Politik

Bürgermeister von Lampedusa "Wir sind doch kein Sammellager"

Flüchtlinge im Hafen von Lampedusa (Archivbild).

Flüchtlinge im Hafen von Lampedusa (Archivbild).

(Foto: AP)

Salvatore Martello, Bürgermeister von Lampedusa, kritisiert die Hilfsorganisationen, die Flüchtlinge nach Italien bringen. "Wer in Seenot ist, muss gerettet werden - wir sprechen aber hier von Hunderten, manchmal sogar Tausenden am Tag", sagt er.

n-tv.de: Bei der Kommunalwahl im Juni haben Sie gegen die bisherige Bürgermeisterin Giusi Nicolini gewonnen. Für viele war das eine Überraschung. Nicolini war durch ihr Engagement für Flüchtlinge international bekannt geworden, sie erhielt dafür den Friedenspreis der Unesco.

Salvatore Martello: Die Insel braucht einen Bürgermeister und keine Ikone. Es kann sich nicht alles nur um die Flüchtlinge drehen, die Insel muss auch verwaltet werden.

Zur Person

Salvatore Martello ist der neue Bürgermeister von Lampedusa, der kleinen Insel vor der afrikanischen Küste. Der Ex-Kommunist war bereits von 1993 bis 2002 Bürgermeister auf Lampedusa.

Was halten Sie von der Drohung, die Italiens Ministerpräsident Paolo Gentiloni in Richtung Europa ausgesprochen hat, er wolle Schiffen von NGOs, die nicht unter italienischer Flagge fahren, die Einfahrt in italienische Häfen verbieten?

Diese Drohung wäre schwer durchsetzbar, als Reaktion kann ich sie aber verstehen. Seit Jahresanfang sind 80.000 Flüchtlinge nach Italien gebracht worden. Und ich meine es so, wie ich es sage: Sie wurden hierher gebracht, sie sind nicht vor unseren Küsten gestrandet. Man muss uns Italienern doch einmal klar und eindeutig erklären, warum die Migranten von maltesischen, spanischen und deutschen Schiffen gerettet werden, diese aber nur italienische Häfen ansteuern. Das entspricht nicht dem internationalen Seerecht. Ich bin ein ehemaliger Fischer, ich weiß, wovon ich spreche.

Warum hält sich niemand an dieses Seerecht?

Gute Frage, die stellen wir uns auch. Ich weiß es nicht. Mir ist die Rolle der NGOs nicht klar. Dass sie Menschen in Seenot retten, ist selbstverständlich. Doch ich frage mich mittlerweile: Sind diese Rettungsaktionen ein Dienst, den Italiens Regierung und die EU leisten, oder wurde er an die NGOs verpachtet?

Warum wäre ein Einfahrtsverbot schwer durchsetzbar?

Es wäre sehr aufwändig und würde nur zu verhärteten Fronten in Europa führen, ohne am Problem selber auch nur ansatzweise etwas zu ändern. Es muss doch auch politische Maßnahmen geben, um diesen Menschenstrom vielleicht nicht zu stoppen, aber immerhin in mehr oder weniger geregelte Bahnen zu lenken. Wir geben Geld aus, um unsere Marine einzusetzen, anstatt mit den Ländern auf der anderen Seite des Mittelmeers Abmachungen zu finden. Klare Abmachungen wären doch auch im Sinne unserer gerne und oft bemühten europäischen Werte, oder? Das wäre dann auch ein Weg, um die organisierte Kriminalität, die ihre erbärmlichen Geschäfte mit diesem Menschenhandel macht, zu bekämpfen und so manchem Politiker auf der afrikanischen Seite, der mit diesen Banden im Bund steckt, das Handwerk zu legen. Bekäme man die Situation besser in den Griff, würde das außerdem eine menschenwürdigere Aufnahme ermöglichen.

Der Hotspot in Lampedusa ist für maximal 300 Menschen vorgesehen. Wie viele Flüchtlinge befinden sich wirklich darin?

An manchen Tagen sind es 300, an anderen können es 350 bis 400 sein. Wer in Seenot ist, muss gerettet werden - wir sprechen aber hier von Hunderten, manchmal sogar Tausenden am Tag, die nach Italien gebracht werden. Wie soll man das bewältigen? Italien ist schon am Rande seiner Fähigkeiten. Wir hier in Lampedusa erleben das tagtäglich, seit Jahren. Kann sich das jemand vorstellen? Doch die Lage im ganzen Land droht aus den Fugen zu geraten.

Im Wahlkampf haben Sie "Regeln" versprochen. Was meinten Sie damit?

Ich erkläre es an einem Beispiel. Vor dem Eingang des Hotspots hier stehen Polizisten, um den Zutritt zu versperren. Auf der hinteren Seite des Zauns ist aber ein Loch, durch das man problemlos ein- und ausgehen kann. Ich frage mich also: Warum geben wir das Geld für die Polizisten aus, die vorne Wache stehen?

Kann man das Loch nicht dichtmachen?

Ich muss zuerst wissen, was in den Vorschriften steht. Die habe ich aber noch nicht bekommen. Doch abgesehen von diesem Beispiel: In Zukunft möchte ich, dass man uns Lampedusani mehr in die Entscheidungen, die uns betreffen, einbezieht. Wir wollen nicht mehr nur stumm zusehen. Es muss klare, verständliche Regeln geben, an die sich alle halten. Und wir wollen, dass auch unsere Anliegen Gehör finden. Wir sind doch kein Sammellager und basta.

Mit Salvatore Martello sprach Andrea Affaticati

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema