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IS-Videos, Schläge, kaum Essen Paar soll Frau über Tage gequält haben

Das angeklagte afghanische Ehepaar bestreitet die Vorwürfe.

Das angeklagte afghanische Ehepaar bestreitet die Vorwürfe.

(Foto: dpa)

Neun Tage lang soll ein Paar aus der Nähe von Darmstadt eine junge Frau eingesperrt und gefoltert haben. Das Opfer soll unter anderem genötigt worden sein, Koranverse auswendig zu lernen. Vor Gericht bestreiten die Angeklagten die Vorwürfe.

Von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ist die Rede, von Geiselnahme und vom Koranlernen unter Schlägen. Seit Wochenbeginn steht ein aus Afghanistan stammendes Ehepaar in Darmstadt vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 44-Jährigen und seiner 37-jährigen Frau vor, eine Halbschwester des Angeklagten eingesperrt, zum Koranlesen gezwungen und mit Propagandavideos des IS "radikal-islamisch indoktriniert" zu haben. Der Ehemann weist die Vorwürfe zurück, seine Frau will sich erst einmal nicht äußern. 

"Ich bin nicht der dargestellte radikale Islamist", lässt der 44-Jährige seinen Anwalt gleich zu Beginn des Prozesses vorlesen. "Es gab keine Propagandavideos. Ich hätte auch nicht gewusst, wie ich an so etwas herankomme." Er habe gar keinen Internet-Anschluss besessen. Die Vorwürfe seien erfunden. Seine Verwandtschaft habe ihn in die Zange genommen, weil er nicht weiter Geld habe zahlen wollen. "Ich sehe das Verfahren als eine Intrige an."

"Drohung mit dem Tod"

Die 28 Jahre alte Halbschwester soll laut Anklage 2015 in einer Wohnung in Eppertshausen (Kreis Darmstadt-Dieburg) in einem Zimmer eingeschlossen und körperlich misshandelt worden sein. Neun Tage habe die Frau Koranverse lernen müssen. Wenn sie eine Sure nicht korrekt ausgesprochen habe, sei ihr mit Stock und Kabelende auf den Mund und die Hände geschlagen worden - "unter Drohung mit dem Tod". Essen und Trinken habe es nur wenig gegeben. "Nur unter Beobachtung durfte sie auf die Toilette gehen", so die Anklage. Die 28-Jährige habe sich "ständig Lobreden des IS anhören" müssen und habe "in der Not" einen Schwur auf die Ziele der Terrormiliz leisten müssen. 

Die Vorwürfe im Zusammenhang mit dem IS werden allerdings nicht von der Staatsanwaltschaft Darmstadt bearbeitet, sondern in solchen Fällen für Hessen zentral von der Staatsanwaltschaft Frankfurt. Die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen, hieß es dort. Obwohl die Anklagevorwürfe in Darmstadt im Kern Geiselnahme und gefährliche Körperverletzung sind, kommt die Terrormiliz IS in dem Verfahren ständig vor.

Ein Bauernjunge - kein Kämpfer

Für Aufsehen sorgte die Aussage einer Schwester des Opfers. Sie erschien aus Angst nicht im Verhandlungssaal, sondern wurde per Video in einem anderen Gerichtszimmer befragt. Die 32-Jährige sagte unter Tränen und mit Unterbrechungen, ihre Schwester sei "ein Häufchen Elend" gewesen. Die Videos hätten "Leute gezeigt, die hingerichtet werden". Die 32-Jährige ist wie die 28-Jährige Nebenklägerin. Der Angeklagte soll ihr ins Gesicht geschlagen haben, als sie einen Streit habe schlichten wollen. Die 28-Jährige selbst will nicht vor Gericht erscheinen. Sie beruft sich auf das Zeugnisverweigerungsrecht. 

Der Verteidiger des 44-Jährigen verlas auch eine Erklärung seines Mandanten zu dessen Leben. Er sei "ein Bauerjunge gewesen und nicht in die Schule gegangen". Als er fünf Jahre alt war, sei sein Vater gestorben. Einen als Kommandanten bezeichneten Mann habe er mit Waffen versorgt. "Ich selbst war aber nie Kämpfer." Seine Mutter sei nach Deutschland gegangen, er selbst dann auch. Seine Stiefvater habe später dann aber immer weiter Geld aus ihm herauspressen wollen.

Wegen der Geiselnahme der 28-Jährigen hatte es bereits im August einen Prozess gegeben. Vorwürfe gegen einen 19-Jährigen - laut Staatsanwaltschaft ein Sohn der jetzt Angeklagten - wurden allerdings eingestellt. Der junge Mann erhielt aber eine Haftstrafe von drei Jahren wegen schwerer sexueller Nötigung.  Für den Prozess in Darmstadt sind fünf Verhandlungstage vorgesehen.

Quelle: n-tv.de , jwu/dpa

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