Politik

Auf einen Cappuccino in Berlin "Emanzipation? Keiner will das mehr hören"

Frieda wünscht sich mehr Emanzipation.

Frieda wünscht sich mehr Emanzipation.

(Foto: Julian Vetten)

Vollzeit arbeiten und Kinder großziehen, das geht für Frauen in Deutschland immer noch selten zusammen. Frieda macht genau das - und ärgert sich über die Einstellung vieler junger Mütter, die allzu bereitwillig an den Herd zurückkehren.

In Deutschland leben mehr als 82 Millionen Menschen - und doch kommen viel zu oft nur die üblichen Verdächtigen oder die mit den lautesten Parolen zu Wort. Um das zu ändern, reisen wir bis zur Bundestagswahl am 24. September durch das Land und bitten Menschen um ihre Meinung, die sonst damit hinter dem Berg halten würden. Die Artikel erscheinen immer mittwochs. Diese Woche sind wir zu Gast in Berlin.

Zeit ist ein kostbares Gut. Wie kostbar, merken wir meistens erst, wenn wir zu wenig davon haben. So wie Frieda*: Vor wenigen Minuten saß die Geschäftsführerin einer kleinen Marketingagentur noch vor dem Schreibtisch, nun bedient die attraktive Enddreißigerin mit der linken Hand eine Kaffeemaschine und mit der rechten ihr Smartphone. Am anderen Ende der Leitung ist Friedas Mann, der im fernen Steglitz im Stau steht und es nicht schaffen wird, die gemeinsame Tochter von der Kita abzuholen. "Kein Problem", sagt Frieda und meint das auch so. Zwischendurch noch ein schnelles Interview, im Anschluss eine Elternratssitzung in der Kita und abends, wenn das Kind im Bett ist, vielleicht nochmal für ein oder zwei Stündchen an den Schreibtisch.

Wo ist das Gesicht zur Geschichte?

Politik ist für die meisten Menschen eine Privatangelegenheit, abseits vom Stammtisch darüber zu sprechen noch immer ungewöhnlich. Unsere Gesprächspartner in dieser Serie sagen ihre Meinung frei heraus, manche von ihnen befürchten aber, deswegen zum Thema für den Nachbarschaftstratsch zu werden - und bitten uns, auf Fotos zu verzichten. Wir respektieren diesen Wunsch.

Damit in Friedas Leben weder Familie noch Liebe noch Arbeit auf der Strecke bleiben, muss sie ihren Tagesablauf minutiös planen. Das klingt nicht nur anstrengend, das ist es auch: "Ich sehe viele Frauen aus meiner Generation, die eine gute Bildung haben und nach der Geburt ihres ersten Kindes trotzdem zu Hause bleiben, weil sie sagen: Das ist mir jetzt zu stressig." Für Frieda ist das ein Riesenproblem:  "Es ist ein Rückschritt in der Emanzipation erkennbar - und er kommt von den Frauen selbst."

"Es muss eine Familienkultur stattfinden"

Bequemlichkeit hat mit dieser Entwicklung nur bedingt etwas zu tun, glaubt Frieda - "es sind vielmehr systemische Unterschiede: Welches Meeting nimmt schon auf die starren Öffnungszeiten von Schulen und Kitas Rücksicht?" Die Zahlen geben der schwarzhaarigen Powerfrau recht: Immer noch wird in deutschen Haushalten 75 Prozent des Einkommens von Männern erwirtschaftet, weil Frauen entweder nur in Teilzeit oder gar nicht arbeiten gehen. "In den Unternehmen muss eine Familienkultur stattfinden", wünscht sich Frieda deshalb.

Auch die Politik könnte noch deutlich mehr zur Emanzipation beitragen, sagt Frieda - und hält dann kurz inne, weil ihr der Begriff selbst zu sehr nach Geschlechterkampf und Dogmatismen á la Alice Schwarzer klingt: "Das Schlagwort Emanzipation ist verbrannt, keiner will das mehr hören. Vielleicht sollte man lieber auf einen neuen Begriff umschwenken, Gleichstellung vielleicht." Zu dem Thema haben die meisten Parteien tatsächlich eine ganze Menge in ihrem Wahlprogramm stehen - eigentlich merkwürdig, dass es bei rund 42 Millionen Frauen in Deutschland nicht stärker beworben wird.

Für Frieda kommen am Ende aber wohl trotzdem nur die Grünen infrage: Die Partei kritisiert das bisherige Gesetz zur Frauenquote von 30 Prozent, das nur für 101 Unternehmen gilt, und will es deutlich ausweiten: In allen 3500 börsennotierten Unternehmen sollen nach dem Willen der Grünen mindestens 50 Prozent Frauen sitzen. Außerdem sollen Frauen nun auch in kleineren Betrieben ein Recht darauf haben, zu erfahren, wie viel sie im Vergleich mit ihren männlichen Kollegen verdienen - bislang ist das nur bei Unternehmen mit mindestens 200 Mitarbeitern möglich.

All diese Maßnahmen würden Frieda selbst freilich wenig nützen, sie ist ja schließlich schon Chefin. Aber "wer Emanzipation will, muss sich auch dafür einsetzen, selbst wenn es ihn nicht unmittelbar selbst betrifft. Und das klappt nur, wenn wirklich alle an einem Strang ziehen." Sagt es, stellt die Cappuccino-Tasse auf den Tisch und macht sich auf den Weg zur Garderobe: In wenigen Minuten wartet die Kleine in der Kita auf sie, im Anschluss folgt direkt die Elternratssitzung und abends, wenn das Kind im Bett ist, wird sie vielleicht noch an den Schreibtisch zurückkehren. Vielleicht aber auch nicht, denn Zeit ist ein kostbares Gut, keiner weiß das so gut wie Frieda - und auch so ein Stau in Steglitz löst sich ja irgendwann auf.

* Name von der Redaktion geändert

Quelle: n-tv.de

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