Politik

Rohingya-Drama in Myanmar Die Friedensikone ist blutverschmiert

Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi.

Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi.

(Foto: REUTERS)

Sie stand einmal für beharrlichen Widerstand gegen Unterdrückung und für Freiheit und Menschenrechte. Doch dieses Bild Aung San Suu Kyis ist zerbrochen. Unter ihrer Obhut spielt sich ein Völkermord ab.

Ihr Name fiel lange Zeit in einem Atemzug mit Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder Nelson Mandela. 1991 erhält sie in Abwesenheit den Friedensnobelpreis. In den Jahren danach scheint Aung San Suu Kyis Weg vorgezeichnet zu sein: Sie wird eine internationale Ikone für Frieden und Freiheit. Solche Figuren werden gebraucht von unterdrückten Minderheiten, um sich gegen ihre Peiniger zu erheben, von Menschen, die Mut brauchen und für Gesellschaften, die für Freiheit und Demokratie kämpfen. Ikonen geben Hoffnung.

Doch sie tragen auch eine schwere Last. Was, wenn sie die hohen Erwartungen irgendwann nicht mehr erfüllen können? Was, wenn die Probleme plötzlich nicht mehr lösbar sind? Was, wenn plötzlich Kompromisse bei Frieden und Freiheit gemacht werden müssen? Dann reißt die Wucht der Realität die strahlende Fassade der Ikone ein. Die Welt wird gerade Zeuge eines solchen Prozesses.

Für Freiheit und Menschenrechte: Aung San Suu Kyi spricht 1989 vor ihren Anhängern. Kurz danach wird sie in den Hausarrest verbannt.

Für Freiheit und Menschenrechte: Aung San Suu Kyi spricht 1989 vor ihren Anhängern. Kurz danach wird sie in den Hausarrest verbannt.

(Foto: Reuters)

Aung San Suu Kyi hatte 1988 den Studentenaufstand in Myanmar, das damals noch Birma hieß, unterstützt und die anschließenden Wahlen triumphal gewonnen. Doch das Militär ließ die Tochter des Nationalhelden General Aung San, der Birma in die Unabhängigkeit führte, nicht an die Macht kommen und setzte sie fest. Zwischen 1989 und 2010 verbrachte "The Lady", wie ihre Anhänger sie nennen, die meiste Zeit unter Hausarrest, rund 15 Jahre. Doch sie ließ sich in dieser Zeit nicht den Mund verbieten.

Als 1995 ihr Mann in England starb, blieb sie in Myanmar. Weil sie wusste, dass die Militärjunta sie niemals wieder hätte einreisen lassen. Mit ihrer scheinbar unendlichen Beharrlichkeit, ihrem unermüdlichen Einsatz für ihre Landsleute schaffte sie es schließlich, die brutale Militärdiktatur aufzuweichen. Bei den Parlamentswahlen 2015 erringt ihre Partei, die Nationale Liga für Demokratie (NLD) schließlich die absolute Mehrheit. Suu Kyi wird Regierungschefin.

Die Heilige ist zur Hexe geworden

Von all dem ist nichts übrig geblieben. Im Westen des südostasiatischen Landes spielt sich aktuell eine menschliche Tragödie ab. Systematisch wird die muslimische Minderheit der Rohingya unterdrückt, vertrieben, vergewaltigt und getötet. Die Gewalt muss derart exzessiv sein, dass innerhalb weniger Wochen nach aktuellen Schätzungen der Vereinten Nationen fast 400.000 Menschen über die Grenze nach Bangladesch geflohen sind, wo die provisorischen Flüchtlingslager aus allen Nähten platzen. Die UN sprechen von einem Völkermord und ethnischen Säuberungen, Hunderte sollen bisher von Soldaten getötet worden sein.

Für diese Minderheit lässt die Ikone von einst keine Empathie erkennen. Völkermord? Suu Kyi lässt jegliche Kritik abprallen, indem sie von "Falschinformationen" spricht. Unabhängigen Beobachtern verwehrt sie den Zugang zu dem Gliedstaat Rakhaing, in dem sich das Drama abspielt. Die Vereinten Nationen setzen das Thema auf die Agenda des Sicherheitsrates, Suu Kyi sagt die Teilnahme an der UN-Vollversammlung ab. Statt den bewaffneten Widerstand der Rohingya, der Arakan Rohingya Salvation Army (ARSA) zu verurteilen, bezeichnet sie die gesamte Bevölkerungsgruppe und damit fast alle Muslime in dem Land als gewalttätig. Vergeblich wartet die Welt darauf, dass sie für die Rechte der Unterdrückten einsteht. Doch Suu Kyi scheint auch noch ausgerechnet jenen Rückendeckung zu geben, von denen die Gewalt ausgeht.

Flüchtlinge der Rohingya-Minderheit warten in einem Flüchtlingslager in Bangladesch auf eine Lebensmittellieferung.

Flüchtlinge der Rohingya-Minderheit warten in einem Flüchtlingslager in Bangladesch auf eine Lebensmittellieferung.

(Foto: REUTERS)

Die Heilige ist endgültig zur Hexe geworden. In muslimisch geprägten Ländern werden öffentlich Fotos von ihr verbrannt. In westlichen Staaten fordern Politiker und Hunderttausende in Online-Petitionen, dass ihr der Friedensnobelpreis wieder aberkannt wird. Steckt hinter dem zierlichen Gesicht des friedlichen Widerstandes doch die Grimasse des Bösen? So einfach ist es nicht.

Zwar hat ihre Partei, die NLD, die Wahlen 2015 haushoch gewonnen. Doch laut der Verfassung sind ein Viertel der Mandate im Parlament für Militärvertreter reserviert. Auch die Besetzung des Verteidigungs- und Innenministeriums sowie das Ressort für die Grenztruppen, wird - Demokratie hin oder her - von Militärs geregelt. Suu Kyi und die NLD haben in diesen Angelegenheiten nichts zu sagen. Außerdem durfte sie, trotz des Wahlerfolgs, nicht Präsidentin werden, weil sie früher mit einem Ausländer verheiratet war. Offiziell ist die De-facto-Regierungschefin nur Staatsrätin. Das Präsidentenamt bekleidet ihr Vertrauter Htin Kyaw.

Machtkalkül vor Menschenrechten

Auch Suu Kiys jüngsten Äußerungen geht hervor, dass sie weiterhin das Land reformieren will. Die absurde Verfassung mit Sonderrechten für Militärs solle geändert, die Generäle entmachtet werden. Myanmar wolle sie zu einem Bundesstaat machen mit mehr Rechten für alle Minderheiten und weniger bewaffneten Konflikten zwischen Milizen und dem Militär. Die Armee mag diese Idee nicht besonders: Sie profitiert von den Konflikten, von Geschäften mit Rebellen und Drogenhändlern, von Rohstoffquellen und dem Firmengeflecht, in dem das Vermögen der Generäle aggregiert wird.

Protest gegen Rohingya in Yangon. Die Stimmung richtet sich nicht gegen bewaffnete Rebellen, sondern gegen alle Mitglieder der Minderheit.

Protest gegen Rohingya in Yangon. Die Stimmung richtet sich nicht gegen bewaffnete Rebellen, sondern gegen alle Mitglieder der Minderheit.

(Foto: REUTERS)

Viele der Militärs sind nationalistische Buddhisten, die Suu Kyi und ihre NLD für zu westlich halten. Das Land müsse vor aggressiven Moslems geschützt werden, glauben sie. Die Rohingya - auch "Bengalis" genannt - sind in diesem Narrativ die Vorhut einer Islam-Schwemme, die das buddhistische Myanmar zu einem muslimischen Staat macht.

Suu Kyi folgt in dieser Situation einem populistischen Reflex: Würde sie sich für die Rohingya stark machen, würde sie ihre Unterstützung in der dominierenden Ethnie der Birmanen möglicherweise verlieren. Wie aufgeheizt die Stimmung gegen Muslime ist, zeigt auch ein Attentat im Januar: Damals wurde der muslimische Berater Suu Kyis, Ko Ni am Flughafen von Yangon erschossen. Zuvor hatte er laut dem "Guardian" an einem neuen Verfassungsentwurf gearbeitet. Nicht ausgeschlossen ist auch, dass nationalistische Militärs die Stimmung in Rakhaing absichtlich anheizen, um Suu Kyis Regierung zu destabilisieren und eine neue Verfassung zu verhindern. Macht sich die "Lady" für die Rohingya stark, riskiert sie also, ihren Einfluss zu verlieren. Das Machtkalkül hat derzeit Vorrang vor den Menschenrechten.

Bisher ist nicht abzusehen, dass Aung San Suu Kyi in dem Konflikt das Wort für die Unterdrückten erhebt. Möglicherweise entscheidet sie sich, weiterhin zu Schweigen oder den Peinigern sogar Rückendeckung zu geben. Dann wird sie nie wieder eine Friedensikone sein. Oder sie entscheidet sich, den Werten treu zu bleiben, die sie einst zu einer solchen gemacht haben. Dann bleibt ihr nur der Rücktritt.

Quelle: n-tv.de


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