Politik

Biografie des Kandidaten "Martin Schulz ist ein Phänomen"

"Am meisten beeindruckt mich an ihm die Fähigkeit, aus vermeintlichen Schwächen Stärken zu machen", sagt Manfred Otzelberger über Martin Schulz.

"Am meisten beeindruckt mich an ihm die Fähigkeit, aus vermeintlichen Schwächen Stärken zu machen", sagt Manfred Otzelberger über Martin Schulz.

(Foto: dpa)

Ist Martin Schulz ein kleiner Mann, der den Aufstieg geschafft hat, oder ist er ein Vertreter des Establishments? Er ist beides, sagt der Journalist Manfred Otzelberger, der eine Schulz-Biografie geschrieben hat.

n-tv.de: Haben Sie bei der Arbeit an Ihrem Buch jemanden aus Schulz' direktem Umfeld getroffen, aus der SPD etwa oder aus Würselen, der den neuen SPD-Chef gar nicht leiden konnte?

Manfred Otzelberger: Nein. Das ist ein Phänomen. Dieser Mann scheint keine Feinde zu haben. In der Sozialdemokratie ist das ziemlich einmalig. Selbst Willy Brandt hatte Gegner. Das zeigt ja auch dieses wahnsinnige 100-Prozent-Ergebnis beim SPD-Parteitag in Berlin, auf dem Schulz zum Vorsitzenden gewählt wurde: Auf diesen Menschen scheinen sich der rechte und der linke Flügel der SPD einigen zu können. Ich glaube, das hat sehr viel mit der Art zu tun, wie er mit Menschen umgeht. Von ihm geht eine Freundlichkeit aus, die Sigmar Gabriel manchmal gefehlt hat.

Manfred Otzelberger ist Redakteur bei der Zeitschrift "Bunte".

Manfred Otzelberger ist Redakteur bei der Zeitschrift "Bunte".

(Foto: Herder Verlag)

Ist das authentisch?

Von den Leuten, mit denen ich über Schulz gesprochen habe, wird er als authentisch erlebt, ja. Er ist sehr organisch in diese Karriere hineingewachsen: von den Jusos in die Kommunalpolitik, ins Bürgermeisteramt, ins Europaparlament – erst als Abgeordneter, dann als Parlamentspräsident. Schulz hat sich diese Karriere und dabei offenbar auch viel Respekt erarbeitet.

Sind Sie auf eine Geschichte über Martin Schulz gestoßen, die Sie überrascht hat?

Am meisten beeindruckt mich an ihm die Fähigkeit, aus vermeintlichen Schwächen Stärken zu machen. Andere Politiker reden ungern über Fehltritte, über Süchte oder über Krankheiten. Schulz wird als Meister der Selbstdisziplin wahrgenommen, weil er es geschafft hat, mit dem Alkohol aufzuhören. Er war als junger Mann jahrelang ziemlich am Boden, weil sein Knie kaputt war und die von ihm angestrebte Karriere als Fußballer nicht mehr infrage kam. Irgendwann stand er sogar vor dem Suizid, hat sich dann aber berappelt – auf Druck seines Bruders. Auch mit dem Rauchen hat er von einem Tag auf den anderen aufgehört. Und schließlich, was kaum beachtet wurde: Im vergangenen Jahr hat er eine Art Fitnesskur gemacht, um sich auf den Bundestagswahlkampf vorzubereiten. Dabei hat er dreizehn Kilo abgenommen. Er verfügt über eine ungeheure Fähigkeit, sich von schlechten Angewohnheiten zu trennen und sich neu zu erfinden.

Martin Schulz - Der Kandidat: Die Biografie
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Man kann Schulz als kleinen Mann darstellen, der den Aufstieg geschafft hat, oder als Vertreter des europäischen Establishments, als gut bezahlten Kungel-Spezi von Jean-Claude Juncker. Was trifft am ehesten zu?

Er ist beides. Schulz sagt, leicht scherzhaft, über sich, er sei "nur ein kleiner Prolet". Das ist natürlich Koketterie. Er hat zwar formal keine große Bildung – kein Abitur und demzufolge auch kein Studium. Aber er ist hochgebildet, spricht sechs Sprachen und kann auf höchstem Niveau mit der politischen Elite anderer Länder mithalten. Es schmeichelt ihm, dass die Telefonnummern so vieler hochrangiger Politiker in seinem Notizbuch stehen und dass er mit denen klönen, manchmal auch klüngeln kann.

Denkt Schulz darüber nach, was all der Jubel, den er in der SPD erfahren hat, für Sigmar Gabriel bedeutet?

Absolut, da bin ich ganz sicher. Eine der ganz großen Stärken von Schulz ist Empathie. Nur so ist sein Erfolg zu erklären. Weil er selbst schon ganz unten war, kann er sich in die Leute hineinversetzen, die am Boden liegen. In solchen Momenten ruft er diese Leute an oder unterstützt sie. Als Sigmar Gabriel auf dem SPD-Parteitag Ende 2015 nur 74 Prozent bekommen hat, versuchte Schulz alles, um ihn zu stützen. Gabriel war damals kurz davor, zurückzutreten – Schulz hat ihm das ausgeredet. Er hat ihn auch nie dazu gedrängt, die Kanzlerkandidatur abzugeben, sondern versucht, ein Agreement zu finden. So konnte Sigmar Gabriel nicht nur sein Gesicht wahren, sondern als Sieger vom Platz gehen. Gabriel ist heute Außenminister und wird als Retter der SPD geachtet. Er steht da als der, der zurückgetreten ist, um der Partei einen besseren Kandidaten zu verschaffen. Schulz ist ihm dafür dankbar. Die beiden scheinen wirklich eine tragfähige Freundschaft zu haben – das geht schon lange zurück. 2003 wollte Gerhard Schröder Sigmar Gabriel als Spitzenkandidat ins Europaparlament schicken. Dafür hätte Gabriel Schulz verdrängen müssen. Das wollte er nicht.

Am Ende Ihres Buches finden sich mehrere Interviews mit sehr unterschiedlichen Menschen über Schulz. Jens Spahn sagt dort, am Umfrage-Erfolg der SPD sei viel Selbstsuggestion dabei. Hat er Recht?

Aus seiner Sicht: ja klar. Jens Spahn vergleicht Schulz mit Lisa Simpson, die einmal gesagt habe, man kommt besser durch den Tag, wenn man sich ganz doll selber mag. Aber Politik lebt ja auch von Selbstsuggestion, vom Ausstrahlen von Selbstbewusstsein. Schröder hat einmal gesagt: Man muss es auch wollen, Leute, die man zum Jagen tragen muss, werden nicht zum Kanzler gewählt. Man muss es mit jeder Faser seines Herzens wollen, wie Gabriel hinzugefügt hat. Das ist bei Schulz der Fall – aber nicht unreflektiert, denn er kennt auch die Schattenseiten des Lebens.

Sie haben in Ihrem Buch zehn Gründe aufgelistet, warum Schulz die Wahl gewinnen könnte. Glauben Sie, dass die Schulz-Euphorie, die nach der Saarland-Wahl ein bisschen abgeflaut ist, bis zur Bundestagswahl anhalten kann?

Ich glaube schon. Im Mai kommen zwei Landtagswahlen, erst in Schleswig-Holstein, dann in Nordrhein-Westfalen, bei denen die SPD wahrscheinlich die Sieger stellen wird. Das wird auch Schulz zugeschrieben werden. Die Wahl im Saarland darf man nicht überschätzen. Da gab es eine sehr starke Ministerpräsidentin, die damit drohte, die Politik zu verlassen, wenn sie in der Opposition landen sollte. Das war eine Sondersituation. Ich bin ganz sicher, dass das Momentum weiterhin für Schulz läuft. Weil die Wähler eine Zweikampfsituation zweier gleichwertiger Kontrahenten um die Macht in Berlin lieben und das die Populisten klein macht. Und man ist immer nur so stark, wie der Gegner es zulässt. Dass die Union gerade in einer hervorragenden Verfassung wäre, dass Merkel unumstritten wäre, kann man nun wirklich nicht behaupten. Ich glaube, es wird spannend.

Mit Manfred Otzelberger sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de


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