Politik

Nun ist er da, der Terrorstaat Der IS hatte alle Zeit der Welt

Von Nora Schareika

Der IS suchte sich Unterstützer und war geschickt. Jetzt sind die Kämpfer des Kalifatsstaates finanziell unabhängig, vom Erfolg berauscht und kaum noch zu stoppen.

Der IS suchte sich Unterstützer und war geschickt. Jetzt sind die Kämpfer des Kalifatsstaates finanziell unabhängig, vom Erfolg berauscht und kaum noch zu stoppen.

(Foto: REUTERS)

Erst jetzt scheint der Westen die Gefahr durch den "Islamischen Staat" im Irak und in Syrien in ihrer Tragweite zu erkennen. Dabei sagten die Dschihadisten schon vor Jahren freimütig, was sie mit dem Nahen Osten vorhaben. Die Bedingungen hätten besser nicht sein können.

Das neue Schreckenskalifat im Nahen Osten sei "jenseits von allem, was wir kennen", hat der amerikanische Verteidigungsminister Chuck Hagel gesagt. Er meint damit: Die Terrorgruppe, die sich schlicht und mit bewusstem Anspruch "Islamischer Staat" (IS) nennt, ist aus amerikanischer Sicht schlimmer als Al-Kaida, Saddam Hussein und Baschar al-Assad zusammen. Wer die Gräueltaten der verblendeten Dschihadisten verfolgt hat, wird Hagel spontan Recht geben - auch wenn es müßig erscheint, hier noch Abstufungen an Grausamkeit herstellen zu wollen.

Doch das langsame böse Erwachen der USA angesichts dieser Umwälzung verwundert. Diese Terrorgruppe hatte fast drei Jahre Zeit, sich in aller Gründlichkeit auf das vorzubereiten, was jetzt eingetreten ist. Und das nicht heimlich, sondern mit Ansage.

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Spätestens Anfang dieses Jahres war absehbar, dass sich die IS-Horden vom Westirak und von Nordostsyrien aus ausbreiten würde. Die ersten irakischen Provinzstädte fielen in ihre Hände, die abgelegenen Euphratstädte Deir ez-Zor und Raqqa in Syrien waren ebenfalls endgültig erobert. Damals nannte sich die aus Al-Kaida im Irak hervorgegangene Miliz noch etwas bescheidener "Islamischer Staat im Irak und in (Groß-)Syrien" (abgekürzt Isis oder Isil, da das im arabischen Original verwendete Wort für die Region um Syrien behelfsweise auch mit "Levante" übersetzt wurde). Vielleicht war das ein Trick. Denn der Anspruch, nicht irgendeinen, sondern den einzig wahren und grenzenlosen islamischen Staat zu errichten, bestand von Anfang an.

Nach der Sturmattacke wird die Fahne gehisst

Dem verleihen die von ihrem Erfolg beschwingten Kalifatskämpfer jetzt pausenlos Nachdruck. In einer in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" abgedruckten Reportage der Journalistin Souad Mekhennet sagt das ranghohe IS-Mitglied Abu Yusaf: "Wir erkennen die Grenzen der islamischen Welt nicht an. Wir werden dafür sorgen, dass es sie bald nicht mehr gibt und alle Muslime unter der Sunna und der Flagge des 'Islamischen Staates' leben." Er kann es sich leisten, das so zu sagen. Denn wo der IS in einer seiner rasenden Sturmattacken mit aus US-Beständen erbeuteten gepanzerten Humvees eine weitere Ortschaft überrollt, wird alsbald die schwarze Flagge mit der weißen Kalligrafie gehisst, auf der steht: "Es gibt keinen Gott außer Gott und Muhammad ist sein Prophet - Islamischer Kalifatsstaat."

Die Utopie vom wahren islamischen Staat ist alt und treibt seit jeher alle Islamisten an. Doch keine islamistische Bewegung ist so gründlich und konsequent vorgegangen und hat so günstige Bedingungen vorgefunden wie der IS. "Seit der 'Arabische Frühling' ausgerufen wurde, hat für uns der 'Islamische Frühling' begonnen", wird in dem FAZ-Beitrag ein Dschihadist zitiert. Die Destabilisierung der ganzen Region durch die Regimewechsel und neuen Kriege seit 2011 hat Platz gemacht für die radikalen Islamisten. Doch richtig interessant wurde es für sie, als Syrien unter dem Bürgerkrieg aufhörte, als Ganzes zu existieren und gleichzeitig die Amerikaner aus dem lange nicht befriedeten Irak abzogen. Genau dort, in den dünn besiedelten und faktisch unregierten Gebieten, sammelte der IS seine heutige Kraft.

Der junge Staat des Kalifen Al-Baghdadi ist für radikale Islamisten eine wahrgewordene Utopie.

Der junge Staat des Kalifen Al-Baghdadi ist für radikale Islamisten eine wahrgewordene Utopie.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die Geschichte wiederholt sich

Das ging nicht ohne Hilfe. Der Nährboden für die radikale Idee war bereitet durch jahrelangen Krieg, westliche Besatzung und den Widerstand dagegen. Der erste Schritt war der Krieg der USA im Irak. Al-Kaida im Irak lernte durch den Kampf gegen die US-Truppen, wie man Krieg führt. Vor vier Jahren bereits übernahm der heutige selbsternannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi die Führung der Terrorgruppe, die einst der zweite Mann Al-Kaidas, Abu Musab al-Zarkawi, gründete. Ende 2011 erkannte Baghdadi, dass der damalige "Islamische Staat im Irak" ins zerfallende Syrien ziehen musste, um stärker zu werden. Und das tat er.

Dem syrischen Bürgerkrieg stand die Welt von Anfang an vollkommen hilflos gegenüber. Der Aufstand gegen Machthaber Baschar al-Assad galt als unterstützenswert, weil dieser ein Diktator war, der nach Vorbild seines Vater Hafiz al-Assad mit Geheimdienst und Sicherheitsapparat einen autoritären Überwachungsstaat zusammenhielt. Doch lange vor dem Aufstand war klar: Wenn es in Syrien einmal knallen würde, dann würde es richtig schlimm werden. Das Ausmaß der syrischen Katastrophe heute konnte sich aber niemand ausmalen.

Das Tragische ist: In seiner Hilflosigkeit rang sich der Westen dann doch recht bald durch, die Aufständischen der Freien Syrischen Armee mit Waffen und anderer Ausrüstung zu unterstützen. Später liefen viele dieser nun gut ausgebildeten und ausgerüsteten Kämpfer zum heutigen "Islamischen Staat" über - ganz einfach, weil sie auf der Seite der Sieger stehen wollten. Mit dem IS haben die USA somit nach Al-Kaida ein neues Monster mitgeschaffen, doch es ist größer und cleverer als das alte.

Zur ernstzunehmenden Kriegspartei gereift, wurde der IS dann auch noch von den sunnitischen Herrscherhäusern und reichen Privatiers von der arabischen Halbinsel, vor allem aus Saudi-Arabien und Katar, mit Geld vollgepumpt. Ihr Kalkül: Die sunnitischen Extremisten würden mit Assad einen der wichtigsten Verbündeten des Iran in der Region und vielleicht die an dessen Seite kämpfende schiitische Hisbollah aus dem Libanon gleich mit erledigen. Mit Weitsicht hat das nichts zu tun, doch auf dem Weg zur angestrebten saudischen Hegemonie in Mittelost scheinen solche Mittel recht zu sein. Und auch die Türkei mit ihrer durchlässigen Grenze zu Nordsyrien spielte eine zweifelhafte und undurchsichtige Rolle.

Die Kriegswirtschaft boomt

Je stärker der "Islamische Staat" wird und je mehr er sich auf dem Gebiet des Kalifats konsolidiert, desto schwieriger wird es, ihn wieder loszuwerden. Hier werden ja nicht einfach Gebiete erobert. Hier wird ein neues Gemeinwesen aufgebaut mit Verwaltung, Gerichtsbarkeit und Schulen - nur eben nach radikalislamischen Vorstellungen. Geldhilfen brauchen die Dschihadisten schon lange nicht mehr. Sie besitzen Millionen, betreiben unterirdische Pipelines in die Türkei und machen beste Geschäfte mit erbeuteten Ölfeldern und der dazugehörigen Infrastruktur. Die Kriegswirtschaft boomt. Immer mehr Unterstützer schließen sich an, Männer, Frauen, Jugendliche. Auch sie wollen auf der Seite der Sieger stehen oder einfach nur überleben. Der Sog dieses unglaublichen Erfolges, den nicht einmal Al-Kaida oder die Taliban in Afghanistan geschafft haben, zieht immer mehr verträumte und weniger verträumte radikale Islamisten aus aller Welt magisch an. Der IS ist für sie ein Märchen, die wahrgewordene Utopie.

Das setzt Kräfte frei, lässt Fanatiker aber auch umso skrupelloser und unnachgiebiger werden. Für ihren Gottesstaat schlachten sie Andersdenkende ab. Wenn sie mal gnädig sind, vertreiben sie sie. Die per Internetvideo in Szene gesetzte Enthauptung des amerikanischen Journalisten James Foley markiert dabei nur aus westlicher Sicht einen neuen Höhepunkt, weil diese Aktion direkt an die USA gerichtet, eine Abschreckungsaktion und Machtdemonstration war. Diesen Staat wollen sich die Kalifatskämpfer nicht mehr nehmen lassen, koste es, was es wolle.

Dass die seit dem 11. September 2001 in ihrem weltweit ausgerufenen Kampf gegen den islamischen Terrorismus lange Zeit geradezu paranoiden Amerikaner diese Entwicklung so lange nicht erkennen konnten oder nicht erkennen wollten, ist nicht nur verwunderlich, sondern geradezu erschütternd. Bizarrerweise hatte Obama noch vor zwei Jahren den Krieg gegen den Terror für siegreich beendet erklärt. Nun wird mit Luftschlägen (die die militärisch ausgezehrten USA aber nur widerwillig durchführen) und der Bewaffnung der Kurden der nächste verzweifelte Versuch unternommen, die Geschicke des Nahen Ostens in für den Westen gefälligere Bahnen zu lenken. Doch das kann nach allem, was passiert ist, nur noch schiefgehen.

Quelle: n-tv.de


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