Politik

"Walachei beginnt hinter Kassel" Konrad Adenauer - der gewiefte Taktiker

Von Wolfram Neidhard

Konrad Adenauer im Jahr 1966.

Konrad Adenauer im Jahr 1966.

(Foto: dpa)

Er war keine einfache, aber eine dennoch sehr verdienstvolle Persönlichkeit. Konrad Adenauer, der am 19. April 1967 starb, führte die Bundesrepublik durch ihre ersten Jahre und verankerte sie in der westlichen Wertegemeinschaft.

Die Familie befindet sich am Sterbebett im Rhöndorfer Haus, einige weinen. "Do jitt et nix zo kriesche" (Kölner Mundart für "Da gibt es nichts zu weinen"), sollen Konrad Adenauers letzte Worte gewesen sein. Ein Realist durch und durch - auch in den letzten Tagen seines Lebens. Am 19. April 1967 schließt der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland für immer die Augen - 91-jährig, für die damalige Zeit ein für Männer ungewöhnliches Alter.

Dennoch war Adenauer noch nicht lange im Ruhestand. Denn es ist nicht einmal vier Jahre her, dass Adenauer das wichtigste politische Amt der Republik verlassen hat. Er wäre sogar länger geblieben, wenn die FDP nicht bei den Koalitionsverhandlungen mit CDU und CSU im Herbst 1961 auf einen Rückzug des alten Kanzlers noch während der Legislaturperiode bestanden hätte. Die Liberalen, aber auch Teile der Union, wollten den "Alten" aus dem Bonner Palais Schaumburg raushaben, sie bevorzugten Ludwig Erhard - den Vater des deutschen Wirtschaftswunders - als Regierungschef. Doch Adenauer, der seinen Wirtschaftsminister für nicht geeignet für das Amt des Bundeskanzlers hielt und nicht müde wurde, gegen Erhard zu intrigieren, setzte sich noch einmal durch. Am 12. Oktober 1963 war dann aber Schluss, die "Spiegel"-Affäre um seinen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, die die christlich-liberale Koalition schwer erschütterte, brachte Adenauer im Alter von 87 Jahren endgültig dazu, sich auf dieses Rücktrittsdatum festzulegen.

Der "Alte" mit Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß (Archivbild von 1961).

Der "Alte" mit Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß (Archivbild von 1961).

(Foto: dpa)

Dabei hätte er es bereits zu diesem Zeitpunkt ruhiger haben können, denn nach dem Ende der Amtszeit von Theodor Heuss, war ihm das Amt des Bundespräsidenten angetragen worden. Doch der gebürtige Kölner lehnte das höchste deutsche Staatsamt ab. Nur Repräsentieren und nicht Gestalten war seine Sache nicht. Das überließ Adenauer lieber seinem Landwirtschaftsminister Heinrich Lübke. Und da war auch noch der ungeliebte Erhard, den es aus Adenauers Sicht zu verhindern galt. So wurden es doch noch 14 Jahre - bislang die zweitlängste Amtszeit eines Bundeskanzlers. Nur der selbsternannte Adenauer-Enkel Helmut Kohl amtierte mit 16 Jahren länger. Angela Merkel könnte den Rheinländer im Fall ihrer Wiederwahl in der kommenden Legislaturperiode überholen.

Mit dem ungeliebten Nachfolger Ludwig Erhard.

Mit dem ungeliebten Nachfolger Ludwig Erhard.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

"Gewählt ist gewählt"

Und das war auch für die damalige Zeit äußerst ungewöhnlich, denn immerhin war Adenauer bereits 73, als er 1949 Regierungschef im westdeutschen Hauptstadt-Provisorium Bonn wurde. Und es war lange Zeit gar nicht so sicher, dass er das Regierungsruder übernehmen würde. Doch Adenauer lud die CDU-Spitze zu sich nach Hause nach Rhöndorf und nahm damit das Heft in die Hand, zumal es für die aus der alten Zentrumspartei hervorgegangenen CDU auch im eine wichtige Richtungsentscheidung ging: Markt- oder Planwirtschaft? Adenauer war gemeinsam mit Erhard ein konsequenter Verfechter der Marktwirtschaft und musste seine Partei, in deren Ahlener Programm von 1947 planwirtschaftliche Elemente enthalten waren, in dieser Hinsicht auf Kurs bringen.

Am Schreibtisch im Palais Schaumburg.

Am Schreibtisch im Palais Schaumburg.

(Foto: dpa)

Bei dem Treffen in Rhöndorf soll es - schenkt man Äußerungen von Franz Josef Strauß Glauben - üppiges Essen und viel Wein gegeben haben. Und Adenauer setzte seinen Kurs durch: Marktwirtschaft und keine Große Koalition mit Kurt Schumachers Sozialdemokraten. Lieber eine knappe Mehrheit mit FDP und Deutscher Partei, die später in der CDU aufging. Seine eigene Stimme war für die Wahl des Bundeskanzlers maßgeblich. "Gewählt ist gewählt", sagte Adenauer danach nur lapidar. Er sollte nur bürgerliche Koalitionen führen, nach dem Erringen der absoluten Mehrheit bei der Bundestagswahl 1957 sogar eine Unions-Alleinregierung.

Adenauers Haus in Rhöndorf.

Adenauers Haus in Rhöndorf.

(Foto: dpa)

Bei den Alliierten war Adenauer, obwohl er sehr störrisch sein konnte, wohlgelitten, hatte er sich doch als Kölner Oberbürgermeister Verwaltungserfahrung gesammelt und - wichtiger noch - sich den Zorn der Nationalsozialisten zugezogen. So hatte er sich im Februar 1933 geweigert, den neuen Reichskanzler Adolf Hitler am Flughafen zu empfangen. Auch ließ er in einer Nacht an einer Brücke Hakenkreuzfahnen entfernen. Das waren zur finstersten Zeit in der deutschen Geschichte mutige Schritte. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde Adenauer verhaftet.

Neues Kapitel im Verhältnis zu Frankreich

Umso verstörter reagierte man im In- und Ausland dann auf Adenauers Entscheidung, den ehemaligen Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger Rassegesetze, Hans Globke, zum Ministerialdirigenten im Bundeskanzleramt zu ernennen. 1953 wurde dieser sogar Chef des Kanzleramtes und damit Adenauers engster Vertrauter. Aber Adenauer zählte auf die Verwaltungserfahrung Globkes im preußischen und Reichsinnenministerium. Dass Globke in der Endzeit des Zweiten Weltkrieges Kontakte zu Widerstandskreisen hatte, machte ihn für Adenauer in Bonn regierungstauglich. Mit der ihm eigenen Sturheit trotzte der Kanzler des Öfteren bei Personalentscheidungen dem politischen Gegenwind. Auf Gerüchte über eine angebliche Homosexualität von Außenminister Heinrich von Brentano antwortete er lediglich: "Solange der mich nicht anfasst, ist es mir egal."

Obwohl Adenauer einen autoritären Führungsstil bevorzugte und laut "Spiegel" SPD-Hoffnungsträger Willy Brandt, aber auch liberale Politiker bespitzeln ließ, war er für die junge Bundesrepublik dennoch ein Glücksfall. Er war der erste deutsche Kanzler überhaupt, der die Westanbindung im Ganzen und die Entwicklung einer engen, freundschaftlichen Zusammenarbeit mit dem langjährigen Erzfeind Frankreich im Besonderen vorantrieb. Dass aus der Montanunion die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und Jahrzehnte später die Europäische Union (EU) entstand, ist auch Adenauers Werk. Eine glückliche Fügung war dabei auch, dass der Rheinländer mit General Charles de Gaulle einen Bruder im Geiste hatte, der als Staatspräsidenten die besonderen Beziehungen zu Adenauer auch für die Durchsetzung französischer Interessen einsetzte, um die Hegemonie der USA in Europa nicht zu groß werden zu lassen.

22. Januar 1963: Adenauer und Charles de Gaulle unterzeichnen in Paris den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag.

22. Januar 1963: Adenauer und Charles de Gaulle unterzeichnen in Paris den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag.

(Foto: picture alliance / dpa)

Berlin liegt in "Asien"

Der gewiefte Taktiker Adenauer schaffte das Kunststück, sowohl mit den Franzosen als auch mit den Amerikanern sehr gute Beziehungen zu haben. Dazu trug auch die "Ordnung unseres Verhältnisses zu den Juden" bei, in deren Gefolge die Bundesrepublik dem Staat Israel im Luxemburger Abkommen Entschädigungszahlungen in Höhe von drei Milliarden D-Mark zusicherte.

Der Kanzler 1955 in Moskau bei den "Sowjets". Rechts von ihm Nikita Chruschtschow und links Ministerpräsident Nikolai Bulganin.

Der Kanzler 1955 in Moskau bei den "Sowjets". Rechts von ihm Nikita Chruschtschow und links Ministerpräsident Nikolai Bulganin.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Washington honorierte aber auch Adenauers harte Haltung zur Sowjetunion und deren Satelliten DDR. Der Kanzler war zwar 1955 in Moskau und musste über Gebühr Wodka in sich hineinschütten und sich von KPdSU-Chef Nikita Chruschtschow viel Unangenehmes sagen lassen, um die noch lebenden Kriegsgefangenen heimzuholen. Ihm war aber eine im westlichen Bündnis eingebettete rheinisch geprägte Republik lieber, als eine Vereinigung mit der - wie er immer sagte - "Ostzone" mit ihren "Machthabern in Pankow". "In Deutz (ein Kölner Stadtteil - d.R.) beginnt der Bolschewismus und hinter Kassel die Walachei", soll der Alte einmal gesagt haben, als er mit dem Zug nach Berlin fahren musste und angeblich bei der Fahrt über den Rhein die Vorhänge zuzog. Und mehr noch: "Wenn ich bei Magdeburg in die norddeutsche Tiefebene komme, beginnt für mich Asien."

Er war auch gegen das in "Asien" gelegene West-Berlin als zwölftes Bundesland, weil es ein von sowjetischen Truppen umgebenes Gebilde war. Überhaupt Berlin: Der Katholik Adenauer mochte die Stadt und überhaupt das Preußische nicht. "Wer Berlin zur neuen Hauptstadt macht, schafft geistig ein neues Preußen", gibt er sich unversöhnlich. Oder: "Nichts war mir im Leben so unsympathisch wie ein preußischer General." Diese Aversion muss Adenauer, der zeitlebens Zivilist durch und durch war, aus seiner Zeit als Kölner OB mit in die neue Zeit getragen haben, weil er als Rathauschef mit der ungeliebten preußischen Regierung zu tun hatte und sich mit ihr um jede Reichsmark für seine Stadt herumstritt. Er verhandelte lieber mit der Reichsregierung. Ein Zentralist in der Weimarer Zeit, der nach dem Krieg zum Föderalisten wurde. Da stand Adenauer sein norditalienischer Urlaubsort Cadenabbia näher, denn dort konnte er wenigstens ungestört sein geliebtes Boccia spielen. Nur dabei verlieren durfte er nicht.

Boccia war das Lieblingsspiel des Altkanzlers.

Boccia war das Lieblingsspiel des Altkanzlers.

(Foto: dpa)

Doch ausgerechnet dieses Berlin ist es, das Adenauers politischen Niedergang mit einläutete. Nach dem Mauerbau im August 1961 rührte er sich nicht, sondern überließ die Problematik den westlichen Alliierten. So wehrte sich Adenauer gegen den Vorschlag seiner "grauen Eminenz" Globke, nach West-Berlin zu reisen - immerhin war im Herbst Bundestagswahl. Doch Adenauer fand, dass dies politisches Feuer schüren würde. CDU und CSU verloren die absolute Mehrheit und mussten mit den ungeliebten Freien Demokraten koalieren - mit den oben erwähnten Auswirkungen für Adenauers Kanzlerschaft.

Stänkereien gegen den Nachfolger

Kurz vor Ende seiner Kanzlerschaft ließ sich Adenauer dann doch noch einmal in West-Berlin sehen. Doch nicht aus einer spät erwachten Zuneigung zur Stadt. Nein, er wollte beim Besuch des US-Präsidenten John F. Kennedy im Juni 1963 nicht dem Regierenden Bürgermeister Brandt, den er wegen dessen außerehelicher Herkunft auch schon einmal "Herrn Brandt alias Frahm" nannte, den alleinigen Triumph gönnen. So saß der Alte bei der gemeinsamen Autofahrt ganz links auf der Rückbank. Zwischen Adenauer und Kennedy befand sich Brandt, der des Englischen mächtiger war als der Kanzler. Adenauer wirkte wie aus der Zeit gefallen, Kennedy konnte mit dem SPD-Hoffnungsträger und späteren Bundeskanzler sichtlich mehr anfangen. Politisch standen sich beide ohne Zweifel näher.

John F. Kennedy, Willy Brandt und Adenauer mit dem Auto in West-Berlin unterwegs.

John F. Kennedy, Willy Brandt und Adenauer mit dem Auto in West-Berlin unterwegs.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Wer geglaubt hatte, dass Adenauer nach seinem Rückzug nach Rhöndorf zur Ruhe kommen würde, hatte sich gründlich geirrt. Er zog noch bis 1966 die Fäden als CDU-Vorsitzender und stänkerte bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit gegen den neuen Bundeskanzler Erhard. So hinterging Adenauer Erhard im Bundestagswahlkampf 1965, in dem er eine bislang von ihm ausgeschlossene Große Koalition mit der SPD positiv bewertete. Er sollte dann doch noch Erhards Sturz ("Der eine is wech!") erleben. Danach fand der alte Fuchs endlich auch politisch seinen Frieden.

Quelle: n-tv.de