Politik

Israelischer Veteran im Interview "Gaza ist für die Israelis Lichtjahre entfernt"

Die israelische Besatzung der Palästinensergebiete hat auch einen Zaun in den Köpfen errichtet: Was dahinter liegt, interessiert zu viele Israelis nicht, sagt Ex-Soldat Avner Gvaryahu.

Die israelische Besatzung der Palästinensergebiete hat auch einen Zaun in den Köpfen errichtet: Was dahinter liegt, interessiert zu viele Israelis nicht, sagt Ex-Soldat Avner Gvaryahu.

(Foto: REUTERS)

Die meisten Israelis unterstützen die Gaza-Offensive, wissen aber nicht ansatzweise, was dort passiert, sagt der Sprecher der Soldaten-Organiation "Schovrim Schtika" im Gespräch mit n-tv.de. "Wir denken leider nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Gewehr", beklagt er.

n-tv.de: Ihre Organisation besteht aus Veteranen, die das Vorgehen der israelischen Armee gegen die Palästinenser kritisieren - ganz aktuell im Gazastreifen, aber auch generell. Was ist das Besondere am neuen Gazakrieg?

Avner Gvaryahu: Bei der aktuellen Operation werden in erschreckender Weise Grenzen überschritten, die vor nicht allzu langer Zeit in Israel noch als verbindlich galten. Israel hält die Palästinensergebiete seit 47 Jahren besetzt. In jüngster Zeit sehen wir aber, dass wir alle roten Linien überschreiten, die wir vor wenigen Jahren noch für sehr klar hielten.

Welche roten Linien sind das?

Avner Gvaryahu (29) engagiert sich seit fünf Jahren in der israelischen NGO "Schovrim Schtika" ("Das Schweigen brechen"). Er war, wie jeder Israeli, ab dem Alter von 18 Jahren drei Jahre in der Armee, u.a. als Fallschirmjäger und Offizier in einem Scharfschützenkommando.

Avner Gvaryahu (29) engagiert sich seit fünf Jahren in der israelischen NGO "Schovrim Schtika" ("Das Schweigen brechen"). Er war, wie jeder Israeli, ab dem Alter von 18 Jahren drei Jahre in der Armee, u.a. als Fallschirmjäger und Offizier in einem Scharfschützenkommando.

Vor einigen Jahren debattierte die israelische Öffentlichkeit noch, ob es legitim sei, gezielt Hamas-Mitglieder zu töten. Bei der aktuellen Operation im Gazastreifen wird Haus um Haus, Familie um Familie einfach ausradiert. Als Grund reicht dafür schon aus, dass eines dieser Häuser einem Hamas-Mitglied gehört oder es sich dort aufhalten könnte. Das ist aus unserer Sicht eine rote Linie. Ein anderer Punkt ist, dass hier die wahrscheinlich stärkste Armee der Region in ein Gebiet einmarschiert, das extrem dicht besiedelt ist. Eine starke Armee hat auch eine große Verantwortung in einem solchen Konflikt. In dieser speziellen Situation in Gaza müssten wir extra vorsichtig sein. Davon kann ich aber nichts erkennen.

Und in Israel rührt das keinen?

Ungefähr 86 Prozent der Israelis unterstützen die Operation in Gaza. Das Problem ist, dass die meisten nicht wissen und nicht wissen wollen, was da genau passiert. Die Leute wissen, dass gerade eine Invasion stattfindet, das war's. Die wenigsten verfolgen im Detail, was im Gazastreifen passiert. Und die Politiker beruhigen die Leute, indem sie behaupten, der Einsatz sei nicht gegen die Zivilbevölkerung von Gaza gerichtet, sondern gegen die Hamas. Natürlich berichten jetzt die Medien mehr als sonst, weil innerhalb eines Monats mehr als 1000 Palästinenser und mehr als 50 Israelis getötet worden sind. Alle paar Jahre eskaliert die Situation in Gaza und dann wachen wir auf in dieser Wirklichkeit.

Wie kann es sein, dass eine ganze Gesellschaft kollektiv verdrängen kann, dass in ihrem Namen solches Unrecht geschieht?

Für die meisten Israelis ist es unerträglich, das zu hören und erst recht, dafür Verantwortung zu tragen. Die israelische Öffentlichkeit hat es geschafft, sich davon loszulösen, als ob sie nichts damit zu tun hätte. Gaza ist nicht weit weg von allen größeren israelischen Städten. Aber vom Gefühl ist es für die Menschen Lichtjahre entfernt. Das hat auch mit der jahrzehntelangen Besatzung zu tun. Selbst wenn es gerade keinen Krieg gibt, bestrafen wir die Palästinenser permanent und kollektiv. Sie haben in Gaza keine Bewegungsfreiheit, wir bestimmen Import und Export, überwachen die Grenzen, kontrollieren die Checkpoints. Diese Teilung hat nicht nur einen Sicherheits- und Kontrolleffekt, sie hat auch einen mentalen Effekt. Was hinter dem Zaun liegt, existiert nicht und hat uns nicht zu interessieren.

Sobald so viele tote israelische Soldaten nach Hause kommen, ändert sich das aber.

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Das ist das Problem: Die Menschen wachen immer erst traurig auf, wenn es Tote zu beklagen gibt. "Schovrim Schtika" ist keine Pazifistenorganisation. Wir haben alle in der Armee gedient, unser Leben riskiert. Wir haben Freunde verloren im Kampf. Und deshalb wollen wir, dass dieser tödliche Kreislauf durchbrochen wird.

Ihre Organisation will dazu auch das Schweigen in der israelischen Gesellschaft brechen. Wie kann das gelingen?

Uns ist klar, dass wir nicht die Mehrheitsmeinung vertreten. Wir kennen die Realität in diesem Land. Es gab ein paar Demonstrationen von Israelis, das ist aber eine Minderheit. Wir müssen immer sehen, dass die Menschen in weiten Teilen des Landes Angst vor Hamas-Raketen haben. Auch wenn wir weit davon entfernt sind, eine militärische Antwort auf eine politische Frage richtig zu finden: Mit dieser Bedrohung muss erst einmal umgegangen werden. Es ist aber Zeit, die Militäraktionen zu überdenken. Und es scheint, als gäbe es unter der Oberfläche so etwas wie einen Dissens. Immerhin gibt es ein paar oppositionelle Stimmen im Parlament und in der Öffentlichkeit. Das Mindeste, was diskutiert werden muss, ist die Frage, wie viele Unbeteiligte getötet werden dürfen. Es ist erstaunlich, dass das heute so gar kein Thema mehr ist in Israel.

Selbst Premier Benjamin Netanjahu ist klar, dass der aktuelle Gazakrieg bald beendet werden muss. Wie kann Israel schnell herauskommen aus dieser Aktion?

Ich glaube sogar, dass er diesen Krieg beenden will. Beide Seiten, auch die Hamas, sind aber zu fixiert auf einen Sieg. Wir denken leider nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Gewehr. Es gibt einen Ausweg, aber der sieht ganz sicher nicht so aus, die Palästinenser gefügig zu bomben. Vielmehr muss sichergestellt werden, dass es gar nicht erst einen Grund für die Palästinenser gibt, Raketen auf Israel zu schießen oder Tunnel zu graben. Dafür müssen diplomatische Mittel genutzt werden. Sonst ist die nächste Militäraktion nur eine Frage der Zeit.

Wie steht die israelische Regierung heute zu Ihrer Organisation? Hört den kritischen Veteranen jemand zu?

Als wir uns 2004 gegründet haben, gab es im Parlament mehr Mitglieder, die bereit waren uns zuzuhören. Jetzt, zehn Jahre später, scheinen wir uns von unserem Ziel, die Besatzung zu beenden, weiter entfernt zu haben. Die Seite in Politik und Gesellschaft, die diesen Status Quo aufrecht erhalten will, ist übermächtig. Der Verteidigungsminister hat uns sogar als Unterstützer des Terrors und Verräter bezeichnet. Andere Parlamentsmitglieder haben versucht, unsere Geldgeber einzuschüchtern. Die israelische Regierung hat Angst vor jeder Form von Kritik. Das Schweigen soll um jeden Preis aufrechterhalten werden.

Mit Avner Gvaryahu sprach Nora Schareika

Quelle: n-tv.de

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