Politik

"Gravierende Defizite in Führung" Rekruten in Staufer-Kaserne misshandelt

Bei der Ausbildung von Sanitätern ist es zu massiven Übergriffen gekommen. Rekruten wurden offenbar mit sexuell-sadistischen Praktiken gedemütigt. Das Ministerium ist alarmiert - die Aufklärung Chefsache.

Bei der Ausbildung in der Staufer-Kaserne im baden-württembergischen Pfullendorf ist es angeblich zu sexuellen Übergriffen und Demütigungen gekommen. Die Bundeswehr spricht selbst von "einer Häufung ernstzunehmender Vorfälle". So seien Anteile der sanitätsdienstlichen "Combat First Responder"-Ausbildung "hinsichtlich des Gebotes zur Achtung der Würde des Menschen, der sexuellen Selbstbestimmung und des Schamgefühls unangemessen" gewesen. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft. Zudem wurden erste Soldaten aus dem Dienst entlassen.

Zuvor hatte der "Spiegel" berichtet, dass sexuell-sadistische Praktiken bei der Ausbildung von Kampfrettern an der Tagesordnung gewesen seien. Zudem bestehe der Verdacht der Freiheitsberaubung, gefährlichen Körperverletzung, Gewaltdarstellungen und Nötigung.

Übergriffe bei Sanitäter-Ausbildung in der Bundeswehr.

Übergriffe bei Sanitäter-Ausbildung in der Bundeswehr.

(Foto: picture alliance / dpa)

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen reagierte empört. "Die Vorgänge in Pfullendorf sind abstoßend und sie sind widerwärtig", sagte die CDU-Politikerin am Abend. Die Vorgänge seien auch beschämend für alle Soldaten, die respektvoll mit ihren Kameraden umgingen und das Ansehen der Truppe hochhielten. Dem Bericht zufolge hatten die Ermittlungen nach Hinweisen einer Rekrutin im vergangenen Oktober begonnen. Sie hatte sich sowohl an den Wehrbeauftragten als auch ans Ministerium gewandt.

Eine Sprecherin des Ausbildungskommandos sagte der dpa, geprüft würden unter anderem sogenannte Aufnahmerituale unter Mannschaftsdienstsoldaten. Die Bundeswehr stellte Anzeige gegen mehrere Soldaten, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Hechingen mitteilte. Bei den Anzeigen gehe es um den Verdacht auf Freiheitsberaubung und Nötigung. Die Bundeswehr habe die Fälle bereits intern untersucht, formelle Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gebe es derzeit aber noch nicht. "Das wird noch geprüft", sagte der Sprecher der Anklagebehörde. Laut Bundeswehr wurde den eindeutig identifizierten Tätern "sofort die Ausübung des Dienstes einschließlich des Tragens der Uniform untersagt". Sie würden zudem fristlos aus der Bundeswehr entlassen.

Vorgesetzte filmten Rekruten

Es habe auch Versetzungen innerhalb und jenseits des Ausbildungszentrums gegeben, so die Sprecherin des Ausbildungskommandos. Ermittlungen liefen. Im vergangenen halben Jahr seien verschiedene Vorfälle bekannt geworden.  "Viele Sachen sind dazuerfunden", sagte die Sprecherin über den Artikel. Im Kern treffe allerdings doch zu, dass es sowohl bei den Mannschaftsdienstsoldaten als auch bei der Sanitätsausbildung Untersuchungen gebe. "Zu Details können wir nichts sagen." So würden unter anderem noch Soldaten vernommen.

Laut dem "Spiegel"-Bericht beschrieb die Frau, dass sich etwa Rekruten bei der Sanitäts-Ausbildung nackt ausziehen mussten und dabei von Vorgesetzte gefilmt worden seien - angeblich zu Ausbildungszwecken. Ferner sollen Ausbilder etwa das Einführen von Tamponade in den After mit männlichen und weiblichen Rekruten durchexerziert haben. Auch dies sei fotografiert worden. Und auch bei den Wachsoldaten soll es zu Übergriffen gekommen sein. So hätten sich Wachsoldaten gegenseitig an Stühle gefesselt. Sie mussten so stundenlang verharren und wurden mit Wasserschläuchen abgespritzt.

Wie es weiter hieß, haben Ermittlungen die Anschuldigungen bestätigt. Inzwischen seien der Kommandeur der Kaserne sowie zwei Stabsoffiziere und zwei Unteroffiziere versetzen worden. Erste Ermittlungen sollen 2015 ohne konkrete Ergebnisse geblieben seien. Nun aber dauerten die Untersuchungen an. Laut dem Magazin ist im Ministerium nicht ausgeschlossen, dass noch weitere Missstände ans Licht kommen. "Die Häufung der bisher bekannt gewordenen Ereignisse zeigt gravierende Defizite in der Führung", heißt es von der Bundeswehr.

Quelle: n-tv.de , jwu/jug/dpa

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