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Alle Macht für Erdogan? Der Egoismus siegt

Ein Kommentar von Issio Ehrich, Istanbul

Die Anhänger von Recep Tayyip Erdogan feierten nach dem Referendum eine große Party.

Die Anhänger von Recep Tayyip Erdogan feierten nach dem Referendum eine große Party.

(Foto: REUTERS)

Die Mehrheit der Türken stimmt für Erdogans Verfassungsreform. Und damit für einen Kurs, der Millionen von Bürgern ihrer Freiheit beraubt. Die Beweggründe vieler Ja-Sager sind fragwürdig. Die Versöhnung der polarisierten Lager wird schwer.

Die Argumente der Ja-Sager waren immer die gleichen: Sie sprachen vom wirtschaftlichen Aufschwung, den Recep Tayyip Erdogan ihnen in den vergangenen fünfzehn Jahren beschert hat. Sie staunten über die neuen Autobahnen, die dritte Bosporus-Brücke und die aufwändigen Tunnelprojekte. Die Religiösen unter ihnen feierten ihre neu gewonnene Freiheit – gemeint ist zum Beispiel, dass sie nun auch in Universitäten Kopftuch tragen dürfen und nicht mehr so oft mitansehen müssen, dass junge Menschen auf offener Straße Alkohol trinken.

Ihre Argumente sind vor allem eines: egoistisch. Sie sehen den eigenen Vorteil, was zunächst einmal nicht ungewöhnlich ist im politischen Prozess. Mit ihrem Ja zu Erdogan und seinem Präsidialsystem missachten sie aber auch in einem geradezu erschreckenden Maße den Preis, den Millionen ihrer Mitbürger dafür bezahlen.

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Das falsche Gefühl der Gerechtigkeit

Viele der Menschen, die beim Referendum Ja gesagt haben, hätten eigentlich wissen müssen, was der Egoismus der Überlegenen für die Unterlegenen bedeuten kann. Aus eigener Erfahrung.

Republik-Gründer Mustafa Kemal Atatürk setzte seine Vision einer westlichen säkularen Türkei Anfang des vergangenen Jahrhunderts mit aller Brachialität um. Er begründete für Jahrzehnte eine gesellschaftliche Spaltung in der Türkei: die zwischen den marginalisierten und wirtschaftlich abgehängten Religiös-Konservativen und den westlich orientierten Eliten. Diese Eliten taten nicht viel, um die Lage ihrer Landsleute zu verbessern. Sie genossen ihre Freiheit und kümmerten sich wenig um die Interessen der Anderen.

Doch statt aus dieser Erfahrung Empathiefähigkeit zu entwickeln, haben nun allzu viele Ja-Sager auch das Gefühl, endlich Gerechtigkeit herzustellen. Ohne zu erkennen, was das wirklich bedeutet.

Ein Ja zu Folter und Bürgerkrieg

Das Ja der Erdogan-Anhänger ist auch ein Ja zu willkürlichen Verhaftungen, zum Ende der Meinungsfreiheit, ein Ja zu Folter und letztlich auch zu einem Krieg mit Hunderten Toten im Osten des Landes. Einem Krieg, der vor allem eskalierte, weil er dem innenpolitischen Kalkül, dem Machtstreben des Staatschefs diente. Die Wunden, die dieses Ja in der türkischen Gesellschaft hinterlassen wird, werden lange brauchen, um zu heilen.

Die Ja-Sager dagegen werden, wahrscheinlich früher als ihnen lieb ist, verstehen, wohin ihr Egoismus auch sie führt. Man muss kein Prophet sein, um zu erahnen, dass der Türkei in den nächsten 15 Jahren wirtschaftlich schwierige Zeiten bevorstehen. Die Jahre des großen Wachstums sind bereits gezählt, und mit dem Präsidialsystem wird die Türkei sich weiter von Europa entfremden. Dabei ist die türkische Wirtschaft so abhängig von der EU. Ja-Sager, die sich von Erdogan abwenden, weil er plötzlich nicht mehr zum persönlichen Vorteil ist, werden dann zu spüren bekommen, was sie angerichtet haben.

Quelle: n-tv.de


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