Politik

Experte über Wählerwanderungen "Diese Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen"

Angela Merkel bei der Wahl. Sie hat vermutlich die CDU gewählt.

Angela Merkel bei der Wahl. Sie hat vermutlich die CDU gewählt.

(Foto: imago/Emmanuele Contini)

Nach jeder Wahl wird aufgerechnet, wie viele Wähler von der einen zur anderen Partei gegangen sind. Doch solche Zahlen sind bestenfalls als Inspiration zu verstehen, sagt der Meinungsforscher Rainer Faus. Exakt sind sie keinesfalls.

n-tv.de: Das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap zeigt nach Wahlen immer in übersichtlichen Grafiken, woher die Wähler einer Partei gekommen sind. Woher wissen die das?

Rainer Faus: Das funktioniert über die Exit Polls. Am Wahltag fragen die Institute Wähler in einzelnen Wahllokalen, was sie gerade gewählt und was sie bei der letzten Bundestagswahl gewählt haben. Das Problem dabei ist, dass sich nicht jeder akkurat an seine Wahlentscheidung vor vier Jahren erinnert. Da gibt es eine ganze Menge "false recall", falsche Erinnerungen: Manch ein Wähler meint, eine Partei gewählt zu haben, die er gar nicht gewählt hat. Das passiert insbesondere dann, wenn eine Partei zwischenzeitlich irgendwie nicht mehr so populär ist. Die Piraten zum Beispiel wurden relativ schnell vergessen. Da gab es immer einen sehr niedrigen "recall". Es kommt sogar vor, dass Leute sich daran erinnern, eine Partei gewählt zu haben, die es bei der letzten Wahl noch gar gab.

Rainer Faus ist Geschäftsführer der auf Meinungsforschung spezialisierten Agentur Pollytix Strategic Research in Berlin.

Rainer Faus ist Geschäftsführer der auf Meinungsforschung spezialisierten Agentur Pollytix Strategic Research in Berlin.

(Foto: Pollytix)

Spielen noch andere Faktoren eine Rolle?

Verschiedene Effekte können die Erinnerung verfälschen. Die Leute lügen gar nicht unbedingt, aber ihre Erinnerung spielt ihnen eben hier und da einen Streich. Natürlich färbt auch die aktuelle Parteienpräferenz stark ab. Wenn eine Partei aus Sicht eines Befragten in der zurückliegenden Legislaturperiode keine besonders gute Politik gemacht hat, wird er sich an die nicht so gern erinnern. Als die FDP 2009 bis 2013 in der Regierung war, stand sie bei mehr als 14 Prozent. So viele wollten sich am Ende nicht daran erinnern, diese Partei gewählt zu haben.

Infratest dimap beziffert die Wählerwanderung recht konkret. Bei der Bundestagswahl sollen 1,36 Millionen Wähler von der Union zur FDP gegangen sein, 980.000 zur AfD.

Solche Zahlen sind mit größter Vorsicht zu genießen – man sollte sich nicht vorgaukeln, dass die Ergebnisse wirklich so exakt sind. Die Annahme, dass Wähler von CDU und CSU zu FDP und AfD gegangen sind, liegt natürlich nahe, wenn die Union mehr als acht Prozentpunkte verloren hat. Diese Abwanderung ist auch realistischer als zum Beispiel eine Abwanderung von den Grünen zur AfD. Austausch findet in der Regel innerhalb der Lager statt.

40.000 Grünen-Wähler sollen zur AfD gegangen sein.

Grundsätzlich gibt es nichts, was es nicht gibt. Aber mir passt diese angebliche Genauigkeit der Zahlen einfach nicht.

Die Medien und vor allem auch die Parteien messen den Zahlen eine hohe Bedeutung zu.

Man kann sich das anschauen, aber man sollte nicht Wochen oder Monate damit zubringen, die Analyse auszuwerten. Vielleicht haben die Zahlen den Wert, eine Inspiration dazu zu liefern, was tatsächlich passiert sein könnte.

Gibt es bessere Methoden, um den Parteien nach einer Wahl zu erklären, was passiert ist?

Man könnte Panels befragen, also ausgewählte Leute, die man schon vier Jahre zuvor befragt hat. Dadurch verringern sich die "false recalls". So etwas ist aber sehr teuer und viel aufwändiger. Aber für die Parteien geht es doch darum, sich für ihre Zielgruppe möglichst gut aufzustellen und eine möglichst gute Politik anzubieten. Das funktioniert auch, ohne verlorenen Wählern hinterherzurennen.

Es heißt, dass Wähler radikaler Parteien am Telefon nicht einräumen, diese Partei gewählt zu haben. Trifft das für die AfD zu?

Nein, das sieht man auch an den Umfragen. Die AfD hat 12,6 Prozent erreicht – die meisten Institute hatten sie zwischen 11 und 13 Prozent verordnet. So falsch war das also gar nicht. Zum anderen fühlen AfD-Wähler sich nicht mehr so allein. Sie neigen vielmehr dazu, ihre Präferenz für eine Sicht zu halten, die von vielen geteilt wird.

Bei der Union, die nur knapp 33 Prozent erreicht hat, lagen die Meinungsforschungsinstitute ziemlich daneben. Wie passiert sowas?

Ich würde nicht sagen, dass die Institute zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichungen falsch lagen. Es gab einfach noch späte Bewegungen, die der einen Partei geschadet und der anderen genutzt haben. Dafür, dass wir in Deutschland sechs Parteien haben, finde ich die Umfragen relativ gut. Die Union hat ein bisschen schlechter abgeschnitten als erwartet, die Grünen ein bisschen besser.

Zudem haben die Umfragen angedeutet, dass der Trend für die AfD aufwärts ging. Gleichzeitig ging es bei der CDU/CSU und der SPD bergab, vor allem seit dem TV-Duell. Die letzten Erhebungen wurden zwei oder drei Tage vor der Wahl gemacht. Wenn man die Linien noch weiter zeichnen würde, käme man vermutlich auf das Ergebnis, dass es dann am Sonntag gab.

Mit Rainer Faus sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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