitet Präsident Trump so viele Unwahrheiten, dass man mit dem Zählen kaum hinterherkommt. Mag sein, dass er verrückt ist. Wahrscheinlicher ist: Er verfolgt eine Strategie.

Man stelle sich vor, der Trainer einer wirklich schlechten Fußballmannschaft sagt, seine Mannschaft habe in den letzten zehn Spielen jeweils einen Ballbesitz von 70 Prozent gehabt und er könne sich deshalb auch nicht erklären, warum sie immer verliert. Wenn die Statistiken eindeutig belegen, dass es nicht 70, sondern nur 30 Prozent waren, wird sich das Publikum vermutlich fragen: Ist der Mann noch klar im Kopf?

Bei Donald Trump ist es weitaus schlimmer. Um im Bild zu bleiben: Trump behauptet nicht nur, einen Ballbesitz von 150 Prozent zu haben. Er sagt auch, seine Mannschaft habe die letzten Spiele durchweg gewonnen. Beziehungsweise, dass seine Siege sehr viel höher ausgefallen seien als von den Medien verbreitet.

Dies war am Donnerstag zum wiederholten Male zu besichtigen. In einer bizarren Pressekonferenz im Weißen Haus verkündete Trump so viele Lügen, dass man mit dem Zählen kaum hinterherkam.

Trump sagte, er habe bei der Präsidentschaftswahl im November 306 Wahlmänner und -frauen gewonnen, mehr als je ein Präsident seit Ronald Reagan. Er hat dies schon oft behauptet. Dabei muss man nicht lange googeln, um herauszufinden, dass das nicht stimmt. Lediglich George W. Bush gewann seine beiden Präsidentschaftswahlen mit weniger Wahlmännerstimmen als Trump. Alle anderen Wahlen, immerhin fünf an der Zahl, gingen für den jeweiligen Sieger im Wahlmännergremium eindeutiger aus als die vom 8. November 2016. Dazu kommt: Trump hat zwar 306 Wahlmännerstimmen gewonnen. Aber zwei Wahlmänner stimmten nicht für ihn. Er hatte also nur 304 Wahlmänner und -frauen.

Natürlich ist das alles eigentlich vollkommen egal. Trump ist der gewählte Präsident der USA. Doch er selbst kommt immer wieder darauf zurück, wie unfassbar großartig sein Sieg gewesen sei, obwohl dies gar nicht stimmt (bekanntlich erhielt Hillary Clinton mehr Stimmen).

Warum kommt Trump mit einem solchen Schwachsinn durch?

Ein Journalist sprach Trump bei der Pressekonferenz darauf an, dass seine Wahlmänner-Behauptung nicht stimmt. Aber für Trump zählen Fakten nicht. "Nun, ich weiß nicht, mir wurde diese Information gegeben", antwortete er. "Mir wurde … ich habe, ich habe gesehen, dass diese Information kursiert."

Was für eine Antwort! Als halbwegs normal denkender Mensch fragt man sich: Warum kommt Trump mit einem solchen Schwachsinn durch? Wie um alles in der Welt konnten 46 Prozent der US-Wähler sich für diesen Mann entscheiden? Oder, um den Journalisten zu zitieren, der Trump auf seine Lüge ansprach: Warum sollten die Amerikaner einem Präsidenten trauen, der nicht einmal die einfachsten Fakten korrekt wiedergibt?

Trump blieb die Antwort auf diese Frage schuldig, dabei liegt sie auf der Hand: Man kann ihm nicht trauen. In besagter Pressekonferenz fand die "Washington Post" fünfzehn "zweifelhafte Behauptungen". Darunter auch die, dass die Börsenkurse aktuell auf einem Rekordhoch seien. Das stimmt zwar. Aber als die Börsenkurse in der Präsidentschaft von Barack Obama immer neue Rekorde erreichten, tat Trump dies stets als "künstlich" oder "eine Blase" ab.

Trumps Pressekonferenz war so bizarr, dass man merken konnte, wie fassungslos die CNN-Journalisten Wolf Blitzer und Jake Tapper anschließend waren. Blitzers erster Kommentar war: "Wow." Tapper nannte die Veranstaltung "wild".

Je stärker Trump an der Realität scheitert, umso krasser wird er lügen

Ist Trump also verrückt? Es könnte sein. Wahrscheinlicher ist jedoch etwas anderes. Trump versucht, die USA wie sein Unternehmen zu führen. Im Wahlkampf hatte er mit der Ankündigung für sich geworben, er werde die besten "Deals" für die USA aushandeln. Wenn Unternehmer über "Deals" verhandeln, dann mag es gelegentlich hilfreich sein, die Wahrheit nicht allzu genau zu nehmen. Für Trump gilt das mit Sicherheit. Seinem 58 Stockwerke hohen Trump Tower in New York rechnete er einfach zehn fiktive Etagen dazu. "Für ihn schien das sinnvoll zu sein, denn wenn man ein Zimmer mietet, ist man lieber im vierzehnten statt im sechsten Stock", sagte die frühere Vizepräsidentin der Trump Organization, Barbara Res, dem Sender PBS im September.

Trump lügt, um eine Realität zu erschaffen, die für ihn von Vorteil ist – entweder, weil er Verhandlungen in Bahnen lenken will, die für ihn von Vorteil sind, oder um von Fakten abzulenken, die ihn schlecht aussehen lassen. Das ist keineswegs weniger beunruhigend als die Vorstellung, dass ein Verrückter im Weißen Haus sitzt. Ein Unternehmer muss im schlimmsten Fall Bankrott anmelden (was Trump auch sechs Mal getan hat) und seine Angestellten entlassen. Für die USA sollte das keine Option sein. Staaten funktionieren weitaus komplexer, als Trump sich das vorzustellen scheint.

Je stärker Trump an der Realität scheitert, umso krasser wird er lügen. Und er wird seine Basis aufhetzen – gegen die Demokraten, die Medien, vielleicht auch gegen Mexikaner und Muslime. Das hat er bereits im Wahlkampf erfolgreich gemacht. Und dabei bleibt er – es ist das, was er am besten kann. An diesem Samstag findet am Flughafen Orlando-Melbourne in Florida eine Trump-Kundgebung statt, eine Wahlkampfveranstaltung, vier Wochen nach seiner Vereidigung. Dort wird er sich wie gewohnt von seinen Anhängern feiern lassen, wird reale und imaginäre Gegner attackieren und sich anschließend vermutlich sehr gut fühlen. Wie ein Trainer, dessen Fans so laut jubeln, dass er die Realität ausblenden kann.

Quelle: n-tv.de


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