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Studie untersucht Motive Warum Menschen nicht zur Wahl gehen

Dass viele Menschen nicht zur Wahl gehen und welche Folgen das hat, ist umfangreich erforscht. Doch welche Motive haben Nichtwähler? Warum glauben sie, dass ihre Stimme nicht zählt? Eine neue Studie hat das untersucht.

Menschen mit geringem Einkommen, Arbeitslose und Personen in prekären Lebensverhältnissen gehen viel seltener zur Wahl als Menschen aus der bürgerlichen Mitte oder der Oberschicht. Eine Bertelsmann-Studie aus dem Jahr 2015 kommt zu dem Ergebnis, dass die Wahlbeteiligung in benachteiligten Milieus bis zu 40 Prozentpunkte unter der von sozial stärkeren Milieus liegt. Doch warum Menschen, die in einem System gesellschaftlicher Hierarchie als "schwach" angesehen werden, nicht zur Wahl?

Eine neue Studie hat nun die Motive der Nichtwähler untersucht. Während die quantitativen Aspekte des Nichtwählens weitgehend klar sind - erforscht ist, wer nicht zur Wahl geht und dass durch das Fernbleiben gewisse Schichten in der Demokratie unterrepräsentiert sind - legten die Autoren der Studie "Gib mir was, was ich wählen kann" ein besonderes Augenmerk auf die Motivation einzelner Personen, nicht an Wahlen teilzunehmen.

In den Gesprächen mit langzeitarbeitslosen Nichtwählern wurden von den Autoren fünf Grundmotive ausgemacht, nicht zur Wahl zu gehen:

  1. Das Nicht-Wählen als aktive Wahl-Passivität: Durch das aktive Fernbleiben von Wahlen soll Politikern und der Demokratie im Allgemeinen keine Legitimation verliehen werden. Die Botschaft lautet: Das Vertrauen in die Politik fehlt, mit meiner Stimme wird das System nicht unterstützt.
  2. Das Nicht-Wählen als Ausdruck des verlorenen Glaubens an Sinn und Regeln der Demokratie. Viele Befragte fühlen sich von den Politikern im Stich gelassen ("Die Politiker könnten etwas tun, sie wollen aber nicht").
  3. Das Nicht-Wählen ist ein Ausdruck von empfundener Selbst-Ausgrenzung. Nicht-Wähler fühlen sich marginalisiert und stigmatisiert, als "Menschen zweiter Klasse". Die Kommunikation zwischen Politik und Langzeitarbeitslosen wird als völlig unzureichend empfunden.
  4. Das Nicht-Wählen als Ausdruck eines Gefühls der Zwecklosigkeit des Wählens. Versprechen, die vor der Wahl gemacht wurden, würden nicht eingehalten, "die da oben machen ohnehin, was sie wollen".
  5. Das Nicht-Wählen als Ausdruck eines Gefühls, dass es im Grunde nichts zu wählen gibt. Alle Parteien werden als Teil der gleichen "korrupten" Lobby für die Mächtigen und Reichen angesehen.

Für die Studie wurden 66 Interviews in 18 deutschen Städten durchgeführt. Befragt wurden Langzeitarbeitslosen von ebenfalls aktuell oder ehemaligen Langzeitarbeitslosen. Diese Gespräche auf Augenhöhe habe es den Befragten leichter gemacht, offen über ihre Positionen zu sprechen, so die Autoren, die Initiative Pro Arbeit, der Evangelische Fachverband für soziale Integration (EFAS) und das Sozialunternehmen Neue Arbeit.

Die 356-seitige Untersuchung macht bei den langzeitarbeitslosen Nichtwählern folgende Grundbefindlichkeiten aus:

  • Ein Gefühl der Ausgrenzug und des Abgehängtseins
  • Angst vor Abstieg und Armut
  • Verschämte Armut
  • Ein Gefühl massiver sozialer Ungerechtigkeit
  • Ein Gefühl, der bürokratischen Willkür ausgeliefert zu sein
  • Das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein
  • Desorientierung in der sozialen Ordnung
  • Ein radikaler Vertrauensverlust in die gesellschaftlichen Institutionen
  • und ein Rückzug und Konzentration auf die Privatsphäre.

Aus 44 der insgesamt 66 Interviews haben die Autoren der Studie Forderungen und Apelle formuliert, die nach ihrer Ansicht im Kern die Wünsche der Befragten wiedergeben. In verdichteter Form, so die Untersuchung, ergeben sich folgende qualitative Forderungen:

  • Hört uns zu, interessiert euch für unsere Lebenswelt und redet mit uns. Ignoriert uns nicht und setzt euch für uns ein.
  • Nehmt uns ernst mit unseren Problemen, Sorgen und Zukunftsängsten und behandelt uns respektvoll, so wie Menschen es verdienen.
  • Wir brauchen Unterstützung aber keine Belehrung, wie wir leben sollen. Erkennt unsere Leistung an.
  • Schafft mehr soziale Gerechtigkeit. Regiert nicht nur für die Wirtschaft und die Wohlhabenden.
  • Seid ehrlich und haltet Wahlkampfversprechen ein.
  • Wir wollen keine prekäre Arbeit, keine Zeitarbeitsverhältnisse, keinen Niedriglohn, keine geringfügige Beschäftigung und keine Aufstockung trotz Vollarbeit.

Für die Studie wurden 66 Interviews durchgeführt mit 34 Frauen und 32 Männern im Alter zwischen 25 und 65 Jahren. Das Durchschnittsalter lag bei 46 Jahren. Die Gespräche wurden geführt in Bremen, Berlin, Minden, Leipzig, Mittweida, Köln, Meiningen, Wiesbaden, Würzburg, Saarbrücken, Künzelsau, Heilbronn, Waiblingen, Stuttgart, Esslingen, Kirchheim, Freiburg und Rosenheim.

Quelle: n-tv.de , bdk