Politik

Revolutionär von Kaisers Gnaden Als Wilhelm II. mit Lenin paktierte

Da liegt die Oktoberrevolution schon hinter ihm: Lenin im Jahr 1921.

Da liegt die Oktoberrevolution schon hinter ihm: Lenin im Jahr 1921.

(Foto: AP)

Am 9. April 1917 beginnt in Zürich eine Reise, die Weltgeschichte machen sollte. Ein wenig bekannter Mann steigt mit Frau und Ex-Geliebter in einen Zug und bringt den Kommunismus nach Russland - ausgerechnet unterstützt vom Kaiser.

Still sein, das konnte Lenin nicht. Selbst im Schlaf fluchte er über seine politischen Gegner, drohte ihnen, agitierte. Eine unangenehme Gewohnheit, machte sie doch seinen nächsten Plan zunichte, wie er endlich nach Russland gelangen könnte, in seine Heimat, wo Anfang dieses Jahres 1917 der Zar gestürzt worden war. Wladimir Iljitsch Uljanow, 46 Jahre alt, Vorsitzender der russischen bolschewistischen Partei, saß 2000 Kilometer und eine Kriegsfront entfernt im Exil in Zürich. Ein Berufsrevolutionär am falschen Ort.

In seiner Verzweiflung spielte er mit dem Gedanken, sich mit einem falschen Pass als taubstummer Schwede auszugeben. Seine Frau Nadeschda Krupskaja, wie immer umsichtig vorausdenkend, winkte ab. Er würde sich an seinen russischen Schimpftiraden im Schlaf verraten und Russland nie erreichen. Oder nur in Ketten. Selbst das schien ihrem Mann aber schon egal zu sein: "Wir müssen irgendwie aufbrechen, und wenn es durch die Hölle ist", schrieb er einem Genossen in Schweden. Und in so einer Situation bleibt nur eine Möglichkeit: Ein Pakt mit dem Teufel - dem deutschen Kaiser. Es sollte ein schicksalhaftes Bündnis werden, das den Lauf der Weltgeschichte entscheidend veränderte. Ohne diese Zugfahrt im April hätte es wohl keine Oktoberrevolution gegeben, und die Geschichte des 20. Jahrhunderts wäre ganz anders verlaufen.

Ein Schweizer Dokument aus dem Jahr 1917.

Ein Schweizer Dokument aus dem Jahr 1917.

(Foto: AP)

Ein windiger Mann mit einem Plan

Die deutsche Führung hatte schon seit Weihnachten 1914 immer wieder über Bande versucht, dem russischen Zaren Friedenssignale zu senden. Der Zweifrontenkrieg in Frankreich einerseits und Ostpreußen andererseits überforderten die Kräfte der Armee, der Stellungskrieg machte schnelle Erfolge unwahrscheinlich. Die Strategen der Obersten Heeresleitung liebäugelten mit einem Ende des Krieges gegen Russland, um die freigewordenen Kräfte an die Westfront zu schicken. Weil alle Avancen an den Zarenhof versandeten, unterstützte das Auswärtige Amt Separatistengruppen, die das riesige russische Reich zersetzen sollten – finnische Freischärler, estnische Nationalisten, turkmenische Dschihadisten.

Im März 1915 stellte sich ein massiger Geschäftsmann namens Helphand vor, damals unter Sozialdemokraten besser bekannt als Alexander Parvus. Er unterbreitete den Beamten einen Plan für einen Massenaufstand in Russland. In der Wilhelmstraße erregten seine Verbindungen in die Sozialdemokratie größten Argwohn, aber seine Idee überzeugte sie. Das Reichsschatzamt stellte dem windigen Anzug-Revoluzzer zwei Millionen Reichsmark zur Verfügung, zur "Unterstützung der russischen revolutionären Propaganda". Parvus mietete sich kurz darauf im noblen Züricher Hotel Baur au Lac ein, um Lenin zu treffen, der wie tausende Russen in dieser Zeit im Schweizer Exil lebte - unter armseligen Bedingungen, als Untermieter bei einem Schuhmacher. Krupskaja erinnerte sich, dass sie nur nachts das Zimmer lüften konnte, weil der Gestank einer nahen Wurstfabrik tagsüber Kopfschmerzen verursachte.

Ein gefährlicher Pakt

Lenin hasste Parvus, wie er so viele Linke hasste, die er für Abweichler von der richtigen Linie hielt. Und Lenins richtige Linie war außerordentlich schmal. Er war ein Radikaler unter Radikalen. Während in St. Petersburg die Februarrevolution die alte Welt des Zaren hinweggefegt hatte, verlangte er nicht etwa eine Konsolidierung auf einen demokratischen Kurs, sondern die Umwandlung des Krieges in einen revolutionären Bürgerkrieg. Eine Idee, die seine eigene Frau zu der Bemerkung veranlasste, Lenin sei wohl "leider verrückt geworden". Doch sie und der getreue Haufen der Bolschewiki wollten nach Russland zurück. Und Parvus war der Mann, der die Reise durch Deutschland einfädelte und sich gleichzeitig wieder fünf Millionen Reichsmark zusätzlich sicherte. Ob und wie genau das Geld tatsächlich in die Kassen der Bolschewiki floss, wurde nie zweifelsfrei bewiesen. Die Indizien lassen aber den Schluss zu: Die gute Qualität der legendären Parteizeitung "Prawda" verdankt sich deutschem Gold.

Der Plan des deutschen Kaisers geht nicht auf.

Der Plan des deutschen Kaisers geht nicht auf.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Jedenfalls willigten die Beamten des Kaisers trotz ihrer Abscheu vor Revolutionären wie Lenin in den Deal ein, "da wir Interesse daran haben, daß Einfluss des radikalen Flügel der Revolutionäre in Rußland Oberhand gewinnt", wie ein Staatssekretär vermerkte. Nur Lenin zögerte. Die ersten Annäherungsversuche deutscher Mittelsmänner wies er brüsk zurück. Zwar war der Zar gestürzt, doch die Provisorische Regierung führte den Krieg gegen das Deutsch Reich weiter. Nahm Lenin die Hilfe des Kaisers an, war er ein ausländischer Agent, ein Verräter. Letztlich folgte er aber doch einer Devise, die der junge Karl Marx einmal so beschrieben hatte: "In der Politik kann man mit dem Teufel paktieren. Aber man muss sich sicher sein, dass man selber den Teufel austrickst, und nicht andersherum." Der Bolschewistenführer stellte also Bedingungen, die wichtigste: Der Waggon gilt als exterritoriales Gebiet.

Revolutionäre Disziplin im Zug

Am Morgen des 9. April fand sich die Reisegesellschaft mit rund 30 Männern, Frauen und Kindern auf dem Züricher Bahnhof ein, unter wüsten Beschimpfungen von russischen Exilanten. Schweizer Sozialisten hatten Geld für die Tickets bis an die deutsche Grenze in Gottmadingen gesammelt, von dort sollte es über Stuttgart, Frankfurt und Berlin bis Sassnitz gehen. Der berühmte plombierte Waggon der Großherzoglich Badischen Staatseisenbahnen, in dem Lenin und seine Reisegefährten Richtung St. Petersburg zuckelten, war vieles: ungemütlich, muffig, laut. Eines war er nicht: plombiert. Tatsächlich wurden nur drei von vier Türen verschlossen, gelegentlich durften die Reisenden bei Stopps kleine Spaziergänge machen. Natürlich hatten die Deutschen zwei Begleiter abgestellt, doch eine Kreidelinie vor ihrem Abteil markierte das exterritoriale Gebiet.

Lenin hatte sich einen einfachen Holzwaggon ausbedungen, mit Holzbänken und nur drei Abteilen der Zweiten Klasse. Eines davon belegte Lenin mit seiner Frau, im Abteil dahinter reiste seine ehemalige Geliebte Inessa Armand, die von Lenin immer noch mit wichtigen Aufgaben betraut wurde. Den Russen stand nur eine Toilette zur Verfügung, die ständig von Rauchern blockiert wurde, da Lenin das Rauchen auf dem Flur verboten hatte. Der Parteiführer regelte das Problem höchstselbst: Er verteilte Wartescheine. Außerdem erklärte er die Einhaltung der Nachtruhe zur revolutionären Pflicht - es nervte ihn gewaltig, dass einige Genossen ständig die Marseillaise schmetterten, angeheitert durch das Bier, das die deutschen Begleiter in Singen verteilt hatten.

Nur ein Plan geht auf

Immer wieder hielt der Zug, in Berlin soll Lenin den Waggon sogar für geheime Gespräche mit Vertretern des Auswärtigen Amts verlassen haben. In Frankfurt versuchte ein Vertreter der SPD mit Lenin zu sprechen, der ihn abwimmeln ließ. Es reichte schon, dass halb Russland ihn für einen Agenten des Kaisers hielt, er durfte sich nicht dem Verdacht aussetzen, direkten Kontakt zu Deutschen gehabt zu haben. In Sassnitz verließ die Reisegruppe Deutschland mit einem Tag Verspätung am 12. April mit der Fähre Richtung Trelleborg. Das Auswärtige Amt hatte die Reise nur bis nach Stockholm garantiert, der Hauptstadt des neutralen Schweden. Weil die Bolschewiki aber vergessen hatten, Passier-Visa zu besorgen, mussten die Beamten in Berlin noch eine Extraschicht einlegen und den ungeliebten Verbündeten aus der Patsche helfen. Von Stockholm aus reisten Lenin und seine Gefolgschaft nordwärts nach Haparanda, dem Grenzort zur damaligen russischen Provinz Finnland.

Lenins Zug – lesen, hören, schauen

Als eine maßgebliche Quelle zu den Ereignissen im Zug Richtung Russland gilt die Reisebeschreibung des Schweizer Sozialisten Fritz Platten. Er veröffentlichte seine Erinnerungen 1924 in dem Buch "Lenins Reise durch Deutschland im plombierten Wagen", zuletzt aufgelegt 1985 im ISP-Verlag. Stefan Zweig zählte Lenins Fahrt zu seinen "Sternstunden der Menschheit", die im Gutenberg-Projekt online verfügbar sind – und in der Hörbuchfassung bei Argon Klassik. Der Italiener Damiano Damiani (u.a. "Nobody ist der Größte") verfilmte die Geschehnisse 1988 in "Lenins Zug" mit Ben Kingsley in der Hauptrolle. In Deutschland wurde der Historienfilm als TV-Zweiteiler ausgestrahlt, zu finden ist er heute auf den gängigen Plattformen im Internet. Neu erschienen ist dieser Tage das Buch "Lenins Zug – Die Reise in die Revolution" der englischen Historikerin Catherine Merridale (S.Fischer, 25,00€). Sie bietet einen faszinierenden Blick auf die angespannte Lage im Russland des Jahres 1917, in dem die linksbürgerlichen Revolutionäre vor der Macht erstarren, die Entente-Partner verzweifelt auf eine Fortsetzung des Krieges drängen – und sich mit Lenin ein Hasardeur von Zürich aus aufmacht, den Weltenlauf zu erschüttern. Merridale konzentriert sich auf die britische Sicht, was für Einsteiger hierzulande die Hürde etwas zu hoch ansetzt. Wer sich mit der Geschichte schon einigermaßen auskennt, wird dank der frischen Perspektive allerdings viel Neues entdecken.

Unter Historikern gilt das "hätte, wäre, wenn" als verpönt, in diesem Fall ist es zu verlockend. In ihrem aktuellen Buch "Lenins Zug" schildert die britische Historikerin Catherine Merridale den letzten Abschnitt der Reise wie in einem Agenten-Krimi: Die Briten, Kriegsverbündete der Russen und nicht an einer weiteren Revolution interessiert, hatten ihre Spione überall. Sie hätten Lenin erschießen können - es hätte für Aufsehen und Spannungen gesorgt, aber im Nachhinein hätte die britische Regierung den Preis wahrscheinlich gern gezahlt. Ein britischer Agent kontrollierte Lenin auch aufreizend lange, doch die russische provisorische Regierung gab nicht die Erlaubnis für die Verhaftung. Die Verantwortlichen in St. Petersburg hielten Lenin für ungefährlich, weil er sich durch seinen Pakt mit dem Kaiser kompromittiert habe. Eine Fehleinschätzung.

Am 16. April zog Lenin triumphal auf dem finnischen Bahnhof von St. Petersburg ein, empfangen von der Ehrengarde der Kronstädter Soldaten und tausenden Anhängern. Auf einem Panzerwagen hielt er eine Rede, in der er Frieden versprach – und den Bürgerkrieg predigte. Die Oberste Heeresleitung kabelte ein paar Tage später an das Auswärtige Amt: "Eintritt Lenins nach Russland geglückt. Er arbeitet völlig nach Wunsch." Mit seinen "Aprilthesen" zu Frieden, Brot und Land war er zunächst sogar im eigenen Lager isoliert, gewann aber unter den Soldaten und einfachen Arbeitern immer mehr Anhänger. Sie waren die Basis für die Machtübernahme im Oktober. Lenins Plan war aufgegangen. Und in Deutschland sinnierte Kaiser Wilhelm II. über ein "Bündnis oder Freundschaftsverhältnis" mit Russland gegen die Westmächte. Sein Plan war nicht aufgegangen. Zwar hatte er Russland destabilisiert, mit dem Frieden von Brest-Litowsk im März 1918 aus dem Krieg genommen und seine Armeen Richtung Westen geworfen. Aber am Ende hatte der Kaiser den Krieg und seine Krone verloren – und sich zum Geburtshelfer der Revolution gemacht.

Quelle: n-tv.de