Politik

Brief an die Kanzlerin Schulz fordert zweites TV-Duell

Im direkten Schlagabtausch mit der Kanzlerin wurden SPD-Kernthemen wie Arbeit und soziale Gerechtigkeit nur am Rand behandelt. Das holt der SPD-Kanzlerkandidat bei "Klartext, Herr Schulz" nun nach - und überrascht.

Martin Schulz rennt die Zeit davon: Zwölf Tage vor der Wahl dümpelt die SPD weiter im Umfragetief - viele Gelegenheiten, das Ruder herumzureißen und auf der großen TV-Bühne Unentschlossene und Nichtwähler von sich zu überzeugen, bleiben dem SPD-Kanzlerkandidaten nicht mehr. Eine davon ist "Klartext, Herr Schulz": 90 Minuten lang stellt sich Schulz den Fragen und Sorgen der ZDF-Studiogäste - für den Spitzenkandidaten der SPD, der sich als besonders bürgernah sieht, ein Heimspiel. Sollte man jedenfalls meinen.

Tatsächlich übertreibt es Schulz an diesem Abend über weite Strecken aber mit der Bürgernähe: Er sucht nicht nur den persönlichen Kontakt mit den Fragestellern, sondern setzt sich konsequent neben sie, selbst wenn er dafür deren Nebenmänner und -frauen verscheuchen muss. Obendrein leitet der Würselener so gut wie jede Antwort mit einer persönlichen Geschichte ein, selbst wenn die lediglich daraus besteht, dass er durch Dorf X und Stadt Y auch schon mal gefahren sei. Spätestens nach der dritten Anekdote wird man als Zuschauer den Eindruck nicht mehr los, dass sich hier einer anbiedern will - das ist besonders schade, weil sich Schulz wahrscheinlich tatsächlich für die Sorgen und Nöte interessiert, die ihm die Zuschauer schildern.

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Zum Beispiel, wenn ein Rentnerehepaar aus Hamburg darüber klagt, dass die Miete ihrer kleinen Wohnung demnächst von 230 auf sage und schreibe 850 Euro angehoben werden soll. "Eine Vervierfachung der Miete ist sittenwidrig", sagt Schulz, aus seiner Stimme klingt echte Empörung. Als sich herausstellt, dass der Vermieter der Wohnung eine städtische Wohnungsbaugesellschaft im SPD-regierten Hamburg ist, bleibt der Kanzlerkandidat dabei: "Ob SPD-regiert oder nicht: Das geht so oder so nicht. Diese Gesellschaft würde ich fragen, ob sie einen Knall hat."

Ein Brief an die Kanzlerin

Es sind Momente wie diese, in denen Schulz punkten kann, weil sein Zorn und seine Anteilnahme authentisch wirken. "Es bewegt mich, wenn ich das höre", antwortet er etwa einer Mutter von vier Kindern, die um ihre Rente fürchtet, weil sie nur Teilzeit arbeiten kann: "Wer für Familie oder für Pflege aus dem Beruf geht, dem wollen wir helfen. Und zwar mit einem Zuschuss in der Überbrückungszeit, außerdem sollen die Rentenbeiträge in dieser Zeit weitergezahlt werden. Das ist ein gesetztes Ziel meines Wahlkampfes." Für solche und ähnliche Aussagen erntet der SPD-Kanzlerkandidat viel Applaus.

Dass Schulz bei seinen Antworten gar nicht so viel Klartext sprechen muss wie der Titel der Sendung vermuten lassen würde, ist dabei dem Format geschuldet: Meistens genügt es, wenn der Kanzlerkandidat auf die Einzelfälle der Fragesteller eingeht, bevor die Moderatoren zum nächsten Themenpunkt übergehen. Nur zum Ende der Sendung, als über Flüchtlinge und Integration gesprochen wird, geht er mit klaren Kanten in die Diskussion: "Wer unter dem Deckmantel des Asylschutzes heraus Gesetze bricht, gehört nicht hierher", verspricht er einerseits einer sehr besorgten Bürgerin aus Osnabrück, macht aber gleichzeitig klar, dass eine gelungene Einwanderungspolitik "entscheidend für die Zukunft unseres Landes ist".

Die meiste Zeit aber darf sich Schulz mit den Kernthemen der SPD beschäftigen: soziale Gerechtigkeit, Bildung und Arbeit nehmen einen Großteil der Sendung ein, was Schulz sichtlich gefällt. So gut, dass er zum Ende der Fragerunde mit einer überraschenden Ankündigung aufwartet: "Wir haben über viele Punkte gesprochen, über die ich mit Frau Merkel im Duell nicht diskutieren konnte. Deswegen habe ich ihr heute einen Brief geschrieben und sie aufgefordert, ein zweites Duell mit mir zu machen." Martin Schulz mag die Zeit davonrennen - aber er ist immerhin entschlossen, sie zu nutzen.

Quelle: n-tv.de

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