Politik

Interview mit Albrecht von Lucke Ist Frauke Petry eine Königin ohne Land?

Frauke Petry ist Co-AfD-Chefin seit 2013. Die 1975 in Dresden geborene promovierte Chemikerin erwartet im Frühsommer die Geburt ihres fünften Kindes. Petry ist seit Dezember 2016 verheiratet mit dem NRW-AfD-Chef  Marcus Pretzell, der ebenfalls vier Kinder aus einer früheren Beziehung hat.

Frauke Petry ist Co-AfD-Chefin seit 2013. Die 1975 in Dresden geborene promovierte Chemikerin erwartet im Frühsommer die Geburt ihres fünften Kindes. Petry ist seit Dezember 2016 verheiratet mit dem NRW-AfD-Chef Marcus Pretzell, der ebenfalls vier Kinder aus einer früheren Beziehung hat.

(Foto: REUTERS)

Die Geister, die sie einst rief, muss die AfD-Chefin nun wieder einfangen, glaubt Albrecht von Lucke. Doch dem Zauberlehrling Frauke Petry fehle es an strategischem Geschick, so der Politologe.

n-tv.de: Was vermuten Sie hinter Petrys Erklärung, nicht Spitzenkandidatin sein zu wollen? Und das auch noch so kurz vor dem Bundesparteitag an diesem Wochenende in Köln?

Albrecht von Lucke: Es ist ein doppeltes Signal. Zunächst einmal ist es ein Eingeständnis massiven Scheiterns. Sie hat es nicht geschafft, die Partei hinter sich zu bringen. Im Gegenteil – sie ist im Parteivorstand völlig isoliert. Und sie hat es nicht geschafft, ihren Anspruch auf die alleinige Spitzenkandidatur zu untermauern. Sie zieht sich jetzt zurück aus einem rein strategischen Kalkül, denn sie sieht, dass sie sich an dieser Front nicht durchsetzen kann und sie spekuliert darauf, dass sie es im Inhaltlichen tun kann.

Sie meinen den Leitantrag für einen realpolitischen, koalitionsfähigen Kurs einer rechten Mitte-Partei?

Genau. Sie setzt ja weiter darauf, dass dieser Leitantrag durchkommt, der da lautet: Ich mit meinem Kurs, der letztlich auf Mehrheitsbildung, auf Koalitionsfähigkeit setzt – sie beschreibt das als realpolitische Strategie – ist alleine das, was die Partei braucht gegen die sogenannte fundamental-oppositionelle Strategie, so nennt sie das von Gauland und Höcke.

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In der Partei gibt es ja lange schon heftigen Streit. Geht es da um die Frage, wie rechts die AfD ist?

Es geht im Kern nicht um die Frage: Setzen sich Rechtskräfte oder Bürgerliche durch? Es geht um einen Machtkampf und das ist das Ironische.

Aber viele Kommentatoren werten Petrys Verzicht als möglicherweise geschickten Schachzug.

Nein. Frauke Petry – und das macht auch ein großes strategisches Unvermögen aus - inszeniert einen Machtkampf zur Unzeit. Sie hat sich nicht in dem Maße kompromissbereit im Vorstand gezeigt, sie hat letztlich immer alles auf eine Karte gesetzt. Auch unterstützt durch ihren Ehemann Markus Pretzell, ihr einziger Verbündeter, der auch sehr rechtslastige Vorsitzende der AfD Nordrhein-Westfalen. Sie hat sich isoliert und hat versucht, diesen Machtstreit zu gewinnen, der darum ging, ist sie die alleinige Führerin oder ist es ein Team, Höcke, Gauland, viele andere. Sie hat versucht, diesen Machtstreit zu einer strategischen, inhaltlichen Auseinandersetzung hochzuziehen. Und das versucht sie jetzt auch nochmal auf dem Parteitag. Sie inszeniert sich als die letzte bürgerliche Kraft und treibt dadurch auch einen Spalt in die Partei. Und das ist vor einer Bundestagswahl höchst desaströs. Jetzt wird die Partei versuchen müssen, irgendwie die Flügel zu befrieden. Denn sonst mag es für die Partei am 24. September fatal ausgehen.

Beobachten wir hier also im Moment eine Partei, die sich selbst zerlegt und ihre erfolgreichsten Zeiten hinter sich hat? Oder geht da bis zur Bundestagswahl wieder was?

Genau das ist die entscheidende Frage, Sie bringen es auf den Punkt. Die Frage ist tatsächlich: Zerlegt sich die Partei jetzt am kommenden Sonntag? Wir haben die Zahlen gehört. Wenn es sich nur noch um acht Prozent handelt in den Umfragen – die Partei lag ja zeitweilig klar im zweistelligen Bereich – wenn es nur noch acht Prozent sein sollten, dann ist irgendwann die Frage: Kann sich die Partei quasi noch einmal halbieren? Denn die Frage wird ja auch von Frauke Petrys Seite sein, wenn sie ihren inhaltlichen Antrag nicht durchbringt: Ist sie dann überhaupt noch eine Parteivorsitzende, die etwas hinter sich hat, oder ist sie eine Königin ohne Land? Dann wird die Frage sein, wenn sie tatsächlich abginge, ist die Fraktion oder der Rest der Partei überhaupt noch überlebensfähig? Dann geht es tatsächlich um den Erhalt der AfD und die Frage, ob der Einzug in den Bundestag gelingt.

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Wie groß ist denn die Gefahr, dass sich die Partei jetzt mehr und mehr Richtung rechts orientiert und dann möglicherweise auch Wählerpotenzial von der NPD aufsaugt?

Die AfD ist bereits längst rechtslastig und das Ironische: Sie ist es unter Frauke Petry geworden. Wir müssen uns eins bewusst machen: Frauke Petry ist ganz bewusst die Allianz eingegangen mit Björn Höcke, mit Alexander Gauland, um Bernd Lucke zu beseitigen. Die eigentliche Zäsur fand statt mit dem Abgang von Bernd Lucke und vielen anderen, die das eigentliche bürgerliche Lager verkörpert haben, wenn man von einem bürgerlichen Lager damals schon sprechen konnte. Denn auch Bernd Lucke hat ja nichts dagegen getan, dass die rechtslastigen Kräfte Einzug gehalten haben in die AfD. Was wir gegenwärtig erleben, ist eher ein symbolischer Streit. Es ist der Versuch von Frauke Petry, hier als Zauberlehrling zu wirken und diejenigen wieder einzufangen, die fatalen Geister, die sie selbst freigelassen hat. Aber ich habe den Eindruck, das wird die AfD in ihrem rechtslastigen Kurs nicht nennenswert bewegen. Egal, welcher Antrag sich durchsetzt – die Partei ist eine rechtspopulistische Partei und daran kann auch der Streit am Wochenende nichts ändern.

Mit Albrecht von Lucke sprach Marcel Wagner.

Quelle: n-tv.de

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