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Chemiewaffen-Experte Trapp "Die russische Version ist unwahrscheinlich"

Nach dem Angriff in Chan Scheichun in der syrischen Provinz Idlib.

Nach dem Angriff in Chan Scheichun in der syrischen Provinz Idlib.

(Foto: AP)

Eigentlich hätte Syrien alle Chemiewaffen abgeben müssen, doch daran gab es schon Zweifel, bevor am vergangenen Dienstag in der Provinz Idlib Giftgas eingesetzt wurde. Russland sagt, der Vorfall sei kein Angriff gewesen. Chemiewaffenexperte Ralf Trapp hält das für unwahrscheinlich.

n-tv.de: Syriens Außenminister Walid al-Muallim hat gesagt, Syrien habe Chemiewaffen nie eingesetzt und werde dies auch nie tun, nicht einmal gegen Terroristen. Stimmt das?

Ralf Trapp: Es gibt den Bericht des "Joint Investigative Mechanism", der gemeinsamen Untersuchungsgruppe von OPCW und Vereinten Nationen. Für drei Fälle wurde darin die Schlussfolgerung gezogen, dass die syrische Armee Chlorgas eingesetzt hat. Außerdem wurde im August 2013 in Ghuta östlich von Damaskus Sarin eingesetzt. Wer dafür verantwortlich war, ist von der OPCW und den UN nicht untersucht worden. Aber die Indizien deuten auch hier darauf hin, dass es die syrische Armee war.

Chemiewaffenexperte Trapp hat die Organisation für das Verbot chemischer Kampfstoffe in den 1990er Jahren mit aufgebaut. 2013 erhielt die OPCW den Friedensnobelpreis.

Chemiewaffenexperte Trapp hat die Organisation für das Verbot chemischer Kampfstoffe in den 1990er Jahren mit aufgebaut. 2013 erhielt die OPCW den Friedensnobelpreis.

Unstrittig ist, dass in Chan Scheichun am vergangenen Dienstag Menschen durch Giftgas getötet wurden. Welches Gift ist dort zum Einsatz gekommen?

Zunächst einmal können wir sicher sein, dass zahlreiche Menschen dort Vergiftungserscheinungen hatten und dass viele Opfer gestorben sind. Die Symptome, die wir gesehen haben, deuten auf einen Nervenkampfstoff, ein Organophosphat hin – auf eine Substanz also, die das Zentralnervensystem und die Verbindung von Nervensystem und Muskeln angreift. Sarin wäre eine der Verbindungen, die da infrage käme. Anhand der Bilder kann man aber nicht sagen, welcher Stoff genau es war.

Syrien sollte ab 2013 alle Chemiewaffen abgeben, die OPCW hat das überwacht. Wie ist der Stand der Dinge?

Mit dem Beitritt zum Chemiewaffenabkommen hat Syrien die Verpflichtung übernommen, alle seine Chemiewaffen zu deklarieren und zu vernichten. Was von den Syrern gemeldet wurde, ist von der OPCW inspiziert und inventarisiert worden – diese Stoffe sind alle vernichtet worden. Das Gleiche gilt für die Anlagen zur Herstellung von Chemiewaffen. Wenn die syrische Armee noch Chemiewaffen hat, dann wären das Bestände, die nicht gemeldet oder neu beschafft wurden.

Halten Sie das für möglich?

Es gab in den letzten Jahren immer wieder Zweifel, ob alle Stoffe gemeldet wurden. Aber Beweise dafür gibt es nicht. Theoretisch ist aber auch denkbar, dass andere Gruppen, die im syrischen Bürgerkrieg kämpfen, in kleineren Mengen Sarin hergestellt haben könnten. Ich halte das für unwahrscheinlich, aber ausschließen kann ich es nicht.

Den Vorfall vom Dienstag erklärt Russland damit, dass bei einem Angriff der syrischen Luftwaffe ein Chemielager von Rebellen getroffen worden sei. Kann das sein?

Es gibt zwei konkurrierende Hypothesen. Die eine ist die russische Version, laut der die Syrer eine Chemiewaffen-Produktionsanlage oder ein Lager getroffen haben. Die andere Version sagt, dass die syrische Luftwaffe das Giftgas eingesetzt habe. Da kann man sich fragen: Welche Konsequenzen hätte das jeweilige Szenario gehabt? Was wäre passiert? Die Bilder, die ich gesehen habe, sowie die Berichte über die Opferzahlen, die Verteilung der Opfer über die Stadt und über den Hergang des Vorfalls entsprechen ziemlich genau dem, was nach einem Luftangriff mit einer größerflächigen Verteilung von Sarin zu erwarten wäre.

Natürlich wird auch Gas freigesetzt, wenn ein Lager oder eine Produktionsanlage beschossen wird. Aber die Auswirkungen sind räumlich eher begrenzt, weil ein großer Teil des Kampfstoffes durch die Explosionen verbrennen oder am Ort von Gebäudegeröll absorbiert werden würde. Im Übrigen hätte man hinterher ein vergiftetes Gebäude. Man könnte das ohne größere Schwierigkeiten durch Inspektoren überprüfen lassen.

Wenn wir einmal davon ausgehen, dass es sich in Chan Scheichun um einen Angriff handelte: Welchen Sinn könnte es aus Sicht der syrischen Regierung haben, Rebellen mit Chemiewaffen anzugreifen?

2013 gab es eine ähnliche Situation, als über einen langen Zeitraum immer wieder über kleinere Einsätze von Giftgas berichtet wurde. Als der UN-Generalsekretär die Untersuchungsgruppe im August endlich nach Syrien hineinbekam, nur zwei Tage nach dem Eintreffen der Inspektionsgruppe in Damaskus, fand der Angriff auf Ghuta statt. Was die Denkweise dahinter ist, was jemanden, der ziemlich hoch in der Hierarchie gestanden haben muss, dazu bringt, in genau diesem Moment einen Chemiewaffenangriff auf bewohntes Gebiet anzuordnen, kann ich nicht nachvollziehen. Das gilt auch für den Angriff jetzt in Idlib. Militärisch macht es keinerlei Sinn. Allerdings kann es eine starke psychologische Wirkung auf die Bevölkerung und die Kämpfer haben.

Mit Ralf Trapp sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de


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