Politik

Partei in der Krise Der eine Star, den die Grünen haben

Von Christian Rothenberg, Münster

Cem Özdemir am Hauptbahnhof von Münster.

Cem Özdemir am Hauptbahnhof von Münster.

(Foto: dpa)

Ausgerechnet im wichtigen Wahljahr schwächeln die Grünen. Es fehlt an zugkräftigen Themen und Köpfen. Mit einer Ausnahme: Der Schwabe und Parteichef Cem Özdemir avanciert vor der NRW-Wahl zum wichtigen Wahlkämpfer.

Ein Vormittag in den Osterferien, Passanten bummeln gemütlich durch die Fußgängerzone in Münster, trinken Kaffee und genießen ihr Eis. Cem Özdemir muss schaffen. Er wäscht Fahrräder an einem Wahlkampfstand der Grünen. Der Grünen-Chef ist extra aus Berlin angereist, er und eine mobile Fahrradwaschanlage – das sollte in der Grünen-Hochburg doch ziehen. Aber viele Menschen bleiben nur kurz stehen und gehen dann weiter.

Das ist ein bisschen sinnbildlich. Es wäre eine Überraschung, sollten die Grünen bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 14. Mai aus dem Landtag fliegen, aber eine mit Ansage. Wird die Partei noch gebraucht, würde sie jemand vermissen, wenn sie nicht da wäre? Viele Menschen können diese Fragen zurzeit nicht eindeutig mit Ja beantworten. Vor fünf Jahren holten die Grünen in NRW elf Prozent, in den drei neuesten Umfragen liegen sie nur noch bei sechs Prozent.

Auch in Münster, wo die Partei bei der Kommunalwahl 2014 immerhin zwanzig Prozent erreichte, wird Özdemir mit dem unliebsamen Thema konfrontiert. Natürlich. "Ich habe schon schönere Umfragen gesehen", sagt er. "Aber Umfragen sind keine Wahlergebnisse." Ein Satz, den Politiker gern sagen, wenn die Zahlen gerade nicht so gut sind. Warum die Grünen für NRW so wichtig sind? "Wir mögen die SPD so sehr, dass wir sie ungern allein regieren lassen wollen", antwortet er.

Die falschen Kandidaten

Die Fahrradwaschanlage findet Özdemir "cool". In Berlin fährt er Rad, beklagt jedoch die furchtbaren Radwege. Inzwischen hat er ein noch besseres Verkehrsmittel gefunden: das Pedelec, eine elektronisch unterstützte Ausführung des grünen Vorzeige-Fortbewegungsmittels. "So kann ich im Anzug zu Terminen fahren und bin nicht durchgeschwitzt, wenn ich ankomme. Das ist echt genial", schwärmt er. Kurz darauf hievt Özdemir Räder in die Waschanlage. Zweimal hin und her, dann stülpt er einen Schutzbezug mit Grünen-Logo über den Sattel, fertig. Nebenher gibt er Autogramme und macht Fotos mit Bürgern. "Ich muss kurz gucken, dass das Rad nicht zu lange drin ist, sonst löst es sich noch auf", scherzt er zu einer Frau.

Woran es bei den Grünen hakt? Das Thema Umwelt sei nicht mehr so gefragt und bei der Inneren Sicherheit tue sich die Partei eben traditionell schwer, beklagen die Wahlkämpfer in Münster. Wofür steht ihr eigentlich? In welche Richtung soll es gehen? Diese Fragen bekommen sie häufig zu hören. Ein Kommunikationsproblem, das hausgemacht ist. Bis 2016 glaubten viele bei den Grünen an ein Bündnis mit der Union, auch Özdemir gilt bis heute als Anhänger dieser Variante. Aber spätestens seit dem Aufschwung der SPD zu Beginn des Jahres ist Rot-Rot-Grün wohl die aussichtsreichere Option. Festlegen mag sich die Grünen-Parteispitze nicht. So ist man flexibler, nur eben auch beliebiger. Ein weiteres Problem: Obwohl nach der Bundestagswahl eine Koalition mit CDU und CSU inzwischen wohl fast ausgeschlossen ist, hat die Partei vor einigen Wochen mit Katrin Göring-Eckardt und Özdemir zwei Realos als Spitzenkandidaten nominiert.

"Wenn wir einen Star haben, dann ihn"

Panik? Die Grünen in Münster widersprechen. Angst gebe es bisher eher bei parteinahen Vereinen und Bewegungen wie Naturschutz- und Behindertenverbänden. Was wird aus der Inklusion, wenn die Grünen in Düsseldorf nicht mehr mitregieren, ist eine der Sorgen. Als Ursache für die Krise fällt auch häufig der Name von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. "Das hat die SPD gut gemacht", sagt ein Wahlkämpfer, der neben einem mit Sonnenblumen verzierten Fahrrad steht. Zu Karneval verkleidete sich Göring-Eckardt als Schulz. Aber weder sie noch ihr Ko-Fraktionschef Anton Hofreiter oder Parteichefin Simone Peter haben eine vergleichbare Zugkraft.

Am ehesten noch Özdemir. "Wenn wir einen Star haben, dann ihn", sagt ein Grünen-Wahlkämpfer. Das dürfte der Hauptgrund sein, warum Özdemir in diesen Tagen häufig zwischen Berlin und NRW pendelt. Er absolviert zahlreiche Wahlkampftermine. "Cem-Cession" wird das Townhall-Format bei den Grünen genannt. Bei einigen Auftritten sei es so voll gewesen, dass einige Menschen nicht mehr reingelassen werden konnten. In Münster gibt es Interesse, von Euphorie kann keine Rede sein. Eine Frau beklagt forsch Özdemirs Dialekt, der erwidert, er sei stolz auf seine schwäbischen Wurzeln. Ein Mann wettert über Bayern, über Markus Söder, Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß. Özdemir lacht. "Bleiben Sie uns gewogen", sagt er zum Abschied. Der Mann antwortet: "Ich weiß es noch nicht." Eine Deutschtürkin will ein Foto. Aber im ersten Anlauf guckt das Kind weg, im zweiten blickt der Junge mit dem grünen Schnuller grimmig. Ein Student lobt Özdemir dafür, dass er in einer Talkshow mal die Kanzlerin verteidigt hätte.

Plötzlich gibt es einen lauten Knall. Özdemirs Personenschützer zucken kurz zusammen, aber es war nur ein geplatzter Luftballon. Der Grünen-Chef erhält noch immer besonderen Schutz. Özdemir konnte sich zuletzt mit seinen klaren Äußerungen zum Thema Türkei profilieren, zog sich jedoch auch den Unmut vieler türkischstämmiger Menschen zu. Auch in Münster ploppt das Thema immer wieder auf. Warum so viele Deutschtürken für Erdogan gestimmt haben? "Das ist ein bisschen wie mit Putin. Wenn man ihn direkt erlebt, findet man ihn nicht so cool, als wenn er aus der Ferne strahlt." Man müsse nun eben leben mit den Erdogans, Trumps und Putins. Dann hebt Özdemir ein weiteres Rad in die Waschanlage.

Nach einer Stunde muss er los. Es gibt noch ein letztes Erinnerungsfoto mit den Wahlkämpfern in Münster. "Wir müssen uns einigen, in welche Richtung wir schauen. Nicht, dass jeder woanders hinguckt", dirigiert Özdemir. Dann verabschiedet er sich zum Zug.

Quelle: n-tv.de


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