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Verfehlte Ziele, neue Wünsche Fast eine Viertelmillion Kitaplätze fehlen

Bundesweit fehlen fast eine Viertelmillion Kitaplätze. Wie Familie Grüner aus Sachsen suchen viele Eltern händeringend nach einer Betreung. Warum?

"Am besten sucht man sich eine Kita, bevor man in irgendeiner Form mit der Familienplanung beginnt" – solche Einschätzungen lassen sich unter jungen Eltern wohl bundesweit aufgreifen. Denn obwohl es seit 2013 einen Rechtsanspruch auf Kita-Plätze gibt, heißt das noch lange nicht, dass es auch genug Kitaplätze gibt.

So schätzt das Institut der deutschen Wirtschaft (IDW) in Köln etwa, dass bundesweit fast 228.000 Kinderbetreuungsplätze fehlen. Viele Eltern kommen in eine missliche Lage, denn obwohl die Elternzeit abgelaufen ist, fehlt noch der Kita-Platz. Im schlimmsten Fall müssen die Eltern dem Job fernbleiben und die Kinderbetreuung selbst stemmen. So wie bei Familie Grüner, die unsere Reporter von Nah Dran in Markranstädt bei Leipzig getroffen haben.

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Doch woher kommt der Mangel an Kitaplätzen? Zum einen an verfehlten Zielen: Schon 2013 hatte die Bundesregierung das Ziel vereinbart, 750.000 Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren zu schaffen. Drei Jahre später standen jedoch nur 720.000 Plätze bereit. Zum anderen ist aber auch der Bedarf gestiegen. Auf dem Krippengipfel 2007 wurde noch davon ausgegangen, dass sich 35 Prozent der Eltern schon vor dem dritten Geburtstag ihres Kindes eine institutionelle Betreuung wünschen, so belegen aktuelle Zahlen des Familienministeriums, dass dieser Wert inzwischen bei über 43 Prozent liegt. Deutlich mehr Eltern wollen also auch ihre Jüngsten in eine Kita schicken.

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Geburtenrate steigt

Ein weiterer Grund ist, dass die Geburtenrate in Deutschland steigt. 2005 etwa bekam jede Frau in Deutschland – im rein mathematischen – Durchschnitt 1,34 Kinder. Inzwischen jedoch liegt dieser Wert bei 1,5 Kindern. Hinzu kommt, dass auch unter den Zuwanderern der vergangenen Jahre viele kleine Kinder sind. Im Dezember 2015 zum Beispiel lebten in Deutschland 120.000 Jungen und Mädchen unter fünf Jahren, die erst im Laufe des Jahres nach Deutschland gekommen waren. Diese Zahl dürfte sich entsprechend erhöht haben.

Nicht nur das Angebot ist mangelhaft, auch bei der Qualität der Betreuung gibt es Verbesserungsbedarf. Laut einer Bertelsmann-Studie hat sich die Personalsituation in den deutschen Kitas zwar verbessert, doch vor allem in den neuen Bundesländern ist die Situation noch vielerorts unbefriedigend. Im Schnitt 6,4 Kinder kommen dort auf eine Betreuungsperson. In Westdeutschland liegt dieser Wert bei 3,8. Pädagogisch gilt ein Verhältnis von 1:3 als sinnvoll.

Doch was unternimmt die Politik? Das Bundeskabinett hat bereits im vergangenen Jahr das vierte Investitionsprogramm zur Finanzierung der Kinderbetreuung auf den Weg gebracht. Damit sollen bis zum Jahr 2020 weitere 100.000 Betreuungsplätze geschaffen werden. Angesichts einer aktuellen Betreuungslücke von etwa 228.000 Kindern ist das allerdings nur eine geringe Abhilfe. Sollte der Anteil der Eltern, die sich auf für die Kleinsten eine Kita wünschen und die Geburtenrate weiter steigen, dürfte die für viele Eltern frustrierende Situation leider noch weiter andauern.

Familie Grüner hat sich dazu entschlossen, die Stadt zu verklagen und den gesetzlichen Anspruch auf einen Kita-Platz einzufordern. Ein Weg, zu dem Experten grundsätzlich raten, der aber auch mit viel Bürokratie verbunden ist. Die Grüners finden letztlich noch einen Kita-Platz für Enno. Die Sache hat jedoch einen Haken.

Quelle: n-tv.de , bdk

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