Politik

US-Nahost-Experte zu Syrien "Es gibt nur schlechte Alternativen"

Wollen die USA Assad stürzen? Nahost-Experte Eric Bordenkircher bezweifelt das.

Wollen die USA Assad stürzen? Nahost-Experte Eric Bordenkircher bezweifelt das.

(Foto: AP)

Auch mehr als eine Woche nach dem amerikanischen Luftangriff auf einen syrischen Militärflughafen ist unklar, wie die Syrien-Strategie der US-Regierung aussieht und ob es überhaupt eine gibt. Geht es nach der amerikanischen UN-Botschafterin Nikki Haley, dann hat ein Regimewechsel und somit der Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad höchste Priorität. Im Gegensatz dazu sagte US-Außenminister Rex Tillerson, das Hauptziel der USA in Syrien sei weiterhin die Vernichtung der Terrormilz IS. Trump selbst hält sich zu seinen politischen Absichten in Syrien bedeckt.

Der amerikanische Nahost-Experte Eric Bordenkircher bezweifelt, dass die Vereinigten Staaten ein großes Interesse daran haben, Assad zu stürzen. Denn die Folge wäre eine noch größere Instabilität in der Region.

n-tv.de: Was werden die nächsten Schritte der US-Regierung im Syrien-Konflikt sein?

Eric Bordenkircher: Das hängt von den Interessen der US-Regierung ab. Ganz oben auf der Liste der Trump-Administration stehen nationale und internationale Sicherheit. Um diese Ziele zu realisieren, müsste das Assad-Regime an der Macht bleiben. Die Alternative hieße nämlich mehr Instabilität, Chaos, Gewalt, Terror und Flüchtlinge in der Region. Es gibt in dieser Frage nur schlechte Alternativen. Es geht darum, das geringere Übel zu wählen. Natürlich will niemand mit einem Kriegsverbrecher, der chemische Waffen gegen die eigene Bevölkerung einsetzt, zusammenarbeiten. Die Frage ist jedoch: Was ist die Alternative zu Assad? Eine halbe Million mehr Flüchtlinge und weitere 100.000 Todesopfer, ist es das, was die internationale Völkergemeinschaft will? Es gibt einfach keine guten Optionen. Jeder, der sagt, es gäbe eine einfache Lösung für den syrischen Konflikt, der träumt. Am Ende geht es darum, das kleinere von zwei Übeln in Kauf zu nehmen und Assad an der Macht zu lassen.

Eric Bordenkircher forscht und lehrt am Center for Middle East Development an der kalifornischen Universität UCLA.

Eric Bordenkircher forscht und lehrt am Center for Middle East Development an der kalifornischen Universität UCLA.

(Foto: UCLA)

Aber kann Donald Trump es sich leisten, klein beizugeben und Assad an der Macht zu lassen?

Trump kann tun und lassen, was er will. Auch wenn er den Kurs wechselt, würde das seinem Image nicht groß schaden. Er ist ein "Maverick", ein Rebell. Der Luftangriff vergangene Woche war eine überstürzte und unkluge Entscheidung. Trump will zeigen, dass er das komplette Gegenteil von Barack Obama ist. Die syrische Regierung hatte ja bereits zuvor chemischen Waffen eingesetzt, ohne dass Obama etwas unternahm. Jetzt haben sie es wieder gemacht und sind dieses Mal nicht so leicht davongekommen. Heißt das, dass Trumps politische Vorgehensweise gegenüber Syrien anders sein wird als die von Obama? Zum jetzigen Zeitpunkt scheint das nicht so zu sein. Die USA sind und bleiben die größte Macht in der Weltgemeinschaft und könnten sich morgen dazu entschließen, einen komplett anderen Weg zu gehen, ohne sich wirklich darum zu kümmern, was andere Länder darüber denken.

Welche Möglichkeiten gibt es denn, den Krieg in Syrien zu stoppen?

Ich glaube nicht, dass eine internationale Allianz den Konflikt im Land militärisch beenden kann. Ein solches Vorgehen würde mehr Probleme verursachen, als es lösen würde. Der Konflikt in Syrien ist sehr kompliziert, viele Akteure haben ein Pferd im Rennen. Verschiedene Länder unterstützen die unterschiedlichen Fraktionen im Land. Ein militärisches Eingreifen würde nur zu einer weiteren Eskalation führen. Wir befinden uns in einer schrecklichen Situation mit unzureichenden Lösungsansätzen. Und es ist die syrische Bevölkerung, die darunter leidet.

Was macht es so kompliziert, eine Lösung für den Bürgerkrieg in Syrien zu finden?

Das Problem ist, dass unter den von den arabischen Ländern unterstützten oppositionellen Gruppen im Land große Uneinigkeit herrscht. Diese Zersplitterung ist es, die es dem Assad-Regime ermöglicht hat, sich an der Macht zu halten – zwar geschwächt, aber trotzdem relativ stabil. Zudem erhielt das Regime Unterstützung aus Russland und dem Iran sowie von der libanesischen Hisbollah und anderen schiitischen Milizen. Auch zwischen den einzelnen oppositionellen Gruppen gibt es viele Kämpfe, was in einem Bürgerkrieg normal ist. Der Interessenkonflikt ist aber auch in der internationalen Völkergemeinschaft zu spüren. Auch das ist keine monolithische Interessengemeinschaft. Das alles spielt dem syrischen Regime in die Karten.

Wie geht es in Syrien weiter?

Ich glaube, Assad wird die Macht über Teile Syriens behalten. Ich bin aber skeptisch, dass er seine Macht wieder auf das ganze Land wird ausweiten können, ganz zu schweigen von den vom IS und den Kurden kontrollierten Gebieten. Sollte es keine weiteren Interventionen seitens der USA geben und das Assad-Regime nicht weiter geschwächt werden, dann wird es zu einer Art Stillstand kommen. Ich sehe keine großen Veränderungen der Situation in naher Zukunft. Es ist ein wahrgewordener Albtraum, ein absolutes Desaster. In vielen Gebieten wird es über Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte, keine Rückkehr zur Normalität geben.

Mit Eric Bordenkircher sprach Hansjürgen Mai

Quelle: n-tv.de

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