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Der Entertainer Lindner und der wundersame FDP-Hype

Im Rampenlicht des Wahlkampfs: Lindner auf dem Landesparteitag Anfang April.

Im Rampenlicht des Wahlkampfs: Lindner auf dem Landesparteitag Anfang April.

(Foto: dpa)

Er ist fast überall. Wie ein Popstar tourt FDP-Chef Lindner durch NRW. Nur dass er um jede Stimme, jedes Neumitglied kämpft. Es geht um viel, die Landtagswahl im Mai ist erst die Generalprobe.

Flink erklimmt er die Bühne, schaut sich um und stockt. "Großartig", stößt Christian Lindner dann hervor, zückt sein Handy und fotografiert die Menge vor sich: rund 450 Menschen, dicht gedrängt in einer alten Papierfabrik in Wuppertal. Sie sind gekommen, um ihn zu sehen, den FDP-Parteichef und Spitzenkandidaten für Nordrhein-Westfalen. "Dass die FDP manchmal keine Sitze hat, war bekannt", sagt er, "aber dass sie keine Sitzplätze mehr hat, ist ein ganz neues Phänomen". Die Ersten lachen, der Einstieg ist geglückt.

Für die nächsten Wochen verbringt Lindner nun so seine Tage. Von Termin zu Termin hetzend, kreuz und quer durch Nordrhein-Westfalen. Bei Bauernverbänden tritt er auf, auf Marktplätzen, bei Wirtschaftsführern und in kleinen Betrieben. Sechs bis acht Auftritte täglich. Tausende Kilometer unterwegs in seinem Dienst-Mercedes mit dem Nummernschild D-CL 2017. "Es geht ja auch um was", sagt er.

Für die FDP geht es um weit mehr als ein gutes Abschneiden bei der NRW-Landtagswahl am 14. Mai. So wichtig diese ist, so ist sie vor allem eine Generalprobe für das große Finale im September. Auch bei der Bundestagswahl tritt Lindner als Spitzenkandidat an; dann muss die FDP den Wiedereinzug ins Parlament schaffen, will sie nicht endgültig in der bundespolitischen Bedeutungslosigkeit versinken. Weitere vier Jahre außerparlamentarische Opposition würde sie kaum mehr verkraften.

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Und so legt sich Lindner ins Zeug, wobei er bei seinen Auftritten in NRW vor allem von Landespolitik redet und von dem, was seiner Ansicht nach Rot-Grün dort vermasselt hat. Bei der letzten regulären Debatte des Landtags vor der Wahl attackiert er mit sichtlichem Vergnügen die Regierung von Hannelore Kraft und das "deutsche Griechenland". Auch am Abend desselben Tages geht es in Wuppertal um nichts anderes – nur dass Lindner hier noch mehr Spaß hat, als er sich in Rage redet. Er wettert über marode Schultoiletten und Einbrecher, die keine Rücksicht auf die Polizeistärke nähmen, über das Versagen im Fall des Terroristen Anis Amri, über 388.000 Staukilometer pro Jahr. Und er redet über den Facharbeiter und die Erzieherin. Wegen der hohen Steuern könnten diese nie eine Eigentumswohnung erwerben und kämen nicht vom Fleck. Er fordert die Abschaffung des Solidaritätszuschlages für alle Einkommen bis 50.000 Euro und den Wegfall der Grunderwerbssteuer beim Kauf von Wohneigentum bis 500.000 Euro.

Die FDP als Vertreterin der hart arbeitenden Mitte – es ist diese Botschaft, die Lindner bei seinen Auftritten zu vermitteln sucht. Selbst der viel zitierte 50-Jährige, der sich um seinen Job sorgt und von SPD-Chef Martin Schulz als Beispiel für die prekäre Lage von Arbeitslosen angeführt wurde, scheint nun ein Fall für die FDP zu sein. Nur zieht Linder andere Schlüsse als Schulz: Dem 50-Jährigen sei nicht mit fünf Monaten mehr Arbeitslosengeld und jahrelangen Qualifizierungsmaßnahmen geholfen, vielmehr brauche er eine ordentliche Arbeitsmarktpolitik, die die Wirtschaft nicht fessele.

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Überhaupt Schulz. Für Lindner scheint der SPD-Chef ein Glücksgriff zu sein; er kann sich weitere Seitenhiebe auf den "Schlangenbeschwörer und Wunderheiler der SPD" nicht verkneifen. Er finde es ja sympathisch, wenn sich jemand immer wieder neu mit den politischen Fakten des Landes vertraut mache, sagt er ironisch und spielt dabei auf falsche Zahlen an, die Schulz zu befristeten Arbeitsverträgen in Deutschland genannt hatte. Und die Leute würden sich freuen: "Da ist endlich mal wieder jemand, der leidenschaftlich dummes Zeug redet." Schulz wolle die Agenda 95, die FDP die Agenda 2030 - und Kanzlerin Angela Merkel? "Merkel will nichts", sagt er und weiß wieder die Lacher auf seiner Seite.

Lindners Kamikaze-Mission

Mit seinen 38 Jahren ist Lindner längst ein Routinier im Politikgeschäft. Gerade 21-jährig zog er im Jahr 2000 als jüngster Abgeordneter in der Geschichte NRWs in den Landtag ein, neun Jahre später landete er im Bundestag. Eigentlich hätte er schon nach dem Rücktritt Guido Westerwelles 2011 FDP-Chef werden können. Doch er lehnte ab. Erst 2013, nachdem die FDP aus dem Bundestag geflogen und mit viel Häme für tot erklärt worden war, griff Lindner zu. Er wurde zum jüngsten Vorsitzenden der Partei gewählt - und hatte eine Aufgabe, die damals einer Kamikaze-Mission gleichkam.

Doch Lindner ging nicht mit der FDP unter, vielmehr trug er erheblich zur unerwarteten Wiederauferstehung bei. Er bemühte sich, das Image der Partei aufzupolieren, holte sich Hilfe von der Unternehmensberatung Boston Consulting, die eine Strategie zur "Revitalisierung der Marke" liefern sollte. Plötzlich änderte sich zumindest das äußerliche Bild der Partei: Führungsriege, Farben und Logo wurden ausgetauscht, nun sieht man auch Hipster-Bärte und Kandidaten mit langen Haaren. Der Umgang untereinander sei freundlicher geworden, heißt es. Und besonders um eines bemüht sich die FDP: das Image einer Lobbyistenpartei für Hoteliers und Apotheker, das sie stets weit von sich weist und das doch an ihr klebt wie Kaugummi, abzuschütteln. Nun hebt sie die Themen Bildung und Sicherheit hervor, die in Nordrhein-Westfalen vielen auf den Nägeln brennen, und gibt sich sogar als Kümmererpartei für hart arbeitende Angestellte und zurückgelassene Kinder. Bürokratieabbau und Steuerentlastungen soll es zwar auch noch geben – doch keinen Steuerwahlkampf.

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Der Imagewandel der Liberalen kommt zumindest in der Wuppertaler Papierfabrik gut an. "In die FDP von vor vier Jahren wäre ich nicht eingetreten", sagt Robin Hölter. Er ist Germanistik-Student, seit Kurzem Mitglied der FDP und hat, wie er sagt, Schwielen an den Händen vom Plakatekleben. "Die Inhalte haben sich wirklich verändert."

"Schulz"-Effekt für die FDP

Hölter ist eines von zahlreichen Neumitgliedern. Bundesweit hat sich die Zahl der Neueintritte im ersten Quartal dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt und liegt bei 2700. 2016 gab es allein in NRW 1100 Neueintritte, in den vergangenen zehn Wochen waren es dort 740. Dabei profitiert die FDP wie andere Parteien vom Trump-Effekt. "Ich wollte mir später nicht von meinem Sohn vorwerfen lassen, nichts getan zu haben", sagt in Wuppertal der Unternehmer Axel Kolodziej, der nach der US-Wahl in die FDP eintrat und nun von Lindner begeistert ist. Noch wesentlicher, so sagt es ein Parteisprecher, sei allerdings der "Schulz-Effekt". Aus Angst vor dessen sozialistischen Thesen suchten viele ein politisches Gegengewicht und träten der FDP bei. Und auch manche, die jahrzehntelang treue CDU-Anhänger waren und nun "Merkel-müde" sind, wenden sich plötzlich den Liberalen zu.

Doch nicht nur die Angst vor Populismus und Sozialismus sowie die Enttäuschung über Merkel treiben der FDP Neumitglieder in Scharen zu. Viele sind schlicht begeistert von Christian Lindner, der gerne mit seiner Jugendlichkeit kokettiert. Sicher gibt es auch in Wuppertal Zuschauer, die ihn populistisch finden. Doch die Zeit, in der er noch als "Bambi" verspottet wurde, ist vorbei. Plötzlich scheint es nur mehr eine Episode gewesen zu sein, dass er als Politik-Student mit dem Porsche an der Uni vorfuhr und ein Unternehmen in den Sand setzte, das zuvor satt mit öffentlichen Geldern gepäppelt worden war. Lindner selbst deutet seine missglückte Zeit als Unternehmer als Zeichen von Zukunftsvertrauen und Gründungskultur um. Als ihm ein SPD-Abgeordneter 2015 im Landtag unternehmerisches Scheitern vorwarf, zerlegte er ihn verbal in einer legendären Wutrede, die er mit den Worten schloss: "So, das hat Spaß gemacht."

Selbst Menschen, die ihn nicht wählen, bescheinigen ihm außergewöhnliches rhetorisches Talent und Überzeugungskraft. Mit einer gewissen Selbstironie macht sich Lindner, der noch immer gerne Porsche fährt, sogar gelegentlich über seine Augenringe und transplantierten Haare lustig und singt im Karneval seine Version von "Hurra, wir leben noch", untermalt mit den halbseidenen Gesten eines Schlagersängers. Wie ein Entertainer reißt er auch in Wuppertal die Zuhörer, die längst nicht nur aus FDP-Anhängern bestehen, mit. Er spricht sie an, witzelt, stellt Fragen und sie danken es ihm mit Applaus, viel Gelächter und vereinzelten "Zugabe"-Rufen.

Auch wenn sie bundesweit noch außerparlamentarische Opposition sind und zuletzt bei der Saarland-Wahl an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterten: Lindner und die FDP haben das Tal der Tränen überwunden. Inzwischen sitzt die FDP in neun Landtagen, in Rheinland-Pfalz regiert sie in einer Ampelkoalition mit den Grünen und der SPD. Und die Umfragewerte sind zumindest deutlich besser als in den vergangenen Jahren. Seit Monaten liegt sie bundesweit stabil bei mindestens 5 Prozent, in NRW zuletzt bei 9 bis 11 Prozent. Schon macht ihr auch die SPD Avancen. Er wolle Lindner gerne treffen, teilte Schulz jüngst mit und lobte die Verdienste der 1982 zerbrochenen sozialliberalen Koalition. Lindner dürfte es mit Befriedigung vernommen haben. So sehr er auf Schulz rumreitet und sich über Merkels Realitätsverlust auslässt, ausschließen will er künftige Bündnisse bislang nicht – außer einer Ampel-Regierung für NRW. Da bleibe seine Partei lieber in der Opposition, betont er.

Doch noch kämpft jeder für sich und Lindner buhlt um jede Stimme, jedes Neumitglied. In Wuppertal beendet er seine Rede mit dem Appell ans Publikum, "den bisherigen Lebensweg durch eine Mitgliedschaft in der FDP zu krönen". Wie auch bei anderen Auftritten wird die Aufforderung erhört. Mindestens 15 Menschen seien an diesem Abend in die Partei eingetreten, sagt Lindner, als sei er selbst ein wenig überrascht. Die neuen Liberalen klettern auf das Podium, machen Selfies von sich mit ihrem Parteichef. Und dieser legt die Arme um sie und lächelt in die Handys, geschmeidig und routiniert.

Quelle: n-tv.de

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