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Bedingt offen für schwule Soldaten Von der Leyen kämpft gegen Abwehrreflexe

Verteidigungsministerin von der Leyen beim Workshop zur sexuellen Vielfalt.

Verteidigungsministerin von der Leyen beim Workshop zur sexuellen Vielfalt.

(Foto: REUTERS)

Wie offen ist die Bundeswehr für Schwule, Lesben und Transgender? Armeeangehörige berichten auch noch im Jahr 2017 von Diskriminierung. Andere Streitkräfte sind Deutschland weit voraus.

Umstritten wäre untertrieben. Kurz vor Beginn des Workshops zur sexuellen Vielfalt in der Bundeswehr wendet sich Ursula von der Leyen deshalb an ihre Kritiker. "Die Reaktionen und auch manche Wortwahl zeigen, dass es noch ein weiter Weg ist, bis Respekt selbstverständlich ist", sagt die Verteidigungsministerin.

Als die CDU-Politikerin das Treffen von rund 200 Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Militär vor einigen Wochen ankündigte, zeigte sich schnell, wie groß die Abwehrreflexe bei diesem Thema in der Truppe aber auch in der Gesellschaft noch sind.

Der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat sagte: "Es ist mir nicht klar, was der Sinn dieser Veranstaltung ist. Mir ist nicht bekannt, dass Homosexuelle in den Streitkräften diskriminiert werden." In diversen Kommentaren wurde der Verteidigungsministerin vorgeworfen, sie setze die falschen Prioritäten. Statt um Schwule und Transgender solle sie sich besser um das Thema Sicherheit kümmern. Das klang fast so, als würde der halbtägige Workshop in Berlin sie ernsthaft davon abhalten, ihre Reformen im Rüstungs- und Beschaffungswesen voranzutreiben. Die kommen offensichtlich aus anderen Gründen nur schleppend voran. So fehlt es unter anderem am Geld.

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Von der Leyen geht trotzdem auf die Stimmen ein, die ihr eine falsche Prioritätensetzung vorwerfen. "Weil das beste Material und das stärkste Bündnis ohne Menschen einfach sinnlos sind, haben wir uns von Anfang an auch um die Belange der Menschen in der Bundeswehr gekümmert." Die Ministerin spielt auf ihre "Attraktivitätsoffensive" an, die von Fernsehgeräten auf jeder Stube über bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie bis hin zum Ausbau der Militärseelsorge auch für Muslime reicht. Warum sollte man da Schwule, Lesben und Transsexuelle einfach ausklammern? "Für diese Frauen und Männer ist es ein zentrales Anliegen, als Mensch so wie sie sind respektiert und angenommen zu werden. Deshalb nehmen wir ihre Anliegen ernst, genauso ernst wie all die anderen Themen, die uns tagtäglich beschäftigen, um die Bundeswehr schlagkräftiger zu machen." Sich auch um die Vielfalt in der Truppe zu kümmern, schwäche die Bundeswehr nicht, sondern stärke sie, so von der Leyens These.

Die Unsicherheit ist noch groß

Daran, dass es noch Probleme bei dem Thema gibt, besteht laut dem Arbeitskreis Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr (Ahsab) wenig Zweifel. Nach Angaben des Vereins gibt es in der Truppe knapp 20.000 homosexuelle Soldaten und bis zu 50 Transgender, Menschen, die sich mit ihrem biologischen Geschlecht nicht identifizieren können. Anders als dem Generalinspekteur a.D. sind dem Ahsab-Vorstands-Mitglied Stephan Weiß, der an dem Workshop teilnimmt, etliche Fälle von Diskriminierung bekannt.

Bis 2010 habe es noch tätliche Angriffe und zerkratzte Autos gegeben, sagt Weiß. Mittlerweile sei die Diskriminierung subtiler, doch noch immer vorhanden. "Wir haben gehört, dass Beurteilungen nach einem Outing deutlich schlechter ausgefallen sind. Soldaten wurden geschnitten. Es kam zu übler Nachrede." Weiß berichtet auch von dem Fall eines Vorgesetzten, der vor versammelter Mannschaft vor einem homosexuellen Kameraden "gewarnt" hatte.

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Auch im aktuellen Bericht des Wehrbeauftragten finden sich diverse Belege für Diskriminierung. Die Gesamtzahl der gemeldeten Fälle von Mobbing und sexueller Belästigung stieg von 86 im Jahr 2015 auf 131 im Jahr 2016 sogar deutlich an. "Die Bundeswehr ist in den vergangenen Jahren ein sehr moderner Arbeitsgeber geworden, viele gehen mittlerweile sehr respektvoll mit anderen Lebensentwürfen um", sagt Weiß. Doch auch einige Vorgesetzte seien noch unerfahren im Umgang mit sexueller Vielfalt. "Viele fühlen sich vielleicht auch angewidert, wenn darüber gesprochen wird."

Weiß lobt die Ministerin deshalb ausdrücklich dafür, die Konferenz angestoßen zu haben. Es gebe noch viel zu tun, sagt Weiß. "Man könnte mit der Aufklärung schon in der Grundausbildung anfangen und sie dann bis in die Führerausbildung fortsetzen."

Ein "Maulkorb", der kaum zur neuen Offenheit passt

Bisher ist der Umgang mit Homosexualität in der Bundeswehr noch eine relativ einseitige Angelegenheit. Wer sich diskriminiert fühlt, kann sich bei der Gleichstellungsbeauftragten beschweren oder die 24-Stunden-Hotline des Ahsab anrufen. Präventiv gibt es praktisch nur vereinzelte Vorträge an der Führungsakademie der Bundeswehr. So richtig widmet sich die Truppe dem Thema erst seit dem vergangenen Jahr, als das Verteidigungsministerium die sexuelle Vielfalt offiziell einem Stabselement im Haus zugeordnet hat.

Andere Streitkräfte sind da weiter. In der Schweiz gibt es längst regelmäßige Vorträge zu verschiedenen Lebensmodellen auf allen militärischen Ebenen. In den Niederlanden werben die Streitkräfte gezielt in Zeitschriften, die bei Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgendern beliebt sind. In Schweden gibt es Plakate von Soldaten mit Regenbogenflagge.

Auch die mächtigste Militärmacht der Welt, die das Thema sehr lange verschleppt hat, steckt in einem Lernprozess. Erst 2010 fiel in der US-Army das Verbot, sich als homosexueller zu outen. Bereits seit dem vergangenen Jahr ist mit Eric Fanning nun aber ein Mann Führer des Heeres, der sich als homosexuell geoutet hat. Wenig später hat die Marine einen ihrer Tanker nach dem Schwulen-Aktivisten Harvey Milk benannt.

Von der Leyen versprach zum Auftakt ihres Workshops, dass es bis Ende des Jahres auch ein weitreichendes Konzept für das Diversity Management in der Bundeswehr geben soll. Doch parallel dazu treibt sie auch ein Projekt voran, dass diese Pläne laut einigen Kritikern konterkariert. Die Verteidigungsministerin will einen Verhaltenskodex für die Truppe entwickeln, ein Compliance Management System, wie es aus  der Wirtschaft bekannt ist. Dabei geht es nicht nur darum, Korruption zu verhindern. Der Kodex soll auch klarstellen, unter welchen Bedingungen Soldaten sich unter anderem an Journalisten wenden dürfen. Die Grünen-Politikerin Agnieszka Brugger spricht von einem "Maulkorb". Ein Vorwurf, der dieser Tage besonders schwer wiegt.

Gerade erst sind schließlich die sadistischen und sexistischen Rituale an der Kaserne Pfullendorf bekannt geworden. Von der Leyen wusste schon im Herbst davon. Aber erst jetzt, da Medien darüber berichten, spricht sie von "bestürzenden Zeichen" für mangelnde Kultur und Führung in der Truppe. Soldaten, die sich diskriminiert fühlen oder gar misshandelt wurden, dürfte die monatelange Verschwiegenheit einer Ministerin, die zugleich ein Compliance Management System fordert, nur bedingt ermutigen, ihre Probleme zu melden.

Quelle: n-tv.de


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