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Junge Menschen sozial abgehängt Für 3,7 Millionen ist die Chancen-Ampel rot

Von Christoph Rieke

Insgesamt gibt es laut Jugendhilfe-Experten 3,7 Millionen Heranwachsende, die "zu den Verlierern ihrer Generation" gehören.

Insgesamt gibt es laut Jugendhilfe-Experten 3,7 Millionen Heranwachsende, die "zu den Verlierern ihrer Generation" gehören.

(Foto: imago/McPHOTO)

Für viele junge Menschen haben sich die Zukunftschancen verbessert. Doch noch immer werden fast vier Millionen Heranwachsende ausgegrenzt. In einer Studie bieten Jugendhilfe-Experten eine Lösung für das Problem an.

Jungen Menschen in Deutschland geht es prächtig: Das Bildungsniveau steigt, immer mehr Jugendliche studieren im Ausland und sie engagieren sich in zivilgesellschaftlichen Gruppen. "Die Chancen-Ampel für die Generation U27 steht auf Hellgrün", verkündet Karin Böllert. Dennoch stünde sie "längst noch nicht auf Dunkelgrün". Böllert leitet die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ). In ihrem aktuellen "Chancen-Check" untersuchen die Pädagogen, wie gut es den etwa 22 Millionen Menschen im Alter von 0 bis 22 Jahren geht – und ziehen darin ein weitaus weniger euphorisches Fazit.

"Startchancen in das Leben werden nach wie vor vererbt", sagt Böllert bei der Vorstellung des Kinder- und Jugendmonitors in Berlin. Sie begründet dies mit sogenannten Risiko-Lagen: Eltern ohne Berufsausbildung, ohne Job oder mit geringem Einkommen. So wüchsen 10 Prozent der jungen Menschen ohne erwerbstätige Eltern auf, 19 Prozent seien von Armut bedroht. Insgesamt seien es 3,7 Millionen Heranwachsende, die "zu den Verlierern ihrer Generation" gehörten. Zwar sei nicht jedem armen Kind der soziale Aufstieg verwehrt, betont Böllert. Doch dies geschehe dann unter deutlich erschwerten Bedingungen. "Sie sind sozial abgehängt." Zudem bemängelt die AGJ, dass viele Jugendliche sich mit einem "Stotter-Start" in den Arbeitsmarkt konfrontiert sähen.

Karin Böllert ist Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ).

Karin Böllert ist Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ).

(Foto: dpa)

Schlüssel zum Erfolg liegt in Kitas

Da der soziale Aufstieg und der Bildungserfolg maßgeblich immer noch vom Elternhaus abhängen, fordert Böllert zum einen eine "einkommensabhängige Kindergrundsicherung". Mit einer solchen Kindergeldreform könne man die Folgen des geringen Eltern-Einkommens abfedern. Erhebliches Verbesserungspotenzial sieht die AGJ zum anderen in der Kita-Politik. Insgesamt fordert die AGJ eine "Qualitätsoffensive", die vor allem auf eine Verbesserung des Betreuungsangebotes abzielt.

Zudem hebt Böllert die soziale Bedeutung der Betreuungsangebote für die ganz Kleinen hervor: "Die Kitas sind Türöffner in die Gesellschaft". Zwar besuche laut dem Monitor jedes dritte Kind unter drei Jahren eine Kita, bei den Über-Dreijährigen sind es sogar 95 Prozent. Doch gerade bei den rund 120.000 Flüchtlingskindern unter sechs Jahren bestehe laut Böllert erheblicher Nachholbedarf: "Mit jedem Kind, das seine Kitachance verpasst, ist auch eine wertvolle Integrationschance vertan." Weil viele Flüchtlingskinder gar nicht wüssten, "dass es Kitas gibt", spricht sich Böllert für "Werbestrategien in den jeweiligen Herkunftssprachen" aus, um die zugewanderten Kinder noch vor dem Beginn des Schulalters zu erreichen.

Steigendes Bildungsniveau

Immer wieder beruft sich Böllert bei der Pressekonferenz auf die im "Chancen-Check" postulierten "22 Millionen jungen Chancen", die in Deutschland bestünden. Und immer mehr Heranwachsende scheinen dem Monitor zufolge ebenjene Möglichkeiten zu nutzen. Dies gilt vor allem im Bildungsbereich. Demnach ist die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss auf 5,7 Prozent gesunken und 41 Prozent der Schüler machten Abitur. Im Hinblick auf die Qualität der Abschlüsse sind diese Zahlen allerdings wenig aufschlussreich. Besonders erfreut zeigte sich Böllert über die Zahl der Studierenden, die seit 2010 um 27 Prozent auf 2,8 Millionen gestiegen sei. Mittlerweile hätten mehr als 100.000 im europäischen Ausland studiert.

Das steigende Bildungsniveau hat laut AGJ direkte Auswirkungen auf die Akzeptanz des politischen Systems. "Je höher der Bildungsabschluss, desto zufriedener sind die Jugendlichen mit der Demokratie", so Böllert. "Junge Menschen sind Demokraten." Dennoch spricht sich die AGJ für "politische Bildung" als Schulpflichtfach aus – und fordert ein Wahlrecht ab 16 Jahren.

Vom 28. bis 30. März werden in Düsseldorf Zehntausende beim 16. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag darüber debattieren, wie man eine alternde Gesellschaft künftig gerechter gestalten kann - damit die Chancen-Ampel für alle in der Farbe der Hoffnung aufleuchtet.

Quelle: n-tv.de

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