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Jong Nam - von Pjöngjang gejagt Warum Kims Halbbruder sterben musste

Von Johannes Graf

Der Mordanschlag auf Kim Jong Nam dominiert die südkoreanischen Medien.

Der Mordanschlag auf Kim Jong Nam dominiert die südkoreanischen Medien.

(Foto: picture alliance / Ahn Young-Joo)

Es ist ein Mord wie aus einem "James Bond"-Film. Lebemann Kim Jong Nam, Kim Jong Uns Halbbruder, wird von zwei attraktiven jungen Frauen am Flughafen von Kuala Lumpur umgebracht. Was steckt dahinter?

Es war ihm immer klar, dass das passieren konnte. Im Jahr 2012 verfasste Kim Jong Nam laut südkoreanischem Geheimdienst im Namen seiner Familie einen Brief. Adressat: sein Halbbruder Kim Jong Un. Der Inhalt: eine verzweifelte Bitte um Gnade. "Wir können nirgends hin, können uns nicht verstecken. Unser einziger Ausweg ist es, Selbstmord zu begehen", wird aus dem Schreiben zitiert. Kim Jong Nam, der 46-jährige älteste Sohn Kim Jong Ils fürchtete um sein Leben. Seit wenigen Tagen ist klar, wie real diese Bedrohung war.

Am Montag unternimmt Kim Jong Nam eine Reise: Von Kuala Lumpur aus will er nach Macau reisen. In dem chinesischen Spielerparadies soll er seit Jahren leben. In der Abflughalle wird ihm plötzlich schwindelig, er hat Sehprobleme. Mit letzter Kraft wendet er sich an den Schalter der Airline, es werden Ärzte gerufen. Beim Transport in ein Krankenhaus stirbt er. Er kann noch aussagen, von hinten attackiert worden zu sein.

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Medien rekonstruieren den Tathergang auf Basis von Zeugenaussagen später so: Zwei attraktive junge Frauen nähern sich dem Kim-Sprössling. Eine der beiden greift nach Kim und hält ihn fest, während ihm die andere eine noch unbekannte Substanz ins Gesicht sprüht und mehrere Sekunden lang ein Tuch auf Mund und Nase presst. Nach der Tat verlassen die beiden den Flughafen und fahren in getrennten Taxis davon.

Mörderin trug "LOL"-Shirt

Mittlerweile sind offenbar beide Frauen festgenommen worden. Die erste, während des Attentats gekleidet in einen Minirock und einen Pullover mit der Aufschrift "LOL", wird zwei Tage später am Flughafen geschnappt, sie versuchte vermutlich sich abzusetzen. Sie hat einen vietnamesischen Pass bei sich, der sie als Doan Thi Huong auswies. Die zweite wird einen Tag später gefasst, sie gibt sich als die Indonesierin Siti Aishah aus. Doch beide Pässe und Identitäten sind vermutlich gefälscht. Und auch an der Nationalität der Frauen gibt es Zweifel.

Denn vieles spricht dafür, dass es sich um Agentinnen Nordkoreas handelt. Dass Kim Jong Nam einem staatlich organisierten Mord zum Opfer gefallen ist, bezweifelt mittlerweile kaum mehr jemand. Der Nordkorea-Experte des "Guardian", Aidan Foster-Carter, schreibt, das James-Bond-artige Vorgehen der beiden Täterinnen rieche nach staatlicher Macht. Zur Obduktion des Nordkoreaners fuhr ein schwarzer Jaguar mit Diplomatenkennzeichen vor dem Krankenhaus in Kuala Lumpur vor. Voraussichtlich wird Pjöngjang zu verhindern versuchen, dass der Autopsiebericht öffentlich wird. Die Umstände des Todes von Kim Jong Nam sollen möglicherweise verschleiert werden.

Fakt ist: Kim Jong Nam, der reichlich unsolide lebende Sohn von Kim Jong Il, ist seit Amtsantritt seines Bruders Kim Jong Un eine latente Bedrohung für den Diktator. Mit 45 Jahren war er älter und als Erstgeborener eigentlich der natürliche Nachfolger an der Staatsspitze gewesen.  Doch bei der Trauerfeier für den Ende 2011 verstorbenen Vater fehlte er: Jahre zuvor ist er bereits verstoßen worden, nachdem er mit seiner Familie unter falscher Identität das Disneyland in Tokio besuchen wollte und dabei aufflog. Und auch sonst war Kim Jong Nam bekannt für Frauengeschichten, die Freude am Glücksspiel und andere Disziplinlosigkeiten. Vermutet wird, dass er zudem Kritik am Regime seines Vaters übte.

Jong Nam bezeichnete Machtübergang als "Witz"

Kim Jong Il, selbst kein Kind von Traurigkeit, konnte all das nicht weiter tolerieren und wendete sich ab. Doch in einer dynastischen Herrschaft wie in Nordkorea spielt das Erstgeborenenrecht eine große Rolle. Solange Kim Jong Nam am Leben war, hatte Kim Jong Un, ohnehin angeblich nicht ganz so fest im Sattel wie noch seine Vorfahren, ein Legitimationsproblem.

Den Zorn seines Bruders nährte Kim Jong Nam mit seinen Ansichten über das Regime in Pjöngjang. Er vertraute sich dem japanischen Journalisten Yoji Gomi an. In dessen Buch "Mein Vater Kim Jong Il und ich: Kim Jong Nams exklusive Geständnisse" zog er 2012 über seinen Halbbruder und sein Heimatland her. Kim Jong Un hatte er aufgrund der nordkoreanischen Praxis, potenzielle Nachfolger getrennt aufwachsen zu lassen, in seinem Leben nie gesehen. Er wünsche ihm alles erdenklich Gute. Doch er bezweifle, dass er in der Lage sein werde, das Land aus der Krise zu führen. "Ohne Reformen wird Nordkorea zusammenbrechen, und wenn es Reformen gibt, wird das Regime zusammenbrechen", prophezeite er.

Kim Jong Un sei nur eine Figur auf dem Schachbrett der politischen Elite Pjöngjangs, die die eigentliche Macht ausübten, die dynastische Nachfolgeregelung "ein Witz". Der junge Diktator arbeitet seither daran zu beweisen, dass er mehr ist als ein "Witz". Viele Männer, die sich ihm in den Weg stellten ließ er beseitigen. Auch vor der eigenen Familie macht er dabei nicht Halt. Am bekanntesten ist der Fall seines Onkel Jang Song-Thaek. Er soll der zweitmächtigste Mann des Landes gewesen sein – und zudem Kim Jong Nam mit aufgezogen haben. Spätestens seit dem Schauprozess gegen den Onkel und dessen Hinrichtung im Jahr 2013 dürfte Kim Jong Nam klar gewesen sein, welches Schicksal auch ihm drohte.

Mord möglicherweise eine Warnung?

Und tatsächlich hatte er den Furor seines Bruders geweckt. Spione berichten, Kim Jong Un habe gesagt: "Ich hasse ihn einfach, schafft ihn mir vom Hals." Kim Jong Nams Bitte um Gnade ließ ihn offenbar kalt. Seit 2012 gibt es laut südkoreanischem Geheimdienst einen Dauerbefehl, den unliebsamen Halbbruder zu ermorden. Angeblich soll es kurz darauf bereits einen missglückten Versuch gegeben haben. Und nun, fünf Jahre später, ist es dem Regime also geglückt?

Vieles spricht dafür, auch wenn es ein Geständnis aus Pjöngjang wohl nicht geben wird. Jedenfalls dürfte der Tod Kim Jong Nams seine Wirkung nicht verfehlen. Wer im Reich Kim Jong Uns aufbegehrt, sich entzieht und öffentlich Kritik übt, muss mit dem Schlimmsten rechnen. Kim Jong Nams Tod ist damit auch eine Botschaft an die vielen Flüchtlinge, die in den vergangenen Jahren den Weg über die Grenzen nach China und weiter nach Südkorea gefunden haben: Seid euch nicht zu sicher. Kim Jong Uns Macht mag wanken. Doch sie ist kein "Witz".

Quelle: n-tv.de

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