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Afrikas größter See fast leer Victoriabarsch steht vor dem Aussterben

Boote am Victoriasee.

Boote am Victoriasee.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Spezialeinheiten der ugandischen Armee marschieren auf, um die Fischbestände im Victoriasee zu verteidigen. Doch Afrikas größtes Binnengewässer gibt kaum mehr etwas her.

Während der Abenddämmerung versammeln sich die Fischer am Ufer des Victoriasees in Uganda. Musik plärrt aus den Lautsprecherboxen eines parkenden Kleinlastwagens. Händler bieten laut rufend Zigaretten und ugandischen Schnaps aus kleinen Plastiktüten an. Es riecht nach Marihuana. Mehrere Dutzend junge Männer rüsten sich an dem kleinen Sandstrand, nur wenige Kilometer südlich von Ugandas Hauptstadt Kampala, für eine lange dunkle Nacht weit draußen auf dem See.

Christian Kambale steht barfuß knietief im Wasser und belädt sein Holzboot mit dem Außenbordmotor: Dieselkanister, Eimer, Netz, Haken und eine Regenjacke gegen die Tropenschauer. Der 23-jährige Fischer zeigt in den Eimer. Darin zappeln rund zwei Dutzend Aale: Köder, um die großen Fische zu fangen. "Die kleinen Fische finden wir noch hier in Ufernähe, aber für den Barsch müssen wir weit hinaus", sagt er und zückt sein Handy aus der Hosentasche. Er zeigt ein Foto: ein Victoriabarsch, mehr als ein Meter lang, mehrere Dutzend Kilo schwer. "Ein solches Exemplar – das ist mittlerweile wie ein Sechser im Lotto", sagt er und schwingt sich in das Boot. Drei bis vier Stunden muss er hinausfahren auf den gewaltigen See, um seine Netze auszuwerfen. Sein Vater fischte noch vor zehn Jahren hier direkt am Ufer. Kambale fängt selbst auf hoher See nicht mehr viel: "Es reicht gerade zum Überleben", sagt er. Afrikas größter See ist fast leergefischt.

Der Victoriasee in Ostafrika ist ungefähr so groß wie das Bundesland Bayern. Über 30 Millionen Menschen leben an seinen Ufern in drei Ländern: Tansania, Kenia und Uganda. Rings um den See zählt Fisch zum Grundnahrungsmittel, ist für alle drei Staaten ein wichtiges Exportprodukt; vor allem der Victoriabarsch. Ein Kilo des Edelfisches wird auf dem Fischmarkt in Hamburg für mehr als 20 Euro angeboten. Bis in die USA, nach Australien oder Indien wird er exportiert. Der größte Abnehmer ist mittlerweile China. Doch der Export sinkt dramatisch: 2015 kam aus Uganda nur noch 17.500 Tonnen. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren waren es noch 25.000 Tonnen.

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Ursprünglich war der Fisch eine Katastrophe

Die Geschichte des Victoriabarsches ist durch den Dokumentarfilm "Darwins Alptraum" im Jahr 2004 weltweit bekannt geworden. Sie gilt als einer der schlimmsten Versuche der Entwicklungsförderung auf dem Kontinent. Als der Barsch in den 1960er Jahren künstlich in Afrikas größtem See ausgesetzt wurde, hatte er keine natürlichen Feinde. Er wuchs auf gigantische Größen an, größer als ein Delphin, und zerstörte das ökologische Gleichgewicht des Sees: Andere Barsche starben aus. Es gab ihn jahrzehntelang in Übermengen. Heute einen Barsch zu fangen, ist für den jungen Fischer Kambale eher eine Ausnahme.

Das Aussterben des berühmten Fisches ist mittlerweile zum wirtschaftlichen Desaster für die ganze Region geworden. Rund um den See musste in den vergangenen Jahren die Hälfte der 36 fischverarbeitenden Firmen dichtmachen, viele Tausende Arbeiter wurden entlassen. Fischerdörfer entlang der Ufer und auf den Inseln sind wie leergefegt. Junge Männer ohne Schulbildung, die sich wie Kambale als Fischer über Wasser halten, wurden arbeitslos. Die Regierungen der Victoria-Anrainerstaaten suchen dringend nach Lösungen.

Anthony Taabu Munyaho, Direktor von Ugandas Forschungsinstitut über die Fischbestände, fordert jetzt ein totales Fischfangverbot für mindestens sechs Monate: "Wir müssen das unmittelbar umsetzen, denn unsere Proben ergaben, dass bis zu 95 Prozent der Barsche im Victoriasee kleiner sind als 50 Zentimeter", erklärte er. Der Edelfisch ist kurz vor dem Aussterben.

Polizei und Marine kontrollieren die Fischernetze

Die Lage ist so prekär, dass Ugandas Präsident Yoweri Museveni im Februar die von der US-Marine ausgebildeten Spezialeinheiten seines Landes auf den See beordert hat, um die Bestände zu retten. Fischer, die junge Barsche fangen, sollen mit sieben Jahren Gefängnis bestraft werden. Bislang galten zwei Jahre Gefängnisstrafe. Nur noch ausgewachsener Barsch, der älter als eineinhalb Jahre und größer als 50 Zentimeter ist, darf gefangen werden. Auch für die Maschengröße der Netze wurden neue Regeln erlassen. Polizei und Marine kontrollieren jetzt an den Bootsanlegestellen die Fischernetze.

Als Folge kommt es auf den umstrittenen kleinen Inseln entlang der Landesgrenzen zu Konflikten zwischen den Anrainerstaaten. Ein Beispiel: die Insel Migingo weit draußen auf dem See – ein Felsen, so groß wie ein Fußballfeld. Sie ragt erst seit wenigen Jahren aus dem Wasser, aufgrund niedrigen Wasserstandes. Kenia und Uganda streiten sich seit Jahren darum. Hunderte ugandische und kenianische Fischer hausen auf ihr in Wellblechhütten. Ugandas Soldaten verhaften dort jetzt Fischer, die unausgewachsenen Barsch fangen. Kenias Fischereiministerium hat in seinem neuen Fischereigesetz 2016 Bootbesitzern eine Frist gesetzt: Bis April müssen alle Boote mit Kennzeichen registriert werden, um illegale Fischerei besser verfolgen zu können. Kenias Küstenwache patrouilliert jetzt ebenfalls auf dem See.

Um Konflikte zu vermeiden, verabschiedete die Ostafrikanischen Gemeinschaft EAC im Juni vergangenen Jahres einen Managementplan für den Victoriasee bis 2020. Lizenzen für sogenannte Fischfarmen sollen vergeben werden. Die Idee: Junge Barsche in Käfigen zu halten bis sie ausgewachsen sind. Sie sollen gezielt mit Fischfutter gemästet werden. Sobald ein Barsch mehr als 50 Kilo wiegt, produziert er rund sieben Millionen Eier, so eine Studie des ugandischen Fisch-Forschungsinstituts. Der Bestand könne sich also rasch erholen, solange die Fischer sich an die Regeln halten. Ugandas Verkehrspolizei stoppt auf den Überlandstraßen vom See kommend derzeit gezielt Kleintransporter, die Fisch transportieren. Wer Jungfisch geladen hat, wird sofort verhaftet und vor Gericht gestellt.

Fischer Kambale legt sein Netz zusammen, bevor er in See sticht. "Unser Job ist gefährlich geworden", sagt er. Er fürchte jetzt nicht mehr nur das Ertrinken auf hoher See, sondern auch die Marineboote, die Jagd auf Fischer machen. "Aber ich muss doch meine Familie versorgen", sagt er und fährt davon.

Quelle: n-tv.de

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