Politik

Zwischen Wahl und Terror Mein geliebtes Frankreich ...

Eine Frau läuft in Paris an einem Wahlplakat vorbei, das sich gegen Emmanuel Macron richtet.

Eine Frau läuft in Paris an einem Wahlplakat vorbei, das sich gegen Emmanuel Macron richtet.

(Foto: AP)

Der Frankreich-Korrespondent für n-tv.de wollte sich den letzten TV-Auftritt der Präsidentschaftskandidaten anschauen. Dann geschah das Attentat auf den Pariser Champs-Elysées. Ein Abend, der zu diesem Brief an sein zweites Heimatland führte.

Mein geliebtes Frankreich,

Du hast mir das Fernweh geschenkt und die Träume vom Leben unter südlicher Sonne. Du hast mir die beste Kohlroulade aus der Auvergne geschenkt, die beste chou farci also, in einem kleinen Bistro unweit des Boulevard St. Germain. Du hast mir meine erste liaison dangereuse geschenkt. Wann und wo, kann ich hier leider nicht verraten. Und Du hast mir den Glauben geschenkt an ein sehr mündiges und die Demokratie liebendes Volk, das politisch unglaublich interessiert ist. Manchmal scheint es mir, als würden Deine Bürger umso mehr diskutieren, je stärker die Bedeutung der Grande Nation auf der Weltbühne nachlässt.

Mein geliebtes Frankreich, es ist an der Zeit: Ich habe große Bauchschmerzen. Nach diesem Wahlkampf, nach diesem neuerlichen Abend des Terrors und vor diesem Sonntag. Und vor dem Sonntag in zwei Wochen.

Video

Ich habe gestern bei France 2 die letzte Auseinandersetzung vor der Wahl gesehen. Was für ein kluges Format. Wirklich. Anstatt alle elf Kandidaten - die normalen, die seriösen, die aalglatten und die halbwahnsinnigen - vier Stunden in Rage aufeinander loszulassen, haben sich die Kandidaten selbst für dieses Format entschieden.

Das sollte in Deutschland Schule machen: 15 Minuten hatte jeder Kandidat Zeit, die Fragen von zwei Journalisten zu beantworten. Danach gab es noch zweieinhalb Minuten für eine Schlussfolgerung, die Reihenfolge wurde gelost. Das ergab Sinn. Anstatt sinnloser Floskeln und persönlicher Angriffe gingen die Gespräche in die Tiefe, erlaubten, mehr über die Ziele eines Jeden zu erfahren - und den Politiker als Menschen kennenzulernen.

Mélenchon - der "Weltmeister des Friedens"

Nein, es war nicht die Form dieses TV-Abends. Es waren eigentlich die Inhalte, über die ich schreiben wollte. Alles war feinsäuberlich notiert, die ersten Kandidaten und ihre Ziele. Die seriösen Kandidaten und die ein wenig entrückten.

Und dann kamen die ersten Meldungen über Twitter, Freunde schrieben bei Facebook aus Paris, und immer klarer wurde: Frankreich ist erneut vom Terror getroffen worden. Mitten in Paris, mitten auf den Champs-Elysées, ein paar Hausnummern entfernt von unserem alten RTL- und n-tv-Korrespondentenbüro.

Und dann wurde dieser Abend eben ein echter Wahlcheck. Wie gehen die Kandidaten um mit der terroristischen Bedrohung, quasi vor der Studiotür? Das Ergebnis: Meine Bauchschmerzen wurden nicht weniger.

Etwa eine dreiviertel Stunde, bevor die Schüsse von Paris bekannt wurden, hatte der ultralinke Aufsteiger Jean-Luc Mélenchon gesprochen. Als erster auf dem Podium. Wie gerne hätte ich da gesagt: Klar. Jean-Luc Mélenchon pour Présidente. Soll er mal machen, der da saß und sich gut machte in seinem sakkoähnlichen Mantel mit roter Krawatte. Gleich zweimal erklärte er, unter ihm würde Frankreich "der Weltmeister des Friedens" werden. Keine Nato mehr, keine G8, keine G20, diese Clubs der Reichen. Mélenchon wirkte überzeugend, er wirkte sogar seriös und nicht wie ein linker Wirrkopf, als er sagte, er sei "kein Mann des Chaos". Doch er hatte eben auch keine Antworten, wie dieses Land aus Terror und Krise finden sollte. Keine Antworten auf drängende Fragen.

Marine Le Pen spult die bekannte Litanei ab

Wenig später, immer noch vor den ersten Nachrichten über die Attacke, war Marine Le Pen dran. Roter Blazer, merklich aufgeregt. Ihr Auftritt: eine einzige Blaupause von Brexit und Trump-Wahl. Grenzen dicht. Französisches Geld aus der EU herausholen. Zurück zur nationalen Währung. Alle Argumente dagegen seien ein "Projekt der Angst", sagte sie. Und dann folgte ihr eigenes Projekt gegen den Terror: 30.000 neue Sicherheitskräfte will sie einstellen, in den Vororten aufräumen, radikale Moscheen schließen und radikale Imame ausweisen. Jeden Ausländer, der eine Straftat begeht, will sie ebenfalls ausweisen.

Sie, die Mutter von drei Kindern, sei es leid, Angst zu haben, wenn ihre Kinder einkaufen gehen würden. Frankreichs Wähler kennen diese Litanei von Marine Le Pen. Doch an diesem Abend sollte sie noch ihre Wirkung haben. Denn kurz darauf trudelten die ersten Berichte ein, Le Pen war längst wieder hinter den Kulissen verschwunden.

Die anderen Kandidaten kamen an die Reihe - auch die, die in Umfragen zwischen einem halben und drei Prozent auf sich vereinen. Und die trotz des neuerlichen Terrorangriffs weiter ihre Nische besetzten: Wie Nicolas Dupont-Aignan, der im feinen blauen Zwirn gegen die Eliten wetterte, gegen Umfragen und gegen ausländische Arbeitskräfte.

Wie Philippe Poutou, der "kleine" Kandidat, der als Gewerkschafter bei Ford in Bordeaux arbeitet und die Landwirtschaft bis 2027 auf 100 Prozent Bio umstellen will. Er forderte allen Ernstes - der Tod des Pariser Polizisten war längst bekannt, dass alle Polizisten in Frankreich entwaffnet werden müssten, schließlich würden sie bei Demos oft zu hart eingreifen. Und am Ende sei Frankreich ja selbst schuld am Terror, es begebe sich einfach zu oft in Militäreinsätze außerhalb des Landes.

Ja, manchmal macht auch die Redefreiheit Bauchschmerzen, mein geliebtes Frankreich.

Macron und Fillon bleiben nach Anschlag vage

Aber es wurde nicht viel besser: Jacques Cheminade, ein Märchen-Opa, träumte acht Minuten lang davon, als Präsident das Weltall zu erobern - als hätte das Land nicht auf dem Boden genug Probleme. Und dann war da noch Jean Lassalle, ein wirrer Pyrenäen-Bewohner, der noch im Januar in Syrien Assad traf und Frankreichs Zukunft wild gestikulierend düster in den Raum warf.

30 Prozent der Wähler sollen noch unentschieden sein. Es wäre die Stunde gewesen für den bisherigen Favoriten Emmanuel Macron und für Francois Fillon, den Kandidaten der Konservativen, der geschwächt ist durch eine hausgemachte Affäre. Beide sprachen lange nach den ersten Berichten aus der Pariser Innenstadt. Und doch blieben sie vage. In ihren Plänen. Und in ihren Worten.

Natürlich nahmen beide sofort Stellung zu den Attacken. Doch sowohl Macrons Ritt durch die Außenpolitik als auch Fillons Solidaritätsbekundung mit den Polizisten wirkten hölzern. Fillon schaute während der ganzen 15 Minuten nicht einmal richtig in die Kamera. Was ihm hätte helfen können, wäre seine Seriosität gewesen, seine Erfahrenheit - der Mann war unter Sarkozy Premierminister. Doch er wirkte noch gebückter als es Francois Hollande den größten Teil seiner Amtszeit gewesen ist.

Mein geliebtes Frankreich. Wie sehr würde ich mir wünschen, dass ich guten Gewissens sagen könnte: Wählt Emmanuel Macron. Diesen blitzgescheiten 39-Jährigen, Ex-Banker, Ex-Wirtschaftsminister, verheiratet mit seiner Französisch-Lehrerin aus dem Lycée. Der Mann wird’s schon richten.

Aber ich glaube leider nicht wirklich daran: an die Kraft jedes Einzelnen, an die Freiheit, an das Überwinden des Reformstaus - an all diese Plattitüden, die die Franzosen seit Monaten von ihm hören. Seit Wochen höre ich immer wieder: "Alles außer Macron". Viele Franzosen sagen das. Sie glauben auch nicht, dass Macron es besser machen wird, besonders für die Armen, für die Menschen in den Vororten, für die Arbeiter.

Video

Doch was dann? Wenn Macron es nicht vermag, Fillon wahnsinnig schwach ist, Mélenchon der falsche Mann zur falschen Zeit?

Marine Le Pen?

Macron: "Präsident zu sein, heißt zu schützen"

Sie hat Recht damit, dass die Vororte aufgeräumt werden müssen. Dass radikale Moscheen geschlossen werden müssen und radikale Imame ausgewiesen werden müssen. Sie hat auch Recht damit, dass Frankreichs völlig überarbeitete Polizisten und Gendarmen neue Kollegen brauchen. Sie hat Recht damit, dass wir uns an den Terror nicht gewöhnen dürfen.

Um Le Pen beizupflichten, muss man nur die deutsche Brille absetzen und sich die französischen Realitäten anschauen: Die Integration, die mit den Türken in Kreuzberg, Neukölln und anderswo funktioniert hat, ist mit Algeriern und Tunesiern in Clichy-sous-Bois schlicht fehlgeschlagen. Vorstädte in Paris, Toulouse, Marseille und Lyon sind No-Go-Areas. Früher waren es nur Drogengangs, jetzt sind es Radikalisierte - und zwar Zigtausende.

Frankreich braucht einen Präsidenten, der hart durchgreift und die Radikalisierten abschiebt - wenn sie Ausländer sind. Das Land braucht jemanden, der verurteilt, wenn sie Franzosen sind und eine Gefahr darstellen, der in den Vorstädten dennoch Hoffnung schafft und die Zuwanderer in die Mitte der Gesellschaft holt. Der Präsident muss dem Terror die Nahrung entziehen - zumindest für die kommenden Generationen. Und genau deshalb kann auch Marine Le Pen nicht die Antwort sein. Denn die Front-National-Chefin kann nur Härte, nur "Franzosen gegen die Anderen".

Mein geliebtes Frankreich. Ich weiß es auch nicht. Es war ein trauriger Abend - nicht nur für Paris und die Angehörigen der Opfer, sondern auch für die Wähler. Ich wüsste an diesem Abend nicht, wen ich wählen sollte, wer dieses wunderschöne Land wieder aufrichten kann.

Am Ende der Runde gab es für jeden Kandidaten noch einmal zweieinhalb Minuten. Macron, der sich immer noch gute Chancen auf einen Sieg ausrechnen kann, schaute fest in die Kamera. "Präsident zu sein, heißt, zu schützen", befand er und plant, "zu vereinen, zu reformieren und Zukunft zu gestalten." Bei der Frage, wie er das machen will, blieb er so vage, dass es fast wehtat.

Marine Le Pen dagegen war fast spürbar präsent. "Trauer und Wut" empfand sie besonders darüber, dass gegen den Terror nichts getan werde. Sie hätte einen "Plan der Attacke gegen den Terror", schließlich könnten wir "unseren Kindern doch kein Land hinterlassen, das unfähig ist, sich zu verteidigen." Marine Le Pen hatte damit an diesem Abend das letzte Wort - nach einem Terroranschlag drei Tage vor der Wahl. Es war der Moment, der klar machte, dass nun alles möglich ist. Auch ihr Sieg.

Mein geliebtes Frankreich, ich habe große Bauchschmerzen.

Alexander Oetker war langjähriger n-tv-Frankreich-Korrespondent und ist nun politischer Korrespondent im RTL-Hauptstadtstudio. Er ist außerdem Autor der Krimireihe um den französischen Kommissar Luc Verlain. Der erste Band "Retour: Luc Verlains erster Fall" ist gerade erschienen und landete prompt auf der "Spiegel"-Bestsellerliste.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema