Politik

Waffen für Neonazis und Salafisten "Der Mythos vom strengen Waffenrecht"

In München tötete am 22. Juli 2016 ein Amokläufer neun Menschen.

In München tötete am 22. Juli 2016 ein Amokläufer neun Menschen.

(Foto: dpa)

Ob in München oder in Berlin - innerhalb weniger Tage erschüttern mehrere Bluttaten Deutschland, begangen mit tödlichen Schusswaffen. "In einem halben Jahr spätestens werden wir wieder vor Gräbern stehen", sagt Roman Grafe, Autor und Sprecher der Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen!", im Gespräch mit n-tv.de. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen das Innenministerium.

n-tv.de Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat nach dem Münchner Amoklauf erklärt: "Unsere Waffengesetze sind schon jetzt sehr streng". Reicht das nicht aus?

Roman Grafe: Der Mythos vom strengen deutschen Waffenrecht ist Propaganda, Sportschützenpropaganda im Originalton. Wir bekommen das nach jedem Amoklauf von den politisch Verantwortlichen in der Bundesregierung serviert. Diese billigen Beruhigungspillen vermindern das Risiko nicht. Sie haben nur einen Zweck - den Bürger ruhig zu halten und zu suggerieren: Wir kümmern uns.

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Wie groß ist denn das Risiko?

Nahezu 6 Millionen tödliche Waffen sind in Deutschland in privaten Händen, etwa 1,5 Millionen Privatwaffenbesitzer gibt es. Die allermeisten von ihnen sind nicht amokgefährdet und werden ihren Nächsten nicht erschießen. Einige schon. Wenn wir wirklich ein scharfes Waffenrecht hätten, müssten wir nicht über die Jahre hinweg so viele Tote beklagen. Allein von 1990 bis 2016 gab es in Deutschland mindestens 235 Sportwaffenopfer. Tatsächlich sind es sicher mehr, nur kann die Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen!" nicht alle nachweisen und die Innenministerien in Ländern und Bund weigern sich, diese Opferzahlen zu veröffentlichen.

Wieso?

Weil sie öffentliche Kritik vermeiden wollen, weil auch viele Verantwortliche in den Ministerien Legalwaffenbesitzer sind und weil sie der Waffenlobby hörig sind. Sie verschleiern und sie lügen. So haben das Bundesinnenministerium und die Bundesregierung auf Anfrage der Grünen von Juni 2014 das Parlament belogen und 18 Sportschützenopfer seit 2000 aufgelistet. Das ist so absurd, weil allein bei den Amokläufen von Winnenden und Erfurt 31 Menschen von Sportschützen erschossen wurden. Insgesamt sind es viel mehr. Das Bundesinnenministerium ist seit Jahrzehnten offenbar auf der Seite der privaten Legalwaffenbesitzer und nicht willens, die Ursachen solcher Amokläufe wie in Winnenden, Erfurt oder jetzt in München zu beseitigen.

Die Karte der Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen" zeigt, wie viele Menschen zwischen 1990 und Februar 2016 mit Waffen von Sportschützen getötet wurden.

Die Karte der Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen" zeigt, wie viele Menschen zwischen 1990 und Februar 2016 mit Waffen von Sportschützen getötet wurden.

(Foto: Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen")

Wie erklären Sie sich, dass sich das Innenministerium so für die Rechte der Sportschützen einsetzt?

Der Innenminister und auch alle andere politisch Verantwortlichen in der Regierung sind davon abhängig, dass eine Mehrheit sie wählt. Schützen-Lobbyisten drohen seit Jahren sehr erfolgreich damit, dass Sportschützen, nimmt man ihnen ihr tödliches Spielzeug weg, anders abstimmen werden. Das gelte nicht bloß für Millionen aktive Schützen, sondern angeblich auch für ihre bis zu 5 Millionen Familienmitglieder. Der Deutsche Schützenbund, der als viertgrößter deutscher Sportbund auftritt, ist sehr aktiv und sitzt bei geplanten Waffenrechtsverschärfungen im Innenministerium mit am Tisch - anders als unsere Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen!". Noch am Vormittag des Amoklaufs von München erklärte die CSU-Politikerin und Europa-Abgeordnete Monika Hohlmeier sinngemäß, dass die geplante, ohnehin minimale Waffenrechtsverschärfung in der EU so nicht kommen werde. Ihr und anderen Politikern ihrer Fraktion sei es gelungen, Belastungen von Sportschützen abzuwenden.

Wer darf überhaupt Sportschütze werden?

Grundsätzlich jeder. In Schützenvereinen dürfen schon Jugendliche das Schießen mit tödlichen Waffen trainieren. Volljährige Schützen, die ein sogenanntes "Bedürfnis" anmelden, können sich nach einem Jahr im Verein eine eigene scharfe Waffe kaufen. Unter den Sportwaffen-Besitzern sind - und das ist dokumentiert - Alkoholiker, Drogenkonsumenten, frühere Stasimänner und DDR-Grenzgruppenoffiziere, Neonazis und Salafisten. Was also soll am deutschen Waffenrecht scharf sein? Der Mythos, dass man besonders zuverlässig sein muss, um eine Waffe besitzen zu dürfen, ist Unsinn. Man darf nur nicht auffallend unzuverlässig sein. Und selbst wenn jemand wegen schwerer Körperverletzung verurteilt wurde, hat er nach einigen Jahren das Recht, als Sportschütze wieder eine scharfe Waffe zu erwerben.

Der Buchautor Roman Grafe gründete nach dem Amoklauf von Winnenden mit anderen zusammen die Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen!"

Der Buchautor Roman Grafe gründete nach dem Amoklauf von Winnenden mit anderen zusammen die Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen!"

(Foto: privat)

Was fordern Sie?

Das, was wir nach den Massakern von Winnenden und Utøya gefordert haben und was schon vor 100 Jahren verlangt wurde: Keine Mordwaffen als Sportwaffen! Sämtliche tödlichen Sportwaffen, egal welchen Kalibers, müssen verboten werden, wenn wir die Opfer ernst nehmen. In Großbritannien und Australien wurden nach Amokläufen bestimmte Schusswaffen verboten und die Zahl der Opfer ging schnell deutlich zurück. In Japan, wo seit den 70er-Jahren scharfe Waffen im Privatbesitz grundsätzlich verboten sind, ist das Risiko, durch eine Gewalttat getötet zu werden, halb so groß wie in Deutschland. Man weicht eben nicht auf das nächste Tatmittel aus - zumal es schwerer ist, mit einem Messer zu morden als mit einer Pistole.

Aber viele, wie zuletzt der Münchner Amokschütze, beschaffen sich Waffen auch einfach im sogenannten Darknet, einem anonymen Bereich des Internets.

Zu sagen, am Darknet könne man kaum etwas machen und illegalen Waffenhandel habe es schon lange gegeben - das ist zu wenig. Zumal die Waffen, die illegal sind, auch alle einmal legal waren, wie die Glock, die der Attentäter von München benutzte. Fest steht, dass jährlich einige Hundert legale Waffen "verschwinden". Einige gehen verloren, andere werden gestohlen, andere verhökern Sportschützen ins kriminelle Milieu. Es gäbe nicht so viele illegale Waffen, wenn der Besitz tödlicher Waffen in Europa oder zumindest in Deutschland verboten wäre.

Doch wieso regt sich so wenig Widerstand gegen die Waffengesetze in Deutschland?

Die Waffenlobby ist so stark, wie die Parlamentarier schwach sind. Und die Parlamentarier sind so schwach, wie die Bürger es ihnen erlauben. Die Mehrheit der unbewaffneten Bürger in Deutschland verdrängt die Möglichkeit, dass sie oder ihre Kinder bei einem Amoklauf erschossen werden können. Diese Verdrängung ist eine Ursache dafür, dass seit 100 Jahren, seit dem Bremer Schulmassaker von 1913, alles immer so weitergeht. Und in einem halben Jahr spätestens werden wir wieder vor Gräbern stehen.

Mit Roman Grafe sprach Gudula Hörr

Quelle: n-tv.de

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