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Wie eine Abschiebung abläuft "Alle Träume, die sind weg"

Über 26.000 Menschen wurden vergangenes Jahr abgeschoben. Für die abgelehnten Asylbewerber sind die Rückführungen ein Albtraum - und für die Bundespolizisten keine leichte Aufgabe.

Zwei blaue Dixi-Klos sind mit das Letzte, was 17 Tunesier an der frischen Luft in Deutschland sehen. Die Plastikquader stehen vor dem Terminal A des Flughafens Leipzig-Halle. Von dort startet ein Flieger nach Enfidha-Hammamet. An Bord sind die 17 zumeist jungen Männer, die in Deutschland Asyl gesucht und nicht gefunden haben. "Illegal Stay", "Illegaler Aufenthalt", heißt es in ihren Papieren. Per Sammelabschiebung werden sie in ihr Heimatland zurückgebracht, eskortiert von einem Großaufgebot der Bundespolizei.

Normalerweise werden die Termine für Sammelabschiebungen geheim gehalten. Diesmal aber hat sich die Bundespolizei für Offenheit entschieden. "Wir wollen zeigen, was bei einer Abschiebung geschieht. Hier passiert nichts, was nicht rechtsstaatlich ist", sagt Christian Meinhold, Sprecher der Bundespolizeidirektion Pirna. Die abgelehnten Asylbewerber werden zum Großteil von Sachsen, aber auch von Baden-Württemberg, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz an Bord des Flugzeugs geschickt. 13 von ihnen sind "Haftfälle", also straffällig gewordene Männer.

Hinter diesen Sichtschutzwänden müssen sich die abgelehnten Asylbewerber vollständig entkleiden und werden dann durchsucht.

Hinter diesen Sichtschutzwänden müssen sich die abgelehnten Asylbewerber vollständig entkleiden und werden dann durchsucht.

(Foto: picture alliance / Hendrik Schmi)

Manche "Schüblinge" wollen sich verletzen

Der Aufwand, den der Staat für die Sammelabschiebungen betreibt, ist immens. 67 Bundespolizisten, speziell ausgebildete "Personenbegleiter Luft", zwei Ärzte und zwei Dolmetscher begleiten die Tunesier bis nach Enfidha. Bei den Nordafrikanern sei der Betreuungsschlüssel in etwa 1:3. Bei Abschiebungen auf den Balkan sei das Verhältnis genau umgekehrt. "Bei Tunesiern gehen wir mit einer anderen Gefahrenprognose heran", erläutert Peter Karohl, Sachbereichsleiter Gefahrenabwehr bei der Bundespolizeidirektion Pirna.

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Das Flugzeug, ein Charter einer deutschen Fluggesellschaft, soll mittags starten. Aber schon um sieben Uhr herrscht Betrieb im Terminal A, das derzeit nur für Abschiebungen genutzt wird. Bundespolizisten in neongelben Warnwesten durchsuchen jeden Winkel der Räume. Sie gucken unter Bänke, kontrollieren die Toiletten. Das sei nötig, weil manche "Schüblinge", wie sie im Amtsdeutsch genannt werden, bis zur letzten Minute versuchten, der Abschiebung zu entgehen. Zum Beispiel indem sie sich selbst verletzen - in der Hoffnung, dass sie im Krankenhaus und nicht im Flugzeug landen.

Auch die abgelehnten Asylbewerber werden akribisch durchsucht. In einem abgeschirmten Bereich müssen sie sich vollständig entkleiden. Ein Arzt kontrolliert alle Körperöffnungen. "Das ist der unangenehme Teil für alle Beteiligten. Aber Sicherheit geht vor. Sie glauben gar nicht, wo man überall eine Rasierklinge verstecken kann", sagt Karohl. Es sei auch schon ein halbes Cuttermesser eingenäht in einem Gürtel gefunden worden. "Damit kann man an Bord eines Flugzeuges viel Unheil anrichten."

Abschiebungen werden nicht angekündigt

Bei der Sicherheit haben die Beamten sich selbst im Blick, aber auch die Flüchtlinge. Karohl: "Man muss das von der menschlichen Seite sehen: All die Hoffnungen und Träume, die sie gehabt haben, die sind weg. Jetzt geht es dahin zurück, wo sie hergekommen sind. Das realisieren sie, wenn sie hier auf dem Stuhl sitzen." Einige reagierten dann höchst emotional. Für den Fall, dass einer ausrastet, haben die Bundespolizisten Fesseln dabei, sogenannte Body Cuffs. Ansonsten sind die Beamten unbewaffnet. 

Eine Polizistin kontrolliert einen sogenannten Body Cuff, der eingesetzt wird, falls jemand handgreiflich wird.

Eine Polizistin kontrolliert einen sogenannten Body Cuff, der eingesetzt wird, falls jemand handgreiflich wird.

(Foto: picture alliance / Hendrik Schmi)

Punkt acht Uhr kommen die ersten Tunesier vor dem Terminal A an. Die Männer blicken ernst und düster. Drei bis vier Landespolizisten haben sie an ihrem letzten Aufenthaltsort abgeholt. Abschiebungen werden in Deutschland nicht mehr angekündigt. Wer nicht bleiben darf, wird informiert. Reist er nicht binnen einer vorgegebenen Frist freiwillig aus, wird er zum "Rückzuführenden". Bei den "Haftfällen" ist laut Karohl alles dabei: Drogendelikte, Diebstähle, Gewalttaten - "einmal quer durchs Strafgesetzbuch".

Nach dem Aussteigen werden die Tunesier von den "Personenbegleitern Luft" in Empfang genommen. Die Polizisten schirmen die schweigenden Männer ab. Alle der bundesweit rund 600 Bundespolizisten, die Abschiebungen begleiten, haben sich freiwillig dafür gemeldet. Voriges Jahr wurden aus Deutschland laut Bundesregierung 26.654 Ausländer "zwangsweise zurückgeführt". Die allermeisten (23.886) wurden im Flugzeug in ihre Herkunftsländer gebracht.

Quelle: n-tv.de , bdk/dpa