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Zum Tod von Heiner Geißler Der Mann, der klüger wurde

Heiner Geißler auf einem Bild aus dem Jahr 1981.

Heiner Geißler auf einem Bild aus dem Jahr 1981.

(Foto: dpa)

Für die Sozialdemokraten der 1980er-Jahre war Heiner Geißler ein Feindbild. Für Helmut Kohl stand er zu weit links. Nur scheinbar war dies ein Widerspruch.

Wer in den vergangenen Jahren verfolgt hat, was Heiner Geißler gesagt, geschrieben und getan hat, der mag sich gelegentlich die Augen gerieben haben, wenn er an Äußerungen des ehemaligen CDU-Generalsekretärs aus den Achtzigerjahren erinnert wurde. Mit politischen Gegnern ging Geißler nicht gerade zimperlich um. Über die SPD sagte er 1983, sie sei "zu einer Fünften Kolonne der anderen Seite" geworden. Es war der damals schlimmstmögliche Vorwurf: Geißler stellte die SPD als heimlichen Verbündeten der Sowjetunion dar.

Hintergrund dieser Beschimpfung war die Nachrüstungsdebatte, in der die Sozialdemokraten – zumindest seit dem Abgang ihres Bundeskanzlers Helmut Schmidt – an der Seite der Friedensbewegung standen. Auch dazu fiel Geißler eine Boshaftigkeit ein. "Der Pazifismus der dreißiger Jahre, der sich in seiner gesinnungsethischen Begründung nur wenig von dem unterscheidet, was wir in der Begründung des heutigen Pazifismus zur Kenntnis zu nehmen haben, dieser Pazifismus der dreißiger Jahre hat Auschwitz erst möglich gemacht." Die Botschaft hinter diesem Satz war perfide und sie verfehlte ihre Wirkung nicht. Im Bundestag brach ein Tumult aus, der damalige SPD-Fraktionschef Hans-Jochen Vogel verlangte Geißlers Rücktritt als Familienminister.

Zwei Jahre nach dem Eklat im Bundestag warf er der SPD vor, sie lenke "Wasser auf die Mühlen der sowjetischen Propaganda". SPD-Chef Willy Brandt sagte daraufhin über Geißler: "Ein Hetzer ist er, seit Goebbels der schlimmste Hetzer in diesem Land." Der Ausfall mag kalkuliert gewesen sein, er markiert jedoch, wie gut Geißler damals für Sozialdemokraten als Feindbild funktionierte. Geißler war zu dieser Zeit zweifellos der CDU-Politiker, der am rücksichtslosesten austeilte. Zugleich war er innerhalb seiner eigenen Partei einer der profiliertesten Anhänger der katholischen Soziallehre – ein Linker also.

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Wie Helmut Kohl war Geißler ein Kind des Jahrgangs 1930, nur ein Monat trennte die beiden. Wie Kohl erlebte Geißler den Zweiten Weltkrieg und den Untergang Deutschlands: 1945 war er 15 Jahre alt. Nach dem Krieg machte Geißler das Abitur an einem Jesuitenkolleg und überlegte, selbst in den Orden einzutreten. Stattdessen wurde er Jurist, Richter, dann Ministerialbeamter in seiner Heimat Baden-Württemberg und zehn Jahre lang Sozialminister in Rheinland-Pfalz. Kohl machte ihn 1977 zu seinem Generalsekretär. Bis 1987 hatte er dieses Amt inne, so lange wie kein anderer vor ihm oder nach ihm.

"Ich habe mir nichts vorzuwerfen, was den Helmut Kohl betrifft"

Er verlor sein Amt, weil er sich gegen Kohl stellte: Geißler gehörte wie Lothar Späth und Rita Süssmuth zu den Putschisten, die vor dem Parteitag 1989 in Bremen die Abwahl des Vorsitzenden betrieben. Das ging gründlich schief: Noch vor dem Parteitag servierte Kohl seinen Generalsekretär eiskalt ab. Ähnlich wie Wolfgang Schäuble und Kohl haben sich Geißler und der vor drei Monaten verstorbene Altkanzler nie versöhnt. "Ich habe mir nichts vorzuwerfen, was den Helmut Kohl betrifft", sagte Geißler in einer Dokumentation, die 2015 ausgestrahlt wurde. "Und deswegen mache ich auch keinen Schritt und gar nichts."

Was häufig vergessen wird: Geißler war nicht nur für Sozialdemokraten und Grüne ein Feindbild, sondern auch für Erzkonservative. 1988 sagte er in einem Interview mit der "Zeit", er könne nicht einsehen, "warum Ausländer, die in der Bundesrepublik wohnen, arbeiten und sich hier integrieren wollen – Portugiesen, Griechen oder Menschen aus anderen Kulturen –, eine Gefahr für uns bedeuten sollen". Dann folgte ein Satz, der für Parteifreunde eine Zumutung war: "Für ein Land in der Mitte Europas ist die Vision einer multikulturellen Gesellschaft eine große Chance."

Wie später Angela Merkel versuchte Geißler, seine Partei stärker in die Mitte zu führen, mit einer modernen Familienpolitik und einer Erneuerung der Partei. Aus Kohls Sicht war dies die falsche Strategie. Die Union sah sich damals von einer Partei herausgefordert, die deutlich rechts von ihr stand, den Republikanern. In dieser Auseinandersetzung setzten der Kanzler und die CSU auf einen konservativeren Kurs. Auch deshalb musste Geißler gehen.

"Angela Merkel hätte den Friedensnobelpreis verdient"

Für die CDU war der Abgang ein herber Verlust, der nur von Kohls Wirken nach dem Mauerfall und dem Wahlerfolg 1990 überdeckt wurde. Der liberale Geißler, den Kohl vor die Tür gesetzt hatte, um die Wähler der Republikaner zurückzugewinnen, war in den folgenden Jahren so frei, seine Meinung unverblümt kundzutun. Im "Spiegel" plädierte er 1990 dafür, dass Deutschland sich als Einwanderungsland begreift. Fünf Jahre später, nach einer für die CDU knapp gewonnenen Bundestagswahl, veröffentlichte er ein Buch, in dem er Gemeinsamkeiten zwischen den Grünen und der Union diskutierte.

Mit vielen weiteren Büchern über Gott und die Welt und das Bergsteigen festigte Geißler sein Image als Querkopf und Mahner. Er selbst nannte sich einen Grenzgänger. In Tarifkonflikten trat Geißler mehrfach als Schlichter auf, noch als 80-Jähriger vermittelte er beim Streit um das Bahnprojekt Stuttgart 21. Im Jahr 2007 wurde er Attac-Mitglied und zum konservativen Kritiker des Kapitalismus. "Die CDU der 90er hat sich ins Schlepptau der wirtschaftsradikalen Ideologie begeben und schwerste Fehler gemacht", sagte er 2014 in einem Interview mit n-tv.de. "Anfangs ist Angela Merkel dieser neoliberalen Politik gefolgt, zum Beispiel mit der Kopfpauschale, der Lockerung des Kündigungsschutzes und der Abschaffung der Pendlerpauschale. Später hat sie einen Schlussstrich gezogen." Auf wessen Seite Geißler in der Flüchtlingskrise stand, war keine Frage. "Hätte sie zuschauen sollen, wie diese Leute in Ungarn verrecken?", sagte er 2015 und nahm die Kanzlerin gegen Attacken aus der CSU in Schutz. "Angela Merkel hätte den Friedensnobelpreis verdient."

Nicht nur was Kohl betraf, hatte er sich nichts vorzuwerfen. Auf die Frage, ob er seinen Satz über den Pazifismus heute noch wiederholen würde, sagte Geißler "Ja, selbstverständlich." Die Unterstellung, er könne im Alter weich geworden sein, wies er zurück. "Das ist Blödsinn. Weich würde ich das nicht nennen. Und wenn man klüger wird, ist das ja kein Fehler. Mit dem Alter hat das jedenfalls nichts zu tun."

Erst im März erschien sein letztes Buch: "Kann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss?" Auch bei diesem Thema war er ein engagierter Querkopf, der aus seinen Schwierigkeiten mit Gott und den Kirchen kein Geheimnis machte. Bei seinem letzten Talkshow-Auftritt in der Sendung von Sandra Maischberger pries er mit schwacher Stimme das christliche Menschenbild und kritisierte den Islam – ob er damit gegen politische Regeln verstieß, war ihm offenkundig egal. Als Kritiker sah er sich wohl am liebsten. Millionen Menschen würden in Afrika hungern, sagte er, zur selben Zeit würden die Kirchen "Großer Gott, wir loben dich" singen. "In Wirklichkeit ist die Welt total in Unordnung."

Wieder einmal war Geißler ehrlich empört. Wenn jemand stirbt, wird häufig gesagt, dass er oder sie fehlen wird. Selten ist diese Floskel so zutreffend wie jetzt.

Quelle: n-tv.de


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