Politik

Brauchen wir ein Islamgesetz? "Die muslimische Basis muss aktiv werden"

Ein Muslim in Potsdam beim Gebet. Die Moscheegemeinden sind nur zum Teil in größeren Dachverbänden organisiert.

Ein Muslim in Potsdam beim Gebet. Die Moscheegemeinden sind nur zum Teil in größeren Dachverbänden organisiert.

(Foto: picture alliance / Ralf Hirschbe)

Sogenannte Hinterhofmoscheen gelten als gefährliche Horte von islamischen Extremisten. Im Wahlkampf geraten Muslime nun stärker in den Blick, einige Politiker fordern ein Islamgesetz. Der Religionssoziologe Rauf Ceylan erklärt im Interview, warum er das für falsch hält.

n-tv.de: Muslime in Deutschland sind ein Wahlkampfthema geworden. Aktuell fordern einzelne Unionspolitiker ein Islam-Gesetz. Sie stützen sich auf Beobachtungen, dass viele Moscheegemeinden nicht zentral erfasst sind und dort zum Teil sehr konservativ gepredigt wird. Kann ein Islam-Gesetz da weiterhelfen?

Rauf Ceylan: Wir sind schon viel weiter. Die Deutsche Islam-Konferenz (DIK) versucht bereits seit 2006, die unterschiedlichen Strömungen an einen Tisch zu bringen, Strukturen zu schaffen, so etwas wie einen "deutschen Islam" zu etablieren, Imame auszubilden, Islamunterricht anzubieten, die Wohlfahrtspflege zu organisieren und vieles mehr.

Nun sagen manche, das hätte alles nichts genützt.

Was die Politik 50 Jahre lang verschlafen hat, kann man nicht in wenigen Jahren aufholen. In den 70er Jahren hieß es "Ausländerproblem", später "Türkenproblem". Religion war jahrzehntelang in der ganzen Integrationsdebatte vollkommen ausgeblendet, das wurde erst nach dem 11. September ein Thema. Auf politischer Ebene wird also erst seit gut zehn Jahren darüber geredet und in denen gab es sehr große Erfolge. Dass es jetzt zum Beispiel Islamunterricht an Schulen gibt, das war keine Kleinigkeit.

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Eine Kritik an der DIK lautet, die hier versammelten muslimischen Verbände verträten nur einen kleinen Teil der Muslime in Deutschland. Wie sollte die Politik mit den nicht-organisierten Muslimen umgehen?

Die Frage ist erst einmal, ob die überhaupt repräsentiert werden wollen? Es gibt ja auch Christen ohne Kirche. Unter den Nicht-Organisierten sind allerdings viele liberale Muslime, die diesen Repräsentationswunsch haben. Daher sollten sie sich auch in Gemeinden organisieren.

Ultrakonservative Hinterhofmoscheen gelten aber als gefährlich. Was ist mit denen?

Die sitzen nicht am politischen Tisch. Unabhängig davon ist es oft schwierig diese Gemeinden zu identifizieren, weil sie nach dem Vereinsrecht wildwüchsig entstehen können. Moscheen sind keine Kirchen. Wenn ein paar Leute sich zusammenfinden und einen Verein aufmachen, kann das ein Kulturverein sein, aber es kann auch sein, dass dort gebetet wird. Das ist bei den zahlreichen freichristlichen Gemeinden in den USA nicht anders. In der Regel sind das aber sehr kleine Vereine. Die Gründungen werden wir auch in Zukunft nicht komplett steuern können.

Rauf Ceylan

Rauf Ceylan

Das heißt, der Staat sollte sich damit abfinden, dass er gegen unter Umständen islamistische Umtriebe nichts unternehmen darf?

Da muss man die Behörden mal in Schutz nehmen. Die problematischen Gemeinden werden bereits observiert und kontrolliert. Zudem dürfen die Grenzen zu Fundamentalisten nicht ignoriert werden. Was der Laie in einer orthodoxen oder konservativen Moschee vielleicht hört, findet er womöglich befremdlich. Das muss trotzdem nicht unbedingt ein Fall für den Verfassungsschutz sein. Dafür gibt es ganz klare Demarkationslinien, wie etwa den, dass zu Gewalt aufgerufen wird. Ich glaube, diese Linien dürfen gerade jetzt nicht verschwimmen.

Zur Person

Rauf Ceylan wurde 1976 in Duisburg geboren. Er ist seit 2009 Professor für gegenwartsbezogene Islamforschung an der Universität Osnabrück. Er ist Autor und Mitherausgeber zahlreicher wissenschaftlicher Bücher zu Muslimen in Deutschland, Salafismus, Migration und Integration.

Unter vielen Deutschen ist die Ansicht verbreitet, dass "die Muslime" mehr tun müssten, um sich zu integrieren. Was muss also die liberale Gesellschaft aushalten und was kann sie fordern?

Das ist ein wechselseitiger Prozess. Die Politik muss zunächst  Angebote schaffen. Ich glaube, der islamische Religionsunterricht ist ganz wichtig, um an die Kinder und Jugendlichen heranzukommen. In einer multireligiösen Gesellschaft muss man lernen, andere Lebensstile zu akzeptieren. Ich muss nicht alles gutheißen. Aber ich muss lernen, Widersprüche zum eigenen Glauben auszuhalten und zu akzeptieren. Gerade in einer multireligiösen Gesellschaft werden ja individuelle Wahrheiten stärker relativiert als in einer homogenen. Die Herausforderung ist, als gläubiger Mensch zu reflektieren. Entweder relativiert man seinen Standpunkt, oder man verfügt über eine reflexive, selbstbewusste Religiosität und sagt, ich glaube trotzdem weiter an meine Wahrheit. Oder es gibt Leute, die dann zu Fundamentalismus tendieren, weil sie sich gerade aufgrund der Unsicherheit stärker an ihre Religion binden. Das ist eine Herausforderung für alle. Ich glaube, dass der Islam und die Muslime sich mit dieser Pluralität auseinandersetzen müssen.

Muslime fühlen sich wegen der Berichte über Hinterhofmoscheen inzwischen auch unter Generalverdacht. Was können die Gemeinden tun, um dem zu begegnen?

Meine Kritik an den Muslimen ist, dass nicht intern diskutiert wird. Es bräuchte ein Format, wo man alle von liberalen bis konservativen an einen Tisch bringt wie bei Kirchentagen, um mal richtig kontrovers zu diskutieren. Gerade ist das immer so, dass diese Positionen innerhalb der Muslime nicht geklärt sind, was uns dann auch in der Islamkonferenz wieder auf die Füße fällt. Dann sitzt man an einem Tisch und hat es mit so vielen Stimmen zu tun. Gerade haben wir die Situation, dass von außen viel herangetragen wird an Problemen. Was die muslimische Community will, das wissen wir gar nicht. Bevor wir über ein Islamgesetz sprechen, brauchen wir eine innerislamische Debatte. Das muss von der muslimischen Basis oder von den Verbänden kommen.

Mit Rauf Ceylan sprach Nora Schareika

Quelle: n-tv.de

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