Politik

Deutschland der Zukunft "Parteien bleiben hinter Menschen zurück"

Die Deutschen sind ganz zufrieden mit ihrem Land.

Die Deutschen sind ganz zufrieden mit ihrem Land.

(Foto: imago/Emmanuele Contini)

Die Soziologin Jutta Allmendinger hat in ihrem Buch "Das Land, in dem wir leben wollen" die Einstellungen von mehr als 3000 Menschen in Deutschland untersucht und gefragt, wie sie leben und welche Werte sie erhalten wollen. Die Kernthemen sind Bildung und Arbeit, sagt Allmendinger im Interview mit n-tv.de.

n-tv.de: Sie haben erforscht, wie sich die Deutschen ihre Zukunft vorstellen. Was haben Sie herausgefunden, was ist den Deutschen besonders wichtig?

Jutta Allmendinger: Den Menschen in Deutschland ist besonders wichtig, Nähe zu anderen Menschen zu haben, Freundschaft, Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft. Für über 90 Prozent der Befragten folgt an zweiter Stelle die Erwerbstätigkeit. Dann kommen die großen Themen Gerechtigkeit und Solidarität. Diese sind allen Menschen wichtig, egal ob alt oder jung, arm oder reich, ob gut oder schlecht gebildet, ob aus Deutschland oder mit Migrationserfahrung.

Könnte man das, was die Deutschen wollen, einem bestimmten Parteienspektrum oder gar einer Partei besonders zuschreiben?

Alle Parteien haben bessere Bildungschancen auf der Agenda. Das deckt sich genau mit dem, was auch die Befragten fordern, wenn sie den Begriff Gerechtigkeit nennen. Wenn es dann an die konkrete Umsetzung geht, bleiben die Parteien aber hinter dem zurück, was die Menschen wollen. Denn die meisten wollen, dass die Bildung gewissermaßen ins Haus kommt und dass die Nachfrage nach Bildung nicht nur von den Menschen auszugehen hat. Das würde nach Ansicht vieler mehr Gerechtigkeit erzeugen. Im Bereich der Solidarität fordern sie ein, dass wir uns keine so große Einkommensspanne erlauben, wie wir sie im Moment haben. Das heißt: Weg mit den Boni oder zumindest niedrigere Boni und die Einführung eines Maxilohns zusätzlich zum Mindestlohn. Leistung soll sich lohnen, darin sind sich alle einig. Aber dass eine Person im Vergleich zu einer anderen das Hundert- oder Fünfhundertfache leistet und verdient, das erscheint den meisten nicht möglich und nicht gerechtfertigt.

Allmendinger ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung.

Allmendinger ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung.

(Foto: picture alliance / Soeren Stache)

Ich hatte beim Lesen des Buchs den Eindruck, Deutschland ist viel solidarischer, als man vermuten könnte.

Da stimme ich zu, sehr stark kam das bei der Einkommensfrage zum Tragen. Selbst Leute mit sehr hohen Einkommen haben noch mit mehr als 50 Prozent einer Einkommensgrenze nach oben zugestimmt. Ich fand auch erstaunlich, dass über alle Einkommens- und Bildungsbereiche eine große Mehrheit zustimmt, dass die gleiche medizinische Versorgung allen zustehen sollte, unabhängig von ihrem Geldbeutel.

Finden sich denn die Themen, die die Deutschen am meisten umtreiben, in den Wahlprogrammen der Parteien angemessen wieder?

Nicht so, dass die Menschen das eins zu eins auf sich beziehen können. Ich denke, das ist das große Problem. Wenn man soziale Gerechtigkeit meint, dann sind das viele einzelne Punkte, die angesprochen werden. Aber die Leute sehen nicht die Vision, die dahinter steht, und den Weg dorthin. Insofern finden sich viele einzelne Punkte in den Wahlprogrammen, aber der unmittelbare Bezug zu den Wählern fehlt.

Das Buch ist bei Pantheon erschienen, hat 272 Seiten und kostet 16,99 Euro.

Das Buch ist bei Pantheon erschienen, hat 272 Seiten und kostet 16,99 Euro.

Sie haben auch die Einstellungen zu politischer Teilhabe untersucht. Ist den Deutschen denn das Wählen noch wichtig?

Die politische Information ist den Menschen sehr wichtig, aber wir sehen hier auch große Unterschiede je nach Bildung und Alter. Menschen mit geringer Bildung und geringem Einkommen ist das Wählen weniger wichtig als Menschen mit hoher Bildung. Das spricht für eine Bevölkerungsgruppe der "Abgehängten", die gar nicht mehr den Eindruck haben, mit politischem Engagement etwas ändern zu können. Und wir haben den Riss zwischen Alt und Jung. Insbesondere junge Leute sagen, dass sie kaum politisches Interesse haben.

Wie verfestigt sind denn diese Haltungen?

Wir haben nach den Vorfällen von Köln und während der Diskussion über die Obergrenze für Geflohene eine Nachbefragung gemacht. Da haben wir nur ein Jahr nach unserer Hauptuntersuchung gesehen, dass sich junge Leute doch mehr für Politik interessieren. Wenn man sie anspricht, kann man das politische Interesse also auch erzeugen. Das spricht meines Erachtens sehr stark dafür, dass man das Wahlalter senkt und in einen ganz anderen Kontakt zu den Jüngeren tritt.

Gibt es denn noch andere unmittelbare Auswirkungen der Flüchtlingskrise, die sie in Ihren Untersuchungen sehen konnten?

Wir haben ja die gleichen Personen mehrfach befragt. 2015 haben uns viele Menschen mit Migrationserfahrung oder -herkunft gesagt: Ja, ich fühle mich hier zu Hause. Wir konnten oft gar keine Unterschiede in ihren Einstellungen und Zukunftsvisionen zu anderen feststellen. 2016 haben viele gesagt: Wir fühlen uns in unserem eigenen Land nicht mehr willkommen. Die teilweise stark ablehnende Haltung gegenüber Fremden, die in unser Land kommen, zeigt also Wirkung selbst auf jene, die schon lange hier wohnen und sich integriert fühlten.

Lassen sich aus den Ergebnissen Ihrer Forschung konkrete Punkte ableiten, die man den Politikern für die nächste Legislaturperiode unbedingt mitgeben sollte?

Da muss ich wieder bei der Bildung anfangen. Die Lebensrealität von Menschen mit und Menschen ohne Bildung ist in Deutschland sehr unterschiedlich. Wenn man aber nach den Zukunftsvisionen fragt, finden sich gar keine so großen Unterschiede mehr. Wir haben also in Deutschland die gute Situation, dass sich selbst niedrig Gebildete noch als Teil des Landes fühlen. Das ist ein deutlicher Unterschied zu Frankreich oder den USA. Deshalb müssen wir massiv in das Bildungssystem investieren. Davon sollten vor allem bildungsferne Haushalte profitieren.

Eine gezielte Bildungs- und Weiterbildungpolitik ist da wichtig, denn Menschen, die jetzt noch mit einfachen Tätigkeiten im Arbeitsmarkt sind, brauchen aufgrund der großen technologischen Veränderungen Hilfe. Supermarktkassiererinnen wird es bald nicht mehr geben. Da sehen sich Menschen in ihren materiellen Grundlagen bedroht und bekommen Angst. Zu Recht, wie ich finde. Dazu steht gar nichts in den Programmen, wir machen präventive Gesundheitspolitik, aber keine präventive Arbeitspolitik, obwohl da große Umbrüche bereits heute im Gange sind.

Schließlich finde ich, dass  wir uns nicht zu große Diskussionen über den Sozialstaat erlauben sollten. Wir können froh sein, dass es noch ein einheitliches Verständnis darüber gibt, dass auch Reiche sich an der Finanzierung des Sozialstaates beteiligen. Wir leben in einem gemeinsamen Land, wollen auch füreinander einstehen und akzeptieren dafür auch Umverteilungen, das ist die ganz klare Botschaft unserer Untersuchung. Die Menschen strecken die Hand aus, aber sie brauchen in der Politik auch ein Gegenüber, dass sie ergreift.

Mit Jutta Allmendinger sprach Solveig Bach

"Das Land, in dem wir leben wollen" bei Amazon bestellen

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema