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"Geschönte" Statistik? Was die Arbeitslosenzahlen nicht verraten

Fast monatlich verkündet die Bundesagentur für Arbeit neue Erfolgsmeldungen vom Arbeitsmarkt. Kritiker werfen der Behörde Schönfärberei vor. Hunderttausende Arbeitslose würden nicht berücksichtigt. Was ist dran?

Immer wenn die Bundesagentur für Arbeit am Monatsende ihre neueste Statistik zur Arbeitslosigkeit vorlegt, wird der Vorwurf wieder laut: Die Statistik sei geschönt und verschweige, wie viele Arbeitslose es tatsächlich gebe. Ende Juli etwa verkündete die Agentur: Die Zahl der Erwerbslosen liegt bei 2,54 Millionen, der niedrigste Juli-Wert seit der Wiedervereinigung vor knapp 27 Jahren.

Das klingt gut, vor allem vor der Bundestagswahl. Kritiker bemängeln jedoch, diese Zahl sei geschönt, Hunderttausende Arbeitslose seien nicht aufgeführt. Und tatsächlich sind rund eine Million Menschen bei den Arbeitsagenturen gemeldet, werden aber nicht als arbeitslos geführt. Dabei handelt es sich um die Gruppe der "Unterbeschäftigten". Darunter fallen etwa Hartz-IV-Empfänger, die älter als 58 Jahre sind, Menschen, die Weiterbildungs- oder Sprachkurse belegen, die an Bewerbungstrainings teilnehmen oder 1-Euro-Jobs nachgehen. Im Juli 2017 umfasste diese Gruppe 964.364 Personen.

Zwar sind diese Menschen nicht per Definition der Agentur für Arbeit arbeitslos. Doch sie haben keinen Job und bekommen in den allermeisten Fällen Hartz IV oder Arbeitslosengeld I. Und eben das wird von vielen Kritikern ins Feld geführt. Rechnet man die rund 960.000 "Unterbeschäftigten" zu den Arbeitslosen, was sie de facto sind, liegt die Zahl der Erwerbslosen schon bei über 3,5 Millionen.

Der Arbeitsmarktexperte Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sieht in der Kategorisierung keine Verfälschung: "Es sind keine Statistiktricks und es ist auch keine Schönfärberei. Allerdings darf man das Augenmerk nicht nur auf die Zahl der registrierten Arbeitslosen richten, sondern man muss auch sehen, was nebenher noch gemeldet ist", sagt er im MDR. Nachvollziehbar findet er die Einteilung jedoch auch nicht immer: "Bei anderen Gruppen habe ich große Zweifel, ob das so sinnvoll ist, beispielsweise, dass man Personen einfach abschreibt, die 59 Jahre und älter sind und sie einfach aus der Statistik ausklammert." Das sei im Grunde keine wissenschaftliche Aktion, "sondern eine rein politische".

Doch es gibt noch eine weitere Gruppe von Menschen, die in der monatlichen Statistik keine Erwähnung finden: Nämlich Personen, die sich gar nicht erst arbeitslos melden. Das Forschungsinstitut der Arbeitsagentur (IAB) spricht dabei von der "Stillen Reserve". Dazu gehören etwa Menschen, die beruflich entmutigt sind, Rentner, die vorzeitig aus dem Arbeitsleben ausscheiben, aber auch Schüler und Studenten, die etwa ihren Abschluss hinauszögern und auf der Suche nach Nebenjobs sind. Derzeit rechnet das IAB etwa 230.000 Menschen zu dieser Gruppe.

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Würden die "Unterbeschäftigten" und die "Stille Reserve" zur Zahl der Arbeitslosen dazugerechnet, ergäbe sich ein anderes Bild. Dann müsste es nämlich heißen: Im Juli 2017 waren 3,73 Millionen Menschen arbeitslos.

Doch auch wenn Menschen einen Job haben, hat sich ihre Situation in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten verändert. Während noch Anfang der 90er-Jahre ein unbefristeter Vollzeitjob die Regel war, haben sich nach der Jahrtausendwende neue Formen der Arbeit verbreitet - atypische Beschäftigungsverhältnisse. 1994 etwa waren nur knapp 4,5 Millionen Menschen entweder in Teilzeit- oder befristeten Jobs, lag die Zahl 2016 bei über 7,5 Millionen.

Innerhalb dieser Gruppe ist vor allem die Zahl der geringfügig Beschäftigten gestiegen, Menschen also, die einem Minijob nachgehen und darüber weder in die Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung oder Rentenversicherung einzahlen. Auch die Zahl der Teilzeitbeschäftigten ist von rund 2,6 Millionen im Jahr 1992 auf über 4,8 Millionen Menschen 2016 gestiegen.

 

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Quelle: n-tv.de