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Nordkorea-USA-Konflikt Kim oder Trump - wer zuckt zuerst?

Protagonisten im Konflikt zwischen Nordkorea und den USA: Trump und Kim.

Protagonisten im Konflikt zwischen Nordkorea und den USA: Trump und Kim.

(Foto: dpa)

Nordkorea und die USA überbieten sich gegenseitig in Kriegsrhetorik. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stehen die Pazifikinsel Guam und zwei unberechenbare Staatschefs. Was man über den Streit wissen muss.

Am Mittwoch erinnerte die japanische Stadt Nagasaki an den US-Atomwaffenabwurf vor 72 Jahren. Tausende Menschen versammelten sich in einem Park zu einer Gedenkminute an die Explosion am 9. August 1945. Der Bürgermeister von Nagasaki warnte vor der nuklearen Bedrohung und davor, "dass diese Waffen in nicht allzu ferner Zukunft tatsächlich wieder genutzt werden könnten". Aber nicht nur in Japan geht in diesen Tagen die Angst um. Der Konflikt zwischen Nordkorea und den USA hat sich dramatisch zugespitzt.

Worum geht’s?

Die Stimmung zwischen beiden Ländern hat sich zuletzt immer weiter verschärft. Ende Juli testete Nordkorea eine Interkontinentalrakete, die theoretisch auch die Fähigkeit hat, das amerikanische Festland zu treffen. In dieser Woche drohte Nordkorea mit einem Angriff mit ballistischen Raketen auf die US-Pazifikinsel Guam. Das Regime rechtfertigte dies mit dem Hinweis, dort stationierte Bomber in Schach zu halten. Die Insel sei der potenzielle "Ausgangspunkt für eine Invasion in Nordkorea". Pjöngjang verwies dabei auf US-Raketentests und Übungen mit Langstreckenbombern über Südkorea. US-Präsident Donald Trump reagierte scharf. "Nordkorea wäre gut beraten, keine weiteren Drohungen auszustoßen. Wir werden ihnen mit Feuer und Zorn begegnen, wie es die Welt noch nicht gesehen hat", sagte er. An diesem Donnerstag konterte Nordkorea. Bis Mitte August solle der Einsatzplan stehen, um vier Mittelstreckenraketen vom Typ Hwasong-12 auf Guam abzufeuern, berichteten staatliche Medien. Weiter hieß es: "Sachlicher Dialog ist mit so einem Typen bar jeder Vernunft nicht möglich, nur mit absoluter Stärke ist ihm beizukommen."

Ein Luftbild von Guam

Ein Luftbild von Guam

(Foto: picture alliance / Allen/Simmon/)

Was ist das Problem mit Guam?

Die USA übernahmen Guam 1898 im Spanisch-Amerikanischen Krieg. Die 60 Kilometer lange und 20 Kilometer breite Insel liegt im Westpazifik, 3500 Kilometer von Nordkorea entfernt. Auf Guam leben etwa 160.000 Menschen, die US-Bürger sind, sich aber nicht an US-Präsidentschaftswahlen beteiligen dürfen. Auf der Insel befindet sich eine US-Marinebasis, die Luftwaffenbasis Andersen und insgesamt rund 6000 Soldaten. In der Vergangenheit haben die USA immer wieder strategische Bomber des Typs B-1 zu Militärmanövern in Richtung der koreanischen Halbinsel entsendet. Die Militärpräsenz auf Guam wurde in der Vergangenheit stetig ausgebaut. Schon im Jahr 2000 schickte die Regierung Tarnkappenbomber auf die Insel und richtete Lager mit Präzisionsmunition ein, um für einen Konflikt mit Nordkorea gerüstet zu sein. Die Marine verlegte atomgetriebene U-Boote. Die Insel hat geostrategisch große Bedeutung. Das stationierte Militär soll im Krisenfall den Verbündeten Japan, Südkorea, Philippinen und Taiwan beistehen. Guams Gouverneur Eddie Calvo reagierte gelassen auf die Warnung Nordkoreas. Man sei "auf alle Eventualitäten vorbereitet", sagte er. Das Weiße Haus habe versichert, dass ein Raketenangriff auf Guam als Angriff auf die Vereinigten Staaten gewertet werde.

Macht Kim Ernst?

Das lässt sich nicht mit Sicherheit vorhersagen. Der Konfliktforscher Hans-Joachim Schmidt sagte n-tv.de: "Die Lage kann ganz schnell außer Kontrolle geraten." Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un sei weniger berechenbar als sein Vater. Experten sind der Ansicht, er konstruiere bewusst solche Situationen, um sich als großer Diktator zu inszenieren, der der Weltmacht Paroli bietet, und auch um das teure Nuklearprogramm vor der eigenen Bevölkerung zu legitimieren. Das Säbelrasseln setzt Kim unter Druck: Wer zu lange nur droht, verwirkt seine Autorität. Nordkorea drohte schon mehrfach mit Angriffen auf Guam, ohne das etwas passierte. Nachdem das Land 2013 die Auslöschung der amerikanischen B-52-Basis angekündigt hatte, stationierte das Pentagon auf der Insel das Raketenabwehrsystem Thaad. Die nordkoreanische Führung testete nach eigenen Angaben bislang fünf Atombomben. US-Experten schätzten die Sprengkraft des jüngsten Tests vom 9. September 2016 auf 20 bis 30 Kilotonnen. Das wäre in etwa die Sprengkraft der von den USA 1945 auf Nagasaki abgeworfenen Atombombe. Nach Einschätzung des Geheimdienstes DIA hat Nordkorea bei seinem Atom- und Raketenprogramm schnellere Fortschritte gemacht als bisher angenommen und einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zur vollwertigen Atommacht getan. Aus Sicht von Experten ist Pjöngjangs Atomwaffenprogramm jedoch eingeschränkt, weil es nur über wenig Uran und Plutonium verfüge. Die Anzahl der Atomwaffen des Landes werden auf 20 bis 60 geschätzt.

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Macht Trump Ernst?

Trump ist erst ein halbes Jahr im Amt, hat sich aber bereits den Ruf erworben, wohl unberechenbarer zu sein als alle seiner Vorgänger. Mit seiner Drohung - "Wir werden ihnen mit Wut und Feuer begegnen, wie es die Welt noch nie gesehen hat" – bediente er sich am Mittwoch rhetorisch beim 33. US-Präsidenten Harry Truman, der Japan 1945 mit ähnlichen Worten zur Kapitulation aufgefordert hatte. Später legte Trump nach. "Mein erster Befehl als Präsident war, das nukleare Arsenal zu erneuern und zu modernisieren", twitterte er. "Jetzt ist es weit stärker und kraftvoller als jemals zuvor." Die "Washington Post" widersprach dieser Aussage. Wesentlich zurückhaltender ist der Ton zum Thema Nordkorea bei US-Außenminister Rex Tillerson. Für die Pazifikinsel Guam bestehe keine "unmittelbare Bedrohung", so Tillerson, "die Amerikaner sollten nachts ruhig schlafen". Fast entschuldigend sagte er: "Ich denke, der Präsident wollte nur klar sein gegenüber dem Regime in Nordkorea über die unbestreitbaren Fähigkeiten der USA, sich selbst zu verteidigen." Trump steht innenpolitisch enorm unter Druck. Aber so launenhaft und schwer kalkulierbar er ist – das heißt nicht zwangsläufig, dass er einen Atomkrieg anzettelt.

Wie wird Trumps Reaktion in den USA aufgenommen?

Nicht besonders positiv. Der republikanische Senator John McCain, der zu Trumps Kritikern zählt, sagte: "Die großen Führer, die ich kenne, sprechen keine Drohungen aus, solange sie nicht zum Handeln bereit sind. Und ich bin nicht sicher, dass Präsident Trump zum Handeln bereit ist. Das ist typisch Trump. Er neigt zu Übertreibungen." Der Demokrat Eliot Engel, Mitglied im Außenausschuss des Repräsentantenhauses, sagte: "Die gestörte Reaktion des Präsidenten deutet an, dass er in Erwägung zieht, als Antwort auf die böse Bemerkung eines nordkoreanischen Despoten amerikanische Atomwaffen einzusetzen." Aus Sicht der "Washington Post" könnten Trumps Worte von Kim leicht missverstanden werden. "Das Resultat könnte eine Fehleinschätzung sein oder, Gott bewahre, der unbeabsichtigte Konfliktbeginn, vor dem die Welt sich schon seit Beginn des Atomzeitalters fürchtet."

Was macht China?

China hat enge Beziehungen zu Nordkorea, chinesische Banken kooperieren mit Pjöngjang. Die Volksrepublik ruft Kim seit Jahren zur Abrüstung auf. Ein Zusammenbruch des Regimes hätte massive Folgen. Millionen Nordkoreaner könnten fliehen - woran China nicht gelegen ist. Im Uno-Sicherheitsrat stimmte Peking zuletzt den verschärften Sanktionen gegen Nordkorea zu. Die chinesische Regierung will die Konfliktparteien an den Verhandlungstisch bringen, die USA sollen ihre Manöver mit Südkorea einstellen und Nordkorea sein Atomprogramm. Die Volksrepublik sieht die US-amerikanische Aufrüstung in der Region kritisch. Experten rechnen damit, dass China Raketen stationiert hat, die US-Streitkräfte auf Guam treffen könnten.

Was ist mit Südkorea?

Auch Südkorea, Verbündeter der USA, beobachtet die Situation mit Besorgnis. Nordkorea hat einen Großteil seines Militärapparats entlang der südkoreanischen Grenze stationiert. Die Regierung in Seoul kündigte in dieser Woche als Reaktion auf die Drohungen aus Pjöngjang eine Aufrüstung des Militärs an. Südkorea will unter anderem Raketen mit höherer Sprengkraft anschaffen, um unterirdische Bunker zerstören zu können. Sollte der Norden seine "Provokationen" nicht unterlassen, werde das kommunistische Nachbarland "die harte und resolute Vergeltung der Alliierten" zu spüren bekommen, sagte der Generalstabschef der Streitkräfte. Der nationale Sicherheitsrat hält heute eine Dringlichkeitssitzung ab. Zu weiteren Spannungen im Konflikt mit Pjöngjang könnte es um den 21. August kommen, wenn erneut gemeinsame Manöver der USA und Südkoreas starten.

Quelle: n-tv.de , mit dpa/rts

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